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Rivalitäten um neue Moslem-Republiken

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Kaum hatten 1991 die Moslem-Republiken der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erklärt, intensivierten die Regierungen in Ankara und Teheran ihre Bemühungen um Einfluß in der Region.

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Kaum hatten 1991 die Moslem-Republiken der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erklärt, intensivierten die Regierungen in Ankara und Teheran ihre Bemühungen um Einfluß in der Region.

Der Kemalismus, die Staatsideologie der modernen Türkei, distanzierte sich in den zwanziger Jahren bewußt vom Pan-Türkismus, um den Bestand der aus dem Osmanischen Reich in die nach-imperiale Epoche hinübergeretteten Türkischen Republik nicht durch zentralasiatische Abenteuer zu gefährden, die zur Konfrontationmitderjungen Sowjetmacht geführt hätten.

Spätestens seit 1991 sehen sich auch die eingefleischtesten Kemalisten einer völlig neuen Situation gegenüber: insofern nämlich, als die Turkvölker der einstigen Sowjetunion von Ankara ein Engagement in Zentralasien erwarten, und zwar sowohl wirtschaftlicher als auch kultureller und sogar politischer Natur. Rußland und die Ukraine verfolgen die Entstehung eines türkischen Blocks vor ihrer Haustür mit Sorge, doch angesichts der Möglichkeit iranischer Einflußnahme in Zentralasien erscheint ihnen die türkische Option als das kleinere Übel.

Türkei als „Modell“-Staat

Iran gilt zwar in den Augen der türkischen Führungsschicht nicht als eine Großmacht, doch zweifellos als ein emstzunehmender Störfaktor. So sehen es auch die Amerikaner, die im Pan-Türkismus eine willkommene Alternative zum Khomeini-Islamis-mus sehen. Das kam beim Staatsbesuch des türkischen Ministerpräsidenten Demirel in Washington im Januar 1992 offen zur Sprache. Demirel bot sich öffentlich an, den Iranern in Zentralasien die Stirn zu bieten, und ein erleichterter Präsident Bush nannte die Türkei „ein Modell“ für die im Demokratieaufbau begriffenen Moslem-Republiken der ehemaligen Sowjetunion.

Ankara war geschickt genug, als Vermittler zwischen Aseris und Armeniern aufzutreten, woran Washington besonders gelegen ist, besteht doch in den USA eine nicht zu verachtende armenische Lobby. Außenminister James Baker legte sich dann auch in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, und in der aserbeidscha-nischen Hauptstadt Baku kräftig ins Zeug, um die beiden Streithähne an einen Tisch zu bringen, wenngleich die Kämpfe in der auf aserbeidscha-nischem Territorium liegenden armenischen Enklave Nagorny-Karabach an Intensität erst einmal zunahmen.

In Ankara war man sich darüber im klaren, daß die Türkei ihr Verhältnis zu den Armeniern verbessern muß, wenn sie von Europäern und Amerikanern als Partner ernst genommen werden will. Deshalb beteiligten sich die Türken massiv an den Hilfsaktionen nach der Erdbebenkatastrophe in Armenien. 1992 schien man auch in Eriwan pragmatischer zu werden und auf ein gutes Verhältnis zu Ankara hinzuarbeiten, um nicht in eine tür-kisch-aserbeidschanische Umzingelung zu geraten.

Die Perser zogen mit und hatten eigentlich die besseren Voraussetzungen dafür, der Iran hat eine armenische Minderheit, deren Los - im Vergleich zu dem anderer ethnischer oder religiöser Minderheiten - zumindest ertragbar ist. Im Grunde genommen sollte kein Ort so geeignet sein, Armenier und Aseris an einen Tisch zu bringen wie gerade Teheran. Dennoch verlief ein Besuch Außenminister Velayatis in Eriwan und Baku ergebnislos. Ja, es gab deshalb in der persischen Presse sogar heftige Kritik am stümperhaften Arbeiten des eigenen Außenministeriums.

Zwar vermochte auch Ankara nicht, den armenisch-asyrischen Streit bei-

zulegen, doch erwiesen sich die Türken in diesem Falle als die geschickteren Diplomaten. Diese erste und für Ankara besonders heikle Runde ging an die Türken.

Die Türkei hat keinen direkten Zugang zu Aserbeidschan, weil Armenien dazwischen liegt. Anders sähe es aus, wenn der an die Türkei grenzende Teil Iranisch-Aserbeidschans sich mit ehemals Sowjetisch-Aser-beidschan zusammenschlösse. Unter den Aseris in Iran gibt es eine starke Strömung, die das gerne sähe, wenngleich sich nicht mit Sicherheit sagen läßt, ob dies die Meinung einer Mehrheit ist. Immerhin gab es in Iranisch-Aserbeidschan 1954 eine kurzlebige Unabhängigkeitsbewegung, die vom Schah nur mit britischer Hilfe niedergeschlagen werden konnte.

Auf jeden Fall ist man in Teheran besorgt. Die Aseris, von manchen Persern als „Türken“ verspottet, stellen mit mehr als acht Millionen die stärkste Minderheit Irans dar. Ihre Hauptstadt, Täbris, war nach der iranischen Revolution Hochburg derOp-position gegen das Khomeini-Regi-me und ist es wohl noch heute.

Aus Furcht vor der ethnischen Sprengkraft an der Nordgrenze war man in Teheran erst einmal gar nicht geneigt, die Unabhängigkeit der neuen Staaten anzuerkennen. Überhaupt wurde die Auflösung des Sowjetimperiums mit Sorge betrachtet, fehlt doch nun der Gegenpol zur Großmacht USA. Boris Jelzin gilt in Teheran als Marionette Washingtons, des-

halb atmete das Regime beim Moskauer Putschversuch auf. Präsident Rafsandschani suchte allerdings geschwind auszugleichen, indem er dem nach Moskau zurückkehrenden Gorbatschow sofort gratulierte. Der radikale Flügel in Teheran zieht jedoch über Jelzin her und schimpft ihn einen neuen Zaren im Solde der amerikanischen Kreuzritter.

Wirtschaftlich scheinen die Iraner den Türken gegenüber insofern im Vorteil, als sie mehr Geld zur Verfügung haben, um es in Zentralasien auszustreuen. Tatsächlich ist dem jedoch nur bedingt so; denn das Einkommen aus dem Ölexport wird dringend für den Wiederaufbau des vom irakisch-iranischen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Landes benötigt. Das heißt, die Iraner brauchen eigentlich ihr Geld zu Hause genauso nötig wie die Türken, insofern ist das Bild von den Abgesandten der Ayatollahs, die in Baku, Aschka-bad, Duschanbe, Taschkent und Alma Ata wie reiche Onkel aus Amerika auftreten, ein falsches. Teheran geht sozusagen aufs Ganze und riskiert dabei Engpässe im eigenen Land, die sich mit der Zeit als gefährlich für das Regime der Mullahs erweisen könnten (siehe dazu auch Seite 6).

Solche Risiken kann sich die türkische Regierung nicht leisten. Die Türken sind auf ihr Expertise angewiesen, von dem sie mehr besitzen als die Perser. Türkische Baufirmen sind seit zwei Jahrzehnten in mehreren arabischen Staaten, besonders Libyen, recht gefragt. Ihre Architekten, Ingenieure und Unternehmer kommen nun

zum Einsatz in Turkmenistan und Usbekistan.

Dabei sind sie den Persern gegenüber im Vorteil; denn mit Ausnahme von Tadschikistan spricht man in der Region Sprachen, die dem Türkischen so verwandt sind, daß manch einer sich weigert, sie anders denn als Dialekte zu bezeichnen. Das moderne Türkisch der Türkei gilt außerdem als nachahmenswert, in Zentralasien schaut man auf zur Türkiye Cumhuri-yeti, zur Türkischen Republik.

Ankara hat dann auch gleich eine zweite Runde g«gen Teheran gewonnen. In den Muslim-Republiken entschloß man sich nämlich, die von den Russen aufgezwungenen kyrillischen Buchstaben zu ersetzen. Die Sendboten der Ayatollahs plädierten dafür, die arabische Schrift wieder einzuführen, doch die meisten der neuen Staaten entschieden sich für die lateinischen Buchstaben, und zwar gemäß

der in der Türkei gängigen Schreibweise. Damit ist der türkischen Presse und dem Verlagswesen ein riesiger Markt erschlossen.

Die Perser müssen sich auf das kleine Tadschikistan beschränken. Tadschikisch ist eine „veraltete“ Form des Persischen, sehr ähnlich dem in Afghanistan gesprochenen Dari. In Teheran gilt Tadschikisch als archaisch.

Zusätzlich erschwerend wirkt sich aus, daß die Muslims in der ehemaligen Sowjetunion in der großen Mehrzahl Sunniten sind und dem hanafiti-schen Ritus angehören, wie die Türken in der Türkei. Das gilt auch für die persisch-sprachigenTadschiken.Eine Ausnahme bilden die Aserbeidscha-ner. Hier muß sich zeigen, ob sie ihres Schiitentums wegen stärker zur Mul-lahkratie Teherans hinneigen, oder ihrer türkischen Sprache wegen stärker zur Demokratie Ankaras. Erste Anzeichen deuten daraufhin, daß der ethnisch-sprachliche Faktor stärker ist als der religiöse.

Das soll nicht heißen, den Persern sei der Zugang nach Zentralasien versperrt. Trotz türkischer Sprache und sunnitischer Konfession standen Turkmenen und Usbeken lange im Sog der groß-iranischen Zivilisation. Diese Bindung ist alt, war doch Iran selbst bis zum Jahre 1500 mehrheitlich sunnitisch und seinerseits stark von Tura beeinflußt, also den Gebieten im Norden. In den wichtigsten Kulturzentren Zentralasiens wie Buchara und Samarkand war man generell zweisprachig: Türkisch und Persisch. Literaten und Religionsgelehrte studierten nicht nur arabische, sondern auch persische Literatur.

Vorläufig läßt sich diese persische Dimension jedoch nicht mit der türkischen Ausstrahlung vergleichen, zumal Aseris und Turkmenen, Usbeken und Tadschiken von der wirtschaftlichen Entwicklung Irans alles andere als beeindruckt sind. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, im Februar 1992 auf Einladung Teherans an einer Sitzung der aus den sechziger Jahren stammenden Organisation für Regionale Entwicklungszusammenarbeit (Pakistan, Iran, Türkei) teilzunehmen, die 1985 wiederbelebt wurde und nun in einen Islamischen Gemeinsamen Markt verwandelt werden soll.

Der türkische Präsident Turgut Özal nahm teil und fand bei den Vertretern der neuen Moslem-Republiken mehr Zuspruch als die iranischen Gastgeber. Ankara hat Mühe, den hohen Erwartungen der Volksgenossen in der ehemaligen UdSSR nachzukommen.

Islamische EG

Teheran reagiert auf den türkischen Vormarsch “mit einer heftigen Propagandakampagne und setzt alle Hebel an, ihn aufzuhalten. Das geschieht unter anderem durch Unterstützung für den Kurdenaufstand.

In einer scharfen Reaktion warnte Teheran Ankara davor, in der ehemaligen UdSSR als Agent der USA aufzutreten und der Islamischen Republik den Rang streitig machen zu wollen. Die iranische Antwort auf die Herausforderung durch die Türkei werde nicht lange auf sich warten lassen.

Die Konturen dieser Auseinandersetzung werden noch schärfer, wenn man das alles in der saudi-arabischen Presse nachliest. Früher hatte Riad Ankara den Laizismus vorgehalten und gefordert, die Türken sollten vom Kemalismus Abstand nehmen und sich wieder den arabischen Quellen des Islam zuwenden. Heute scheint man in Saudi-Arabien froh zu sein, wenn der Türke den Perser besiegt, ganz gleich, ob der Türke ein Kemalist oder Wahhabit ist.

Erstes Schlachtfeld der Auseinandersetzung ist Aserbeidschan. Von einem auf die Türkei eingeschworenen Aserbeidschan würde unweigerlich ein Sog auf den iranischen Teil Aserbeidschans ausgehen. Käme es dazu, dann wäre auch Iranisch-Kurdi-stan nicht zu halten, und die sunnitischen Turkmenen Irans würden sich Turkmenistan anschließen wollen.

Zweites Schlachtfeld wird wohl Usbekistan sein. Bakhtyar Karim (Karimov), anti-islamistischer Philosophie-professorund Pan-Türkis, an der Akademie der Wissenschaftern Taschkent, schätzte im Frühjahr 1992, daß von den 20 Millionen Usbeken etwa drei Millionen sich gegenwärtig für die Islamische Republik Iran begeistern.

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