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Robert Spaemann und die Frage „Wozu?"

1945 1960 1980 2000 2020

Kommt die Teleologie -laut Duden „die Lehre von der Zielgerichtetheit und Zielstrebigkeit jeder Entwicklung im Universum oder in seinen Teilbereichen" - wieder in Mode? Ein neues Buch macht diese Frage aktuell.

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Kommt die Teleologie -laut Duden „die Lehre von der Zielgerichtetheit und Zielstrebigkeit jeder Entwicklung im Universum oder in seinen Teilbereichen" - wieder in Mode? Ein neues Buch macht diese Frage aktuell.

Die immer noch weitverbreitete Auffassung, derzufolge die neuzeitliche Naturwissenschaft von allem Anfang an roachtf örmig, das heißt primär an der Kontrolle und Beherrschung der Natur interessiert gewesen sei, gehört zu jenen scheinbar unausrottbaren Mythen- und Legendenbildungen, die bis zum heutigen Tag die Geschichte der modernen Naturwissenschaft umranken. Wie wir inzwischen längst aus einschlägigen wissenschaftshistorischen Untersuchungen wissen, ging es ja den geistigen Vätern der neuzeitlichen Naturwissenschaft keineswegs um Macht, sondern um die religiöse Selbstvergewisserung mittels rationaler Erkenntnis der Schöpfungsordnung.

Niemand hat das so klar und treffend beschrieben wie Max Weber, als er schrieb: „Wenn Sie sich an den Ausspruch Swammer-dams erinnern: ,Ich bringe Ihnen hier den Nachweis der Vorsehung Gottes in der Anatomie einer Laus', so sehen Sie, was die indirekt protestantisch und puritanisch beeinflußte wissenschaftliche Arbeit damals sich als ihre eigene Aufgabe dachte: den Weg zu Gott.

Den fand man damals nicht mehr bei den Philosophen und ihren Deduktionen: Daß Gott auf diesem Weg nicht zu finden sei, auf dem ihn das Mittelalter gesucht hatte, das wußte die pietistische Theologie der damaligen Zeit. In den exakten Naturwissenschaften aber, wo man seine Werke physisch greifen konnte, da hoffte man seinen Absichten mit der Welt auf die Spur zu kommen."

Indem wir heutige Selbstverständlichkeiten in die Geschichte hineinprojizieren, vergessen und verdrängen wir die Tatsache, daß die sogenannte „Physiko-Theolo-gie", die die nach Maß, Zahl und

Gewicht geordnete Natur nach den Gesichtspunkten von Zweck, Ziel und Sinn erforschen wollte, bis zum 18. Jahrhundert eine ganz zentrale Rolle gespielt hat.

Seit dem Verschwinden der Physiko-Theologie, diesem letzten Widerschein theologischen Denkens, hat sich die kausal-mechanistische Erklärungsweise der Natur nicht nur restlos durchgesetzt, ihre Ansprüche sind auch ebenso allumfassend wie lückenlos und Gegenbewegungen, beispielsweise der sogenannte „Vitalismus" in der Biologie, nehmen sich im Hinblick auf diese Hauptströmung des wissenschaftlichen Denkens wie hoffnungslose Nachhutgefechte aus.

Die Frage „Wozu?", seit der Antike eine Kardinalfrage philosophischen Denkens, wurde spätestens seit Darwin aus dem Kanon theoretisch akzeptabler Fragestellungen verdrängt, die Betrachtung natürlicher Abläufe und Bewegungen, insbesondere von Organismen, unter dem Aspekt ihrer Zielrichtung für unzulässig erklärt.

Teleologie — so die herrschende Auffassung — sei eine unkritische und voreilige Übertragung menschlichen Zwecksetzens auf den Bereich des Organischen, sei „anthropomorph".

Genau hier setzen der bedeutende Münchner Philosoph Robert Spaemann und sein Assistent Reinhard Low in ihrem Buch „Die Frage wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens" mit ihrer vehementen Kritik am herrschenden Anti-Te-leologismus an. Sie tun dies auf dem Hintergrund einer Geschichte des teleologischen Denkens -von den Vorsokratikern, Plato, Aristoteles und Thomas von Aquin über Leibniz, Kant, Sendling und Hegel bis zu Schopenhauer und Nietzsche —, wie sie mit solcher Sachkenntnis und Materialfülle bislang wohl noch kaum geschrieben wurde.

Die Natur aus sich selbst heraus verstehen: das ist für den modernen Menschen ein Gedanke, der, wenn überhaupt, nur äußerst schwer nachvollziehbar ist. Zu sehr wurde die Natur im Laufe der letzten dreihundert Jahre, zunächst aus religiösen Gründen, dann aus Gründen ihrer Be-herrschbarkeit auf das Leblose, Tote und Mechanische reduziert, und die letzten Reste an Spontaneität und Subjektivität zu Gunsten einer lückenlosen Welt-Mechanik aus ihr ausgetrieben, als daß wir überhaupt noch in der Lage wären, ihre Sprache zu verstehen.

Hatte es zunächst den Anschein, daß die kausal-mechanistische und die teleologische Weltsicht durchaus miteinander kompatibel sind und in einer Art friedlicher Koexistenz nebeneinander bestehen können, so hat sich inzwischen das stets prekäre Gleichgewicht fast vollständig zu Ungunsten der teleologischen Weltsicht verändert, woran neben dem veränderten Erkenntnisinteresse durchaus auch gewisse Auswüchse, Entartungserscheinungen und Ungereimtheiten des teleologischen Denkens Schuld tragen mögen.

Die entscheidende Wende wurde durch die Deszendenztheorie von Charles Darwin herbeigeführt. Ehe es sich Darwin versah, hatte die Diskussion über seine Theorie die Grenzen der Biologie überschritten.

Es war vor allem Ernst Haeckel, der den entscheidenden Schritt von der wissenschaftlichen Theorie zum materialistischen Monismus als Weltanschauung und Religionsersatz getan hat.

Aber auch eine Reihe anderer Disziplinen, wie die Systemtheorie, die Kybernetik, die Informatik und die Spieltheorie, haben zu einer Befestigung des Evolutionsgedankens und damit indirekt auch des naturalistischen Monismus beigetragen.

Besonders kritisch setzen sich die beiden Autoren mit jenen Behauptungen auseinander, die die Entstehung des jeweils Neuen, an den kritischen Naht- und Ubergangsstellen des Evolutionsprozesses zu erklären beanspruchen: nämlich die Entstehung des Lebens, des Bewußtseins und des Sittlichen.

Spaemann und Low sehen klar, daß die Reduktion der Natur auf Systemkausalität unter einem ganz bestimmten Erkenntniswillen steht: nämlich dem Willen zur Naturbeherrschung.

Mit Recht weisen die Autoren darauf hin, daß diese Auffassungsweise, würde sie sich endgültig durchsetzen, verhängnisvolle Konsequenzen haben müßte. Sie unterstellt das menschliche Dasein selbst als Mittel zum Zweck seiner eigenen Erhaltung und genau diese Inversion, um nicht zu sagen Perversion des teleologischen Denkens, ist das Wesen des Nihilismus.

Progressive Naturbeherrschung als oberstes Ziel kehrt sich in letzter Konsequenz gegen den Menschen: diese Einsicht ist spätestens seit dem ökologischen „Schock" zwingend geworden.

DIE FRAGE WOZU? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Von Robert Spaemann und Reinhard Low. Piper-Verlag, München 1981,300 Seiten, öS 273,60.

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