7040010-1990_13_08.jpg
Digital In Arbeit

Roboter melkt Gen-Kuh

1945 1960 1980 2000 2020

Die Mikroelektronik eröffnet den Bauern neue Möglich- keiten. Über natürliche Art- grenzen hinweg können „ideale" Tiere und Pflanzen konstruiert werden. Eine ethi- sche Bewertung fehlt noch.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Mikroelektronik eröffnet den Bauern neue Möglich- keiten. Über natürliche Art- grenzen hinweg können „ideale" Tiere und Pflanzen konstruiert werden. Eine ethi- sche Bewertung fehlt noch.

Der Melkstand ist menschen- leer. Die Kühe werden elek- tronisch identifiziert, Sensoren orten das Euter, automatisch setzt das Melkzeug an, automatische Messungen am Gemelk geben In- formationen über Gesundheitszu- stand und Leistung des Tieres. Ein Rechner registriert und verarbeitet die Daten; dadurch kann jede Kuh intensiv überwacht und die Fütte- rung laufend optimiert werden. Sechs-, acht- oder auch zehnmal am Tag suchen die Tiere den Melk- roboter auf. Jetzt bestimmen ihre physiologischen Regelmechanis- men und nicht der Mensch den Melkrhythmus. Das schafft mehr Wohlbehagen und verbessert die Leistung. Nach den bisherigen Ver- suchsergebnissen steigt der Milch- ertrag um 15 Prozent, Fett- und Ei- weißgehalt erhöhen sich um zehn Prozent."

Dieses Szenario aus dem Buch „Die Zeche zahlt der Bauer" ist keine Utopie mehr. Auf 80 Kühe legen die Holländer bereits die kleinsten Melkroboter aus, die Anfang der neunziger Jahre in Praxisbetrieben stehen sollen. ¦

Die Mikroelektronik wird auch in der Pflanzenproduktion völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Ei- nes der denkbaren Beispiele: Sen- soren auf dem Feld erfassen Pflan- zenwachstum und Witterungsver- lauf und geben die Daten in ein betriebliches Informationssystem ein. Zusammen mit überbetriebli- chen Informationen lassen sich daraus exakte Prognosen für Dün- gung und Pflanzenschutz erarbei- ten. Über Bordcomputer auf Trak- toren und Maschinen wird die Durchführung gesteuert und im Zentralrechner des Betriebes ver- arbeitet; auch Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft lassen sich durch den Einsatz spezieller Sensoren erfassen.

Obwohl die einzelnen Vorhersa- gen hinsichtlich der Entwicklung landwirtschaftlich-biotechnologi- scher Märkte sehr unterschiedlich ausfallen, stimmen doch alle Pro- gnosen gemäß eines umfassenden Berichtes des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forste in Bonn darin überein, daß sich die Volumina dieser Märkte weltweit bis zum lOOfachen ver- größern lassen. Ein wichtiges Seg- ment nimmt die züchterische Ver- besserung bestehender und neuer Kulturpflanzenein. Der Jahresum- satz an Saatgut wird für die USA mit etwa sechs Milliarden Dollar angegeben. Die Amerikaner sind der größte Markt für Saatgut (45 Prozent des Weltmarktes), gefolgt von Europa mit 40 Prozent.

Generelle Aktivitäten, agrarpoli- tisch von beachtlicher Relevanz, sind dabei:

J» Höhere Erträge sollen vor allem urch den Einsatz von Pflanzen mit Resistenzen gegen Krankheitserre- ger und Schädlinge beziehungswei- se Herbizide erzielt werden.

• Verbesserung der Qualität der Nutzpflanzen durch Erhöhung des Nährwertes sowie von Geschmack- oder Inhaltsstoffen. Das beinhaltet zum Beispiel die Anhebung des An- teils bestimmter essentieller Ami- nosäuren, etwa Lysin bei Gerste.

• Entwicklung neuer Methoden im Pflanzenschutz: in diese Kategorie fällt die Erhöhung der Frost-Resi- stenz von Nutzpflanzen mittels ge- netisch veränderter Bakterien oder die Anhebung der Resistenz gegen- über Insekten durch den Einbau von Abwehrmechanismen aus Nutzungen auf der Basis von In- sektenviren.

• Unter den nachwachsenden Roh- stoffen spielen Stärke, Zucker, Zellulose sowie Öle und Fette die wichtigste Rolle. Die Weltpro- duktion dieser Substanzen steht aber in keinem Verhält- nis zum Ver- brauch begrenzt verfügbarer pe- trochemischer Rohstoffe wie Erdöl, Steinkoh- le und Erdgas. Nur ein Bruch- teil der jährlich nachwachsenden Bio-Masse von etwa 120 Milliarden Tonnen (das entspricht dem 1 OO.OOOf achen jährlichen Erdölver- brauch), wird verwertet, der Rest verrottet.

Der größte Teil der von der Land- wirtschaft erzeugten nachwachsen- den Rohstoffe entfällt auf den Nah- rungsmittelsektor. Hier zeichnen sich aber in den Industrieländern große Veränderungen im Konsum- verhalten ab, die sich einerseits auf die Agrarmärkte auswirken wer- den, anderseits auch ein weites Feld für hochpreisige, auch biotechno- logische Erzeugnisse eröffnen. Nur zehn Prozent der nachwachsenden Rohstoffe gehen in die biotechno- logische Industrie. Es stimmen daher die meisten agrarpolitischen Programme darin überein, daß eine erhöhte Versorgung der westeuro- päischen chemischen und biotech- nologischen Industrie mit Rohstof- fen aus heimischen Agrarer- zeugnissen erstrebenswert wäre.

• In der Tierproduktion sind die gentechnischen Möglichkeiten sehr groß und daher von erheblicher agrarpolitischer Auswirkung. Die künstliche Besamung der Haustie- re und die Tiefkühlung von Sperma haben sich weitgehend durchge- setzt, der Embryo-Transfer wurde in den letzten Jahren zur Praxisrei- fe entwickelt und ist in vielen Zucht- programmen ein fester Bestandteil. Zukunftsaufgaben beziehen sich auf die Geschlechtsbestimmung der Embryonen oder auf die mikrochi- rurgische Zerteilung der befruch- teten Eizellen.

Es ist sicherlich unrichtig, zu behaupten, es gäbe einen abgeklär- ten und ausgereiften agrarpoliti- schen Standpunkt zur Beurteilung von erwünschten oder nicht er- wünschten Auswirkungen der neu- en Biotechnologie. Es fehlt aber auch noch an politisch konsensfä- higen Entscheidungen, die neben den ökonomischen und wissen- schaftlichen Aspekten auch die ethischen und gesellschaftspoliti- schen Dimensionen dieses großen Forschungsbereiches aufzeigen.

Unbestritten ist aber, daß dieser Forschungsbereich, - insbesondere die Möglichkeiten der weitreichen- den Veränderung lebender Orga- nismen durch gezielte Neukombi- nation von Erbgut (Gentechnik) - Perspektiven eröffnet, die der Land- und Ernährungwirtschaft eine bes- sere Anpassung an wirtschaftliche und um weltpolitische Rahmenbe- dingungen ermöglichen könnte. In Teilbereichen ist aber heute schon ein Entwicklungsstand erreicht, der eine ethische Bewertung des tech- nisch Machbaren erfordert.

Der Autor ist Leiter der Abteilung für Agrar- politik und Statistik im Landwirtschaftsministe-

rium

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau