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Sadat und der „Weg Österreichs

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Präsident Sadat war wieder einmal Weltreisender. Statt der geplanten Februarrunde durch westägyptische Oasen, wo er durch sein persönliches Auftreten dem wachsenden libyschen Einfluß unter Beduinen und Berbern entgegenwirken wollte, bestieg der ägyptische Führer seine Privat-Boeing 747, die ihn zuletzt im November nach Jerusalem getragen hatte. Diesmal ging es in Washington, London und Paris, bei München, in Salzburg und Bukarest darum, die inzwischen schon wiederholt durch Rückschläge gefährdete Friedensgeste von Jerusalem durch konkrete Friedensprinzipien zwischen Ägypten und Israel zu untermauern. Zwar hatte schon vor Sadats Auf-

bruch im Kairoer Tahra-Palast wieder Fest- und Hochstimmung geherrscht: Denn nach zweiwöchiger Unterbrechung waren zum Monatswechsel die Verhandlungen zwischen Sadats Vizepremier Ga-massi, seines Zeichens Generalfeldmarschall, Kriegs- und Rüstungsminister, und dem israelischen Verteidigungsminister Weiz-mann weitergegangen.

Doch die dreitägigen Gespräche waren mehr ein Hinweis auf menschlich gutes Einvernehmen und prinzipielle Einigungsbereitschaft, als sie konkrete Ergebnisse erbringen konnten. Diese heikle Aufgäbe blieb Sadat selbst auf dem Umweg über Amerikaner und Europäer vorbehalten.

Was der ägyptische Staatschef an Vorschlägen über den Atlantik mitnahm, er mit Schmidt in Oberbayern, Kreisky an der Salzach und Ceausescu in den Karpaten erläuterte, ist ein Friedensplan, der sich am österreichischen Staatsvertrag von 1955 orientiert. Kairo hatte sich in den letzten Jahren wiederholt zum „Weg Österreichs“ bekannt, was innenpolitische, soziale und wirtschaftliche Konzepte mit einer Koexistenz recht konservativer und ausgeprägt sozialistischer Strukturen betraf. Neu ist jedoch seine Anwendung des österreichischen Modells auf die Nahostfrage.

Sadats Parallelen klingen aber recht plausibel: Die Araber haben gegen Israel den Krieg verloren -Österreich mit Deutschland 1945 auch. Dann folgten zehn Jahre Besatzung: An der Donau bis 1955, auf Sinai, Westbank, Golan und im Gazastreifen nach 1967. Dann sind sogar die Russen aus Österreich abgezogen, und genau dasselbe sollen jetzt eben die Israelis aus den besetzten arabischen Gebieten tun.

Immerhin ist Sadat realistisch genug zu wissen, daß sich auch Wien seinen Staatsvertrag nicht ersun-gen und ertanzt, sondern durch harte Zugeständnisse, ja eine Art Souveränitätsbeschränkung hinsichtlich der Verpflichtung zur Neutralität, von Rüstungsverboten und der Klauseln gegen Monarchie und das habsburgische Haus Österreich erkauft hat. Und insoferne ist auch Ägypten nun endlich bereit, im Sinne Begins in eine Souveränitätsbeschränkung des künftigen arabisch-palästinensischen Heimlandes einzuwilligen. Der neue Kompromiß in der Mitte zwischen der von Israel für Westjordanland und Gazastreifen angebotenen Autonomie und dem von Kairo ursprünglich geforderten Recht auf Selbstbestimmung und Eigenstaatlichkeit läuft auf eine „Mitbestimmung“ der Palästinenser hinaus. Wohlgemerkt: Der Palästinenser und nicht der PLO, deren noch auf dem Arabergipfel von Rabat 1974 großartig verkündeten Alleinvertretungsanspruch die Ägypter schon stillschweigend abgeschrieben haben.

Ebensowenig ist Sadat bereit, einen Finger in Richtung der palästinensischen ,Maximalforderungen“ zu rühren, die den Staat Israel als solchen in Frage stellen wollen oder eine Rückkehr zum UN-Teüungs-plan von 1947 fordern. Was jenseits der Linien von 1967 liegt, ist nach Kairoer Ansicht „realistisch gesehen MTUoiderbringlicJi verloren“. In Sadats Umgebung kursiert dazu der - vermutlich von ihm selbst geprägte - drastische Vergleich vom .^Autounfall der Palästinenser“: „Wer überfahren wurde und den Fuß verloren hat, bekommt ihn nicht wieder, und wenn er vorher zehnmal im Recht war!“

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