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Salzburgs Zukunft

Salzburgs Festspiele sind in die Jahre gekommen: Sie feiern heuer ihren „Siebziger". Und in einem Gedenk-Vorabend, der den Festspielreigen heuer am 26. Juli eröffnet, wird man goldene Worte aufbieten und hehre Erinnerungen hervorkramen, um die epochale Festspielidee Hugo von Hofmannsthals, Max Reinhardts, Richard Strauss' und anderer brillanter Köpfe zu würdigen. Sie hatten ein

Fest der Künste in einer Atmosphäre der Weltoffenheit versprochen - und lieferten dabei eines der ersten modernen Beispiele für Kunst und Umwegrentabilität. Der Gedanke, daß die künstlerischen Darbietungen der Salzburger Festspiele ein solches Maß an Einnahmen und Wertschöpfung einschlossen, faszinierte natürlich. Zumindest, solange die Festspielidee intakt blieb und Programme und Künstle,rengagements nicht Ergebnis wirtschaftlicher Kalkulationen wurden.

Spätestens zu Beginn der achtziger Jahre kündigte sich jedoch die Krise an. Geschäft und Umwegrentabilität drückten plötzlich kräftig auf Konzeption und Programmgestaltung, drückten auf Künstlerengagements und Kontakte zu Plattenfirmen und ließen unter Herbert von Karajan die Festspiele in Salzburg eher nach einem Privatimperium des Maestro aussehen, denn nach einem Festival, das von der Republik Österreich, von Stadt und Land Salzburg und dem Fremdenverkehrsverband getragen wurde.

Salzburg war je nach Bedarf zur „ Wiederaufbereitungsanlage" von Uralt-:Produktionen des Maestro, _ zum Lieferanten für seine privaten Osterfestspiele und 'zum Spielfeld jener Künstler gewwrden, die Karajan in diesem Imperium untergebracht wissen wollte.

Selbstverständlich haben Salzburgs Festspiele zu allen Zeiten ihres Bestehens- ausgenommen die Jahre der NS-Herrschaft - scharfe Kritik erfahren und harte Abrechnungen :über sic.h ergehen lassen müssen. Aber das war und ist gut so: Ein Festival, das sich im Glanz

sündteurer Namen sonnt - von Jessye Norman, Agnes Baltsa, Luciano Pavarotti und Placido Domingo bis zu Sir Georg Solti, C!audio Abbado, Riccardo Muti, James ·Levine, Seiji.Ozawa und Zubin Mehta-, ist nur zu gern bereit, si;h zwischendurch dem Diktat solcher Namen auch auszuliefem. ????Qarantieren sie do????h jene spektakulären Auftritte, Clie das internationale (Geld-')Publikum anlocken und helfen zugleich über abgenützte Festspielideen, eine mangelnde Festspieldramaturgie und uninteressante Programmgestaltungen hinweg.

Gerade in den letzten Jahren der Ära Herbert von Karajans wurde

dies bis zum Überdruß dur????hexerziert. L.uxuriöse Namen, die rapid an Glanz verloren, zunehmende Konzeptlosigkeit, eine ehrsam um Neues bemühte, aber in Fällen .wie George Tabori, Friedrich Gulda oder Nikolaus Harnoncourt erschütternd unglücklich ,agierende Festspielführung. Das alles ließ �lie Festspiele in ein Mittelmaß abdriften, daß sie zum Tagesgespräch und zum Politikum wurden.

So wurde eine Ablöse des amtierenden Präsidenten Albert Moser und seines FestsP,ielge????eralsekretärs Franz Willnauer gefordert - und durchgesetzt. Es war politischer Klugheit zu danken, daß diese

alte Garde nicht in einem Rieseneklat vor die Tür gesetzt wurde, sondern bis zum Jahr 1991 im Amt bleibt und die nächste Festspicl.führung mit· dem Intendanten und künstlerischen Leiter Gerard Mortier, Heinrich Wiesmüller als Prä.,. sident und Hans Landesmann als Winschaf.tsverantwortlichem ins: bestehende Festspieldirektorium integriert wurde. Eine Phase det Einarbeitung scheint so gewährleistet.

Ist nun Salzburgs Festspiel-Zukunft neuer Glanz sicher? Alle hoffen es, aber keiner kann es bestätigen. Da hängt für' das Mozart-Jahr 1991 wie ein Damokles-Schwert die Forderung nach gültigen Mozart- Aufführungen über den Köpfen der Festspielführung. Schon heuer stehen Seiji Ozawa und Nikolaus Lehnhoff mit der Neuinszenierung von „ldomeneo" unter starkem Erfolgszwang. Dasselbe gilt f:ür Sir Georg Solti 1991 mit der Aufführung der „Zauberflöte":

Das neue Führungsteam Mortier- Landesmann-Wiesmüller . -plant aber ????leichzeitig ab 1992 eine Strukturreform, in der teure Karten pQch teurer · :werden sollen, durch verbilligte ,Karten der mittleren Kategorie neues Publikum hereirigeholt 'und die Progra????onzeption der Festspiele völlig ????????euert werden soll„

Neues Re'gietheater und eine neue Opernästhetik sollen durch Regisseurer- wie Luc Bondy, Claus Peymann, Ursel un,d Karl???? Ernst Hermann - in Salzburg · heimisch gemacht. werden. ln Salzburg bisher kaum gespielt???? Opern - wie Leo·s Janaceks „Aus einem Totenhaus" oder „Kat]a Kabanova" , oler Clau;le Debussys „Pelleas und Melisande" sollen aufgeführt werden, Uraufführunge.μ neuer Opern, die der Festspielidee gerecht werden (wie ·????twa Olivier Messiaens „Franz von Assisi"), sind geplant.

Dem Starbetrieb hat Gerard Mortier in einem Interview bereits eine Absage erteilt: „Für mich ste'­ hen der Komponist und sein Wer???? im Mittelpunkt. Ich will keine Sängerporträts "1ehr in Salzburger Auslagen sehen! " Ein Bekenntnis, dessen künstlerisch,e und letztlich auch kommerzielle rragwe,ite noch niemand weitergedacht hat. Wird das Festspielpubli????um da mitz????????- hen?

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