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Sammlung des Ostens

1945 1960 1980 2000 2020

Von den Umwälzungen im europäischen Osten, derfür die orthodoxe Christenheit ein Schwerpunkt ist, könnte auch die gesamtorthodoxe Willensbildung wichtige Impulse erhalten.

1945 1960 1980 2000 2020

Von den Umwälzungen im europäischen Osten, derfür die orthodoxe Christenheit ein Schwerpunkt ist, könnte auch die gesamtorthodoxe Willensbildung wichtige Impulse erhalten.

Der Ökumenische Patriarch Dimitrios I. von Konstantinopel zeigt sich zuversichtlich: „Der Umstand, daß jetzt manche Schwe- sterkirchen unter neuen, freieren Verhältnissen zu leben beginnen, läßt uns hoffen, daß günstigere Vor- aussetzungen für die interorthodo- xe Zusammenarbeit entstehen."

Ohne sich ausdrücklich zum Zerfall des kommunistischen Herr- schaftsbereichs zu äußern, hat das Ehrenoberhaupt der Weltorthodo- xie in einem unlängst im Phanar geführten Gespräch mit der Au- stria Presse Agentur hervorgeho- ben, wie sehr er die Freude der Kirchen und der Christen teile, „die nun für ihren Glauben und ihre Ausdauer belohnt werden".

Im Rahmen seiner „Reise der Liebe, des Friedens und der Ein- heit", die ihn 1987 auch nach Rom, nach Canterbury und an den Sitz des Weltkirchenrates in Genf führ- te, hatte der Ökumenische Patriarch die beiden größten autokephalen Tochterkirchen Konstantinopels, die russische und die rumänische, besucht. Beide müssen heute mit den für sie schmerzlichen Auswir- kungen der Wiederzulassung der unierten Kirchen fertig werden, die vor mehr als vier Jahrzehnten bru- tal in die Illegalität gezwungen worden waren.

Auseinandersetzungen mit stark nationalistischer Färbung haben in den vergangenen Monaten in den westukrainischen Eparchien viel böses Blut zwischen Unierten und Orthodoxen gemacht. Um dieses „dornige Problem" zu überwinden und eine Blockierung des Annähe- rungsprozesses zu vermeiden, be- darf es nach Patriarch Dimitrios „der Liebe, der Aufrichtigkeit und des Gebets beider Seiten." In die jüngsten Verhandlungen zwischen dem Vatikan und der russisch-or- thodoxen Kirche war der Phanar nicht direkt einbezogen.

Keine Lösung des Konfliktes, der das Verhältnis zum Papsttum und zur Kirche Roms empfindlich bela- stet, aber doch „substantielle Fort- schritte, die einen gerechtfertigten Optimismus zulassen", erwartetder Ökumenische Thron von der näch- sten Vollversammlung der offiziel- len katholisch-orthodoxen Dialog- kommission im Juni in München. Der theologische Dialog mit den Katholiken und anderen christli- chen Glaubensgemeinschaften werde im Bewußtsein des „heiligen Charakters dieser historischen Auf- gabe und der gemeinsamen Verant- wortung gegenüber der Kirche Christi und der ganzen Welt" ernst- haft, offen und frei geführt, betont der Patriarch.

Dimitrios I. hat die panorthodo- xen und ökumenischen Zielsetzun- gen, mit denen sein 1972 verstorbe- ner Vorgänger Athenagoras sowohl beim Moskauer Patriarchat als auch bei der Kirche Griechenlands auf viel Unverständnis und Ablehnung gestoßen war, weiterverfolgt und dabei stets die Bedeutung der or- thodoxen Einheit für die Dialoge mit den anderen Kirchen, Konfes- sionen und Religionen unterstri- chen: „Das kommende 21. Jahrhun- dert des Christentums mit seinen vielen Aufgaben (...) braucht eine vereinte, erneuerte, ihrer Geschich- te und den Erwartungen ihrer Gläu- bigen und der ganzen Welt würdige Orthodoxie."

Die mühsame Vorbereitung des seit Jahrzehnten sehnlich herbei- gewünschten allorthodoxen Kon- zils befindet sich jetzt in ihrer letz- ten Phase, in der es nach Auffas- sung des Patriarchen um „schwie- rige, aber nicht unlösbare Fragen" geht. Die „Heilige und Große Syno- de", die erste derartige Versamm- lung der Ostkirche seit dem VII. ökumenischen Konzil von Nizäa (787), soll „die eine und echte Stim- me" der Orthodoxie auch zu den brennenden Problemen der moder- nen Gesellschaft hörbar machen.

Im Herbst soll mit Zustimmung der Oberhäupter aller Gliedkirchen die interorthodoxe vorbereitende Kommission zusammentreten. Kein Konsens bestand bisher, insbeson- dere mit der russischen Kirche, über die Themen der Autokephalie und Autonomie - beziehungsweise den Modus ihrer Proklamation, sowie über die Jurisdiktionsbereiche der orthodoxen Diaspora.

Nachdem den Initiativen seiner Vorgänger Meletios IV. (1923) und Photios II. (1930) kein Erfolg be- schieden war, hatte Patriarch Athe- nagoras I. die Wiederbelebung der panorthodoxen Einheit 1961 mit der Konferenz von Rhodos eingeleitet, zu der die Gliedkirchen nahezu voll- zählig erschienen waren. Das in ge- wisser Weise vom griechisch-sla- wischen Antagonismus geprägte Treffen verbriefte dem Phanar die Federführung bei der Vorbereitung des Konzils, ging aber unter dem Eindruck zu Ende, daß der Schlüs- sel zu einem gemeinsamen Vorge- hen in Moskau zu suchen sei. Dort pochte man auf die strikte Vertei- digung der einzelkirchlichen Un- abhängigkeit und zeigte sich be- strebt, die Rechte des Ökumeni- schen Patriarchen so eng auszule- gen wie nur möglich.

Als Tagungsort des panorthodo- xen Konzils schwebte Athenagoras Wien vor, die Metropole „eines Lan- des ohne Vormachtstreben, das aber das Erbe eines großen multinatio- nalen Staates bewahrt". *) Die Wahl eines mehrheitlich orthodoxen Lan- des hätte Prestigefragen aufgewor- fen, und Istanbul kam aus Rück- sicht auf Vorbehalte der türkischen Regierung nicht in Betracht.

Zwanzig Jahre nach dem Aufent- halt seines Vorgängers in Öster- reich, im Frühjahr 1970, erinnert sich Patriarch Dimitrios mit Rüh- rung an die „Liebe und Bewunde- rung", die Athenagoras für „das schöne, geschichts- und kulturbe- wußte Land" empfunden habe. Gleichzeitig erwähnt er mit großer Wertschätzung den so kostbaren Beitrag, den die von Kardinal König ins Leben gerufene Stiftung Pro Oriente während des Vierteljahr- hunderts ihres Bestehens zur An- näherung zwischen Katholiken und Orthodoxen geleistet hat.

*) O. Clement, „Dialogues avec le patriarche Athenagoras", Paris 1969.

Der Autor ist außenpolitischer Redakteur der APA.

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