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Scheitern Frauen nur an Männern?

„Ich glaube, daß die Erfolglosigkeit der traditionellen Politik viele Frauen davon abhält, sich in den herkömmlichen Parteien zu engagieren. Frauen wollen Probleme lösen und zwar schnell. Sie wollen etwas produzieren, sich aber nicht so ohne weiteres den vorgegebenen Strukturen unterwerfen.”

Irene Dyk, Lehrbeauftragte für Gesellschaftspolitik an der Universität Linz und oberösterreichische ÖVP-Landtagsabgeordnete, zeigt die Kehrseite der Emanzipationsmedaille: Neben all jenen Frauen, die politisch tätig sein möchten - und daran gehindert werden - scheint es durchaus eine respektable Gruppe zu geben, die nach neuen Formen Ausschau hält: „Solange die Grünen keine Partei im traditionellen Sinne bilden, werden sie großen Zulauf von Frauen haben”, verweist Dyk auf eine zukunftsträchtige Alternative, die auch in Österreich aus dem politischen Spektrum nicht mehr wegzudenken ist.

Und in dem jüngst erschienenen Autorenkonvulut „Aspekte, Argumente, Alternativen”, für dessen Herausgabe ÖVP-Jugendobmann Josef Höchtl verantwortlich zeichnet, formuliert die engagierte Politikerin: „Sie steuern zunächst als Gruppe'. .. eine Akzeptierung der gegebenen inneren (= weiblichen) Strukturen an, und erst von dieser Warte aus versuchen sie, ihre Umwelt nach eigenen Kriterien zu gestalten.”

Auch Erika Weinzierl, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Autorin des Beitrags „Frau und Politik im heutigen Österreich” - gleichfalls erschienen im erwähnten Sammelband - ortet weibliche Abneigung zu politischer Aktivität: „Wer will, daß mehr Frauen Politik machen als bisher, muß zunächst einmal die Frauen selbst dafür gewinnen.”

Allerdings aus anderen Gründen: Die österreichischen Frauen trauen sich auch heute noch kaum zu, Mitglied einer politischen Partei zu werden oder etwa gar Gemeinderatssitzungen zu besuchen. Dies sei ausschließlich Sache der Männer, zeichnetdie temperamentvolle Zeitgeschichtlerin die Bewußtseinslage ihrer Geschlechtsgenossinnen.

Mit präzisen Statistikzahlen bestätigt eine 1973 vom Wiener Fessel+ GfK-Institut durchgeführte Untersuchung über Selbstbild und Rollenverständnis der Frauen in Österreich die These der Wissenschaftsdame: Zwei Drittel der befragten Frauen charakterisierten die Österreicherinnen als „eher konservativ und traditionsgebunden”.

Folgt man der Umfrage, so siedeln die österreichischen Frauen ihre Berufswünsche im mittleren Niveau an: Sekretärin, Chefsekretärin, Lehrerin. „Führungspositionen und damit politische Positionen wurden im allgemeinen nicht angestrebt”, resümiert - keineswegs resigniert, sondern durchdrungen von Veränderungswünschen - Erika Weinzierl.

Ein Hearing zum Thema „Frauen in der Politik” bescherte freilich vergangene Woche ein ganz anderes Bild vom politischen Engagement der Frau. Im noblen Wiener Hilton-Hotel diskutierte eine beachtliche Zahl von streitbaren ÖVP- und parteisympathisierenden Frauen mit dem Wiener Vizebürgermeister Erhard Busek und dem Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer.

In hitzigen Wortmeldungen machten sich die Politfrauen Luft - und redeten sich erlittenes Unrecht von der Seele.

Zur Frage „Wer oder was hindert Frauen daran, in die Politik zu gehen?” fuhren sie mit schweren Geschützen auf.

Die Vorwurfsskala reichte von „männerbündlerischen Zügen” in der Politik über stark männerorientierte Denkabläufe hin zum immer noch dominierenden Patriarchenbild und der schlichten Nichtberufung von Frauen in politische Funktionen. Die Doppelbelastung der Frau durch Familie und Beruf ist Spitzenreiter beim Hindernislauf.

Was Frauenrechtler Busek als Kompliment verstanden wissen wollte -(„Im Schnitt ist die Qualität der politischen Frauen weit höher als jene der politisch tätigen Männer”) - konfrontiert eine Funktionärin mit beinharter Realität: „Gnade ihr Gott, sie hat gute Qualitäten. Dann ist sie schon unten durch.” Die sprühende und witzige Politikerin kennt den Mechanismus: „Könnte eine gute Frau einem Mann gefährlich werden, lasse er nichts unversucht, sie loszuwerden.

Getreu dem Motto „Selbstkritik erhöht die Glaubwürdigkeit”, sparten die Versammelten auch daran nicht: Den „Gastarbeiterinnen in der politischen Männerwelt” (Haslauer) mangle es an Solidarität. J

Will man den Aussagen männlicher Frauenvorkämpfer Glauben schenken, so zeigt sich ein düsteres Bild einer neuen Frauenfeindlichkeit: Wo immer Frauen in ein Gremium bestellt werden sollen und eine weibliche Repräsentantin bereits etabliert ist, scheitert das Vorhaben an eben dieser Etablierten.

Die Abgeordnete Dyk wittert freilich hinter dieser Argumentation blanke Verhinderungsstrategie: „Das reden ihnen die Männer ein. Wo Männer sehen, daß sich Frauen zusammentun, versuchen sie, den Frauenbund zu schwächen. Verbündete nämlich sind stärker; das wissen Männer nur zu gut.”

Im übrigen - so Irene Dyk - streiten Männer ebenso und verhalten sich ihren gleichgeschlechtlichen Konkurrenten gegenüber genauso unsolidarisch.

Neid, Mißgunst und die Angst, verdrängt zu werden, haben kein Geschlecht.

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