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Schiiten in Afrika: Fünfte Kolonne oder Verkäufer?

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Vor wenigen Wochen wurden aus Nigeria schwere Ausschreitungen von Moslems gegen Kirchen und Christen mit Hunderten Todesopfern gemeldet. Reichen die Wurzeln solcher Vorfälle in den Libanon und in den Iran?

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Vor wenigen Wochen wurden aus Nigeria schwere Ausschreitungen von Moslems gegen Kirchen und Christen mit Hunderten Todesopfern gemeldet. Reichen die Wurzeln solcher Vorfälle in den Libanon und in den Iran?

Die Spuren eines Attentates gegen ein französisches Flugzeug von Braz-zaville (Kongo) nach Paris Ende 1989 und einiger in Afrika entdeckter arabischer Terrorgruppen wiesen auf Libanesen, und zwar mehrheitlich auf

Schiiten, hin. In einem Dokument des französischen Außenministeriums zur „Rolle der libanesischen Schiiten in Afrika” konnte man einst lesen: „Die Libanesen in Afrika interessiert die dortige Politik nur am Rand.” Dies schien bis in die Ära der islamischen Revolution im Iran zu gelten.

Die Ajatollahs haben beim Versuch, ihre Revolution zu exportieren, oft libanesische Netze benutzt. In Afrika hat man in den achtziger Jahren mehr Moscheen gebaut als zuvor und zugleich - das ist neu - viele islamische Kulturzentren gegründet. Diese Zentren bilden ein Netz der islamischen Subversion und Agitation.

Das Ausmaß der schiitischen Aktivitäten ist von Land zu Land verschieden. In Sierra Leone zum Beispiel „gehört” die staatliche Verwaltung der schiitischen „Amal”-Grup-pe. Der Chef dieser südlibanesischen Miliz, Nabi Berri, wurde in Sierra Leone geboren. Während des Irak-Iran-Krieges stellten westliche Geheimdienste fest, daß dieses Land Drehscheibe geheimer iranischer Aktivitäten in Westafrika war.

Islamische Geheimbasis

Die Mehrheit der „afrikanischen” Schiiten lebt an der Elfenbeinküste (Cöte d'Ivoire). Dieses Land hat den

Flüchtlingsstrom aus dem Libanon nicht gestoppt. Die Bevölkerung der Elfenbeinküste hat eine Aversion gegen „ihre” Libanesen, denn als Grundlage ihrer Beschäftigung gelten Prostitution, Drogen-, Devisen- und Waffenhandel. Im Sommer 1988 wurde in der Hauptstadt Abidjan ein schiitisches Prc-Iran-Terrornetz entdeckt, das offenbar jenes ersetzen sollte, das bis zu Terroranschlägen in Paris 1986 in Frankreich aufgebaut worden war.

Die Elfenbeinküste wird als Stützpunkt für Terrorakte an anderen Orten benützt. Der im August 1984 in London durch seine eigene Bombe getötete Terrorist Ali Gharib (alias

Mustafa Mazeh) kam aus diesem Land. Der schiitische Imam von Abidjan, Adnan Zalguth, wurde vom schiitischen Hohen Rat in Beirut ernannt, der unter der Kontrolle Teherans steht. Und das islamische Zentrum im Viertel Marcory gilt als Geheimbasis des islamischen Fundamentalismus für Vorstöße in die frankophonen Nachbarländer der Elfenbeinküste.

Die Libanesen-Kolonie in Senegal ist die älteste in Schwarzafrika. Diese Schiiten kommen alle aus dem Hez-bollah-Gebiet im Südlibanon. Schon am Anfang des Libanon-Konflikts hat die Regierung von Senegal die Einwanderung von Libanesen gestoppt, doch das hinderte die schiitischen Fundamentalisten nicht an Versuchen, in diesem Land mit 80 Prozent Moslems zu agitieren. In den achtziger Jahren tauchte erstmals der Slogan von einer islamischen Republik Senegal auf. Es kam zu ersten Konflikten zwischen Moslems und Christen und schließlich zwischen Dakar und Teheran zum diplomatischen Bruch.

Innerhalb kurzer Zeit existierte 1979 in Senegal eine pro-iranische Hezbol-lah-Gruppe. Der religiöse Führer der Schiiten des Landes, Cheickh Mo-neim Zein, betonte immer, er versuche seine Gläubigen von jedem „Abweichen” abzuhalten, hat aber lange Zeit mit dieser Gruppe kooperiert. Daraus erklärt sich, daß Paris ihn 1988 zur Befreiung französischer Geiseln im Libanon kontaktierte - ein Beweis dafür, daß die Schiiten in Afrika Beziehungen zu den Geiselnehmern im Libanon unterhielten.

Neuer Schwerpunkt Kenia

Seit dem Amtsantritt von Rafsand-jani in Teheran versuchen die Mullahs ihr Netz in Afrika auszubauen. Heute ist Kenia Schwerpunkt der iranischen Interessen in Ostafrika, seit 1987 gibt es in diesem Land - mit sechs bis sieben Prozent moslemischer Bevölkerung - religiöse Spannungen. Der Imam von Mombasa, der moslemischen Hauptstadt Kenias, verbirgt seine Beziehungen zu den iranischen Mullahs nicht.

Doch hinter diesen religiösen Kulissen bestehen noch politische und wirtschaftliche Interessen. Die Hauptstadt Nairobi ist regelmäßiger und geheimer Treffpunkt zwischen Iranern, Israelis und Südafrikanern. Was steht im Mittelpunkt dieser Treffen? Pretoria und Tel Aviv sollen Teheran Waffen und Ersatzteile im Austausch gegen Öl und Gas liefern.

Sehr bedenklich ist das Phänomen des islamischen Fundamentalismus in Nigeria mit 49 Prozent Moslems und dem neben Kairo aktivsten Universitätszentrum Afrikas, Zaira Sokoto im Norden des Landes. Oft kommt es zu gewaltigen Spannungen, angefacht durch die schiitischen Aktivisten. Die größten blutigen Konflikte gabes 1987 in Kaduna und im heurigen April in Katsina - mit mehr als 500 Toten und zahlreichen zerstörten Kirchen. Die moslemische Hierarchie in Nordnigeria ist wortgewaltiger als die christlichen Geistlichen, man versucht -manchmal erfolgreich, manchmal erfolglos - Christen aus hohen öffentlichen Ämtern zu verdrängen.

Die schiitischen und anderen islamischen Agitatoren betonen, daß nur der Koran die afrikanischen Länder vor sozialen und wirtschaftlichen Krisen retten könne. Deshalb haben die moslemischen Gesellschaften unter dem Einfluß der Fundamentalisten in den achtziger Jahren begonnen, in großen afrikanischen Städten islamische Hilfszentren zu gründen. Gleichzeitig wechselten viele christliche Gläubige - aus Opportunismus oder Überzeugung? - zum Islam. Diese Phänomene machen dem christlichen Klerus in einigen Ländern Sorgen.

Die Libanesen in Afrika waren immer Verkäufer oder Unternehmer. Heute agieren unter ihnen die schiitischen islamischen Fundamentalisten. Mit ihren politisch-religiösen Aktivitäten bilden sie eine Fünfte Kolonne der Mullahs aus Teheran.

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