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Schock der christlichen Linken

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Für viele ist das Phänomen einer christlichen, besonders aber einer katholischen Linken als Überraschung, wenn nicht als Schock gekommen. Man wiegte sich doch lange in der Illusion, daß das Christentum im allgemeinen und die katholische Kirche im besonderen ein Hort der Ordnung, der Autorität, des Privateigentums, der guten Sitte und anderer Werte sei, die insbesondere einem „konservativen“ Herzen teuer sind. Zwar sah man mit einigem Befremden, wie in unserem Jahrhundert der Bund von Thron und Altar sich unheimlich leicht löste, und es war bekannt, daß sich linke Strömungen schon seit einiger Zeit im evangelischen Raum theologisch bemerkbar machten. Doch die Krise der katholischen Kirche bereitet Unbehagen weit über ihre Domäne hinaus, denn man entdeckt nun etwas verspätet, daß das Christentum mit seinen (vielleicht tragisch) geteilten Rollen ein wahres Orchester darstellt. Dieses wird nun durch Mißtöne von den römischen Instrumenten gestört. Der Linksdrall, der sich nun in der katholischen Domäne bemerkbar macht, ist dabei nur ein Element unter vielen ...

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Für viele ist das Phänomen einer christlichen, besonders aber einer katholischen Linken als Überraschung, wenn nicht als Schock gekommen. Man wiegte sich doch lange in der Illusion, daß das Christentum im allgemeinen und die katholische Kirche im besonderen ein Hort der Ordnung, der Autorität, des Privateigentums, der guten Sitte und anderer Werte sei, die insbesondere einem „konservativen“ Herzen teuer sind. Zwar sah man mit einigem Befremden, wie in unserem Jahrhundert der Bund von Thron und Altar sich unheimlich leicht löste, und es war bekannt, daß sich linke Strömungen schon seit einiger Zeit im evangelischen Raum theologisch bemerkbar machten. Doch die Krise der katholischen Kirche bereitet Unbehagen weit über ihre Domäne hinaus, denn man entdeckt nun etwas verspätet, daß das Christentum mit seinen (vielleicht tragisch) geteilten Rollen ein wahres Orchester darstellt. Dieses wird nun durch Mißtöne von den römischen Instrumenten gestört. Der Linksdrall, der sich nun in der katholischen Domäne bemerkbar macht, ist dabei nur ein Element unter vielen ...

Die Kirche allein bewahrt uns vor der erniedrigenden Knechtschaft, ein Kind unserer Zeit zu sein. G. K. Chesterton

Was ist aber nun „rechts“ und „links“? Diese Begriffe werden gerne falsch verwendet, und oft hört man, daß Nationalsozialisten (als extrem Rechte) und Kommunisten (als extrem Linke) sich ähnlich sind; was aber nicht überraschend sei, denn die Extreme berühren sich gerne. Dies ist natürlich ein grober Unsinn, eine „klare, aber falsche Idee“, denn die Extreme berühren sich nie — weder extrem kalt mit extrem heiß noch extrem schwer mit extrem leicht — und die Ähnlichkeit zwischen braun und rot (auch farblich vorhanden!) kommt ganz einfach davon her, daß sie beide der Linken angehören. Links steht für das Kollektive, das Materielle, Idente, Egalitäre, Antihierarchische; das Linke steht für Zentralisierung, Gleichschaltung, Uniformismus,

„Geometrismus“ und Gewalt — das Rechte hingegen für Persönlichkeit, Freiheit, Vielfalt, das organisch Gewachsene, das föderalistische Prinzip, das Ubernatürliche und die Autorität.

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Überlegt man sich diese Einteilung nur oberflächlich, dann wundert man sich allerdings über den Linksdrall in den christlichen Gemeinschaften — und daß er hier wirklich eine Chance hätte. Dennoch ist die „christliche Linke“ heute kein Hirngespinst, sondern eine (zu großem Teil schmerzliche) Realität, die sich allerdings in einer religiösen Krisensituation entwickelt hat. Üble Bazillen vermehren sich besser in einem geschwächten Körper. Doch bei näherem Hinsehen, bei kühler Analyse entdeckt man alsbald, daß diese Krankheit eine der Christenheit sehr „eigentümliche“ ist und gar nicht von ungefähr kam.

Wie alle größeren geschichtlichen Phänomene, ist auch die „christliche Linke“ nicht das Resultat eines einzigen Faktors, sondern mehrerer Faktoren, die ein Koordinatenkreuz darstellen, wobei wir sowohl Elementen begegnen, die von außen her auf das Christentum einwirken, als auch solchen, die entweder Entstellungen der christlichen Lehre oder einfach irrige Interpretationen der christlichen Geschichte darstellen.

Als Außenfaktor nennen wir zuvörderst einen „Humanismus“, der einen christlichen Ursprung hat, „entgottet“ wurde und nun einfältigen Christen, die keinen Blick in die Küche geworfen haben, als Novität wieder vorgesetzt wird.

Diese Stimmen aus der „Welt“, die ins Kircheninnere dringen, kommen deswegen so leicht an, weil die heutige Christenheit von einer ganz bestimmten Schwäche heimgesucht wird: sie ist von der „Welt“ und der „Zeit“ — zwei Begriffe in vielen Sprachen identisch oder eng verwandt — zutiefst beeindruckt, ja fasziniert. Wenig nützt da in Römer XII, 12 die Warnung Pauli — ich übersetze wortwörtlich: „Fallet nicht in dasselbe Schema wie die Welt (Zeit).“ „Weltfeindlich“ oder gar „unmodern“ zu sein, wird so zu einem entsetzlichen Mangel, dessen man sich zutiefst schämen muß, ganz vergessend, daß wir — man muß nur ein wenig die Augen offenhalten — erstens einmal in einer selten bösen Welt leben und zweitens, daß alles, was heute besonders modern ist, morgen mit großer Sicherheit gurgelnd im Abtritt der Zeit verschwinden wird. Doch ist es gerade diese Chronolatrie (Maritain), diese „Zeitanbetung“, die den quasi-christlichen Linksdrall ganz außerordentlich fördert, denn die linken Ideologien sind alle radikal weltbejahend und posieren als modische Neuheiten. Aufgabe des Christen ist es aber, weder die Welt anzubeten noch zu verachten noch auch dem Zeitgeist zu verfallen. Der Christ steht über Zeit und Welt. Es gibt aber leider heute auch eine mondäne Theologie, die zur theologischen Demimonde führt. Man studiere nur einmal den „Deutschkatholizismus“ von Ronge aus dem vorigen Jahrhundert und wird plötzlich vor lauter neu-altem Bekannten stehen!

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Diese Problematik ist natürlich keineswegs neu. Der älteste verführerische Begleiter des Christentums ist der Manichäismus, der die Schöpfung der Welt durch Gott und den Teufel lehrte, wobei alles Sichtbare, alle Materie von Satan und nur der geistig-seelische Bereich von Gott selbst stammt. In dieser Hinsicht ist jedoch die Linke höchst ambivalent: Sie schwankt zwischen einer Wanst- und Brieftaschenideologie einerseits und der Vergötterung des materiell nichts Besitzenden, des Proletariers, anderseits. Nun aber gibt es über Arm und Reich eine sehr irrige biblische Exegese, denn es kommt in der christlichen Botschaft keineswegs auf den „sozialen Stand“, auf den tatsächlichen Besitz an, sondern auf die Gefahr des Verfallenseins dem Mammon gegenüber. Die Kleine-Leute-Romantik in der Christenheit ist allerdings gar nicht neu. Sie ist ungefähr achthundert Jahre alt und beruht auf völlig unbiblischen Legenden.

Christus war keineswegs der Sohn eines armen, unscheinbaren Zimmermanns und einer „Magd“, sondern ganz im Gegenteil Sproß der david-schen Königsfamilie, der (wie Josef) öfters als „Sohn Davids“ angeredet wurde. Auch die Gottesmutter (wenn wir Lukas I, 32, wörtlich interpretieren) war davidischen Ursprungs und hatte hochgestellte aronitische Verwandte (Elisabeth und Zacharias). Die königliche Abstammung erklärt auch den steten, wenn auch vergeblichen Hinweis Christi, daß sein Königreich nicht von dieser Welt sei. Die Frage, ob Josef (als tektön) ein Zimmermann oder ein Bauunternehmer war, bleibt allerdings offen. Zweifellos hatte er in Bethlehem Grundbesitz und baute sich dort ein Haus, wo ihn auch (nach geraumer Zeit) die Drei Weisen aus dem Morgenland besuchten — und keineswegs im Stall. Bis zum Erscheinen der Bettelorden wurde Christus zumeist als König dargestellt — selbst am Kreuz trug er oft eine Krone. *

Ebenso abwegig ist es, von den Ur- und Frühchristen als von einem Haufen gesellschaftlicher Außenseiter und einfältiger Ignoranten zu reden. Die Apostel hatten in ihren Reihen Intellektuelle von Rang, und das Martyriologium Romanum widerspricht völlig diesem Klischee der römischen Christenheit. Tertullian, Irenaus und Origenes waren wohl keine Einfaltspinsel. Aber das geliebte Bild von den Frühchristen als halbstarken Proletariern, Sklaven und Schmierenschauspielern, die unter Konstantin wie Ungeziefer aus den Kloaken ans Licht krochen, ist auch bei der Linken Trumpf. Engels vertritt diese These und wir finden sie wieder in diesem wissenschaftlich wohl einzigartigen Prachtwerk, der Großen Sowjetenzyklopädie. Diese Legende ist unsterblich und erzeugt die interessantesten Komplexe bei Christen in überentwickelten Ländern.

Eine spezifisch „linke“' Versuchung für katholische Christen ist allerdings der „Monastizismus“, das heißt die perverse Tendenz, das klösterliche Ideal zu säkularisieren und auf das weltliche Leben anzuwenden. In der Sowjetunion gefragt, was ich wohl von dieser halte, antwortete ich stets, daß ich in ihr ein weltliches und gottloses Kloster sehe, in dem die Gelübde der Armut, des Gehorsams, und zwar nicht der Keuschheit, jedoch eines puritanischen Lebenswandels nicht freiwillig geleistet, sondern auferlegt werden. Zu dieser Erklärung nickte man vergnügt.

Es ist aber offensichtlich, daß der gute Christ, der vom klösterlichen Ideal eine hohe Meinung hat, der linken Vision einer idealen Gesellschaft allzu zugänglich sein kann. Zwar lehrt das Christentum aller Richtungen, daß wir auf Privatbesitz, Freiheit und Ehe ein natürliches Recht haben, doch können wir auf dieses freiwillig verzichten. Nun aber wirkt der Gedanke für sehr einfache Gemüter verführerisch, daß man das soziale, politische, wirtschaftliche Leben auf Grund dieser „evangelischen Räte“ auch zwangsweise „verchristlichen“ könnte. Doch — corruptio optimi pessimal — das Zwangskloster ist die böse Karikatur des Originals.

Auch der „Frühkapitalismus“ bildet für den katholischen Raum im Rückblick ein besonderes Problem.

Nun aber ist es so, daß bei jeder Industrialisierung eine lange Durststrecke fast unvermeidlich ist, die typischen Fabrikanten selbst recht spartanisch lebten und die gewiß großen Profiite immer wieder reinvestierten. Diese Tätigkeit ist die Basis für den Wohlstand der heutigen Arbeiterklasse. Sie ist jetzt im wahren Sinn des Wortes endlich „arriviert“, d. h. angekommen. Die freie Wirtschaft in ihrer reifen Form beruht eben auf der Freizügigkeit, der Konkurrenz und der Mobilisierung von Millionen von Ambitionen und gibt gerade dem Arbeiter einen steigenden Wohlstand. Das alles mißfällt dem „Monastizisten“, der oft heimlich klagt: „Warum, oh warum, müssen diese Kommunisten atheistische Marxisten sein? Wenn man sie nur .taufen' könnte, wäre ihr System viel christlicher als dieser gräßliche Kapitalismus!“ Er vergißt aber die Warnung Pascals vor dem „Angelismus“ und sollte Gott auf den Knien danken, daß uns ein gütiges Schicksal vor dem christlichen Zwangskloster mit Stachanowisten, Kommissaren mit Weihwasserwedel und roten Sakristeiwanzen bewahrt hat.

Wie man sieht, wuchert die Sozialromantik im christlichen Raum. Sie ist vielleicht auch ein wenig neidbedingt, hat aber ihre Hauptwurzel im christlichen Altruismus und zudem auch in der Angst, daß die Kirche den Anschluß an die dynamischen Kräfte der Zeit verlieren könnte. Da ist die große Klage um den „Arbeiter, den wir verloren haben“, der aber als ganz neuer Stand sich außerhalb der Kirche kristallisierte — also gar nicht „verlorengehen“ konnte. Die Sozialromantik kommt überdies zu großem Teil von dem geradezu monumentalen wirtschaftlichen Nichtwissen innerhalb der bekennenden Christenheit, insbesonders im katholischen Sektor. Ich kenne nur einen einzigen bekenntniskatholischen Wirtschaftstheoretiker von Weltruf, und ich fürchte, daß es bei den evangelischen Christen nicht viel besser steht.

Wie man sieht, gibt es in der katholischen Kirche einen „antikapitalistischen Affekt“, der zum Linksdrall geradezu einladet. Es gibt aber auch eine Reihe von anderen, historisch bedingten Komplexen, zumeist dadurch bedingt, daß man immer vergißt, in der Kirche „Gottes Kraft in menschlicher Schwäche“ zu sehen. Dieses Übersehen hat zu einem latenten Minderwertigkeitsgefühl geführt, das nicht nur mit dem politisch-kulturellen Masochismus des Westens, sondern auch mit einer „Theologie des geprügelten Hundes“ (Danielou) Hand in Hand geht. Man leistet dauernd Abbitten für den „Triumphalismus“ vergangener Zeiten und versucht, sich in einer angeblich „pluralistischen“, de facto aber neokonformistischen Gesellschaft ein bescheidenes, toleriertes Plätzchen zu ergattern. Brüderlichkeit, Gleichheit, soziale Gesinnung, sich für die Enterbten der Erde einsetzen — das ist das Programm der Linken, also sind sie auf einmal die „wahren Christen“. Ihnen muß man sich fromm anschließen.

Nun aber war das Christentum immer in der Welt, jedoch nicht von der Welt, und die Reformation selbst war vordergründig ein Aufstand gegen die Renaissance, gegen die römische Verweltlichung, also ein zutiefst christliches Anliegen. Soli Deo gloria! Dennoch war Rom in seinem Kern stets „weltfremd“, und das Überleben einer so schlecht geleiteten Kirche kann man nur (wie das uns schon am Anfang des Dekame-rons humorvoll gesagt wird) lediglich der göttlichen Vorsehung verdanken — also Gottes Kraft und nicht der menschlichen Schwäche. Und diese Weltfremdheit, die sich da und dort hinter einem modern sein wollenden theologischen Rotwelsch zu maskieren trachtet, sieht die einfachsten Dinge nicht: den blutigen Terrorismus der Linken, die Unmöglichkeit einer „mitmenschlichen“ Brüderlichkeit ohne das Bild des Vaters (den man am liebsten abschaffen möchte), den Fetischismus des Sozialen (eine Art kollektiver Anthropolatrie), schließlich, aber nicht letztlich, den Hunger der Vielen nach etwas Bleibendem, Stetigem, Unveränderlichem, Übernatürlichem in einer schwindelig-schwindelhaften materialistischen Welt ohne festen Boden. Eine alte Frau, die sich wie ein Backfisch anzieht (auch mit rotem Schal), gewinnt keinen Sex-Appeal und verliert dafür ihr Ansehen, besonders dann, wenn sie sich in koketter Verzweiflung an die Reichen und Mächtigen der Um- und Unterwelt anzubiedern versucht.

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Natürlich gehört die Kirche nicht „demokratisiert“, und man denkt mit Schaudern daran, wie es sein würde, wenn Bischöfe oder Päpste nach lokalen oder auch weltweiten Propagandafeldzügen gewählt werden würden. Nur die photogensten Kandidaten hätten dank des Bildfunks eine Chance, und das, was Ernst Jünger den „flüchtigen Eros“ nennt, würde — wie bei so vielen politischen Wahlen — bestimmend sein. Wir würden so lauter schöne Männer mit viel Haar bekommen! Auch Gleichheit war nie ein christlicher Grundbegriff. Er kommt in der Schrift nicht vor, und wenn tatsächlich Johannes und Judas „in den Augen Gottes gleich“ wären, könnte das Christentum sofort den Laden schließen. Eine „Liberalisierung des Glaubens“ hat auch Horkheimer — sehr mit Recht! — verlacht. Doch der „Priesterpöbel“ (um ein Wort Spenglers zu gebrauchen) mitsamt seiner Gefolgschaft wildgewordener Spießer — nicht groß genug, um zu gehorchen und zu klein, um sich mannhaft der Zeit zu stellen — hat in seiner Linksdralligkeit immer noch eine geheime Hoffnung: einen neuen Triumphalismus in die Wege zu leiten. Es ist freilich nicht der alte Thron- und Altarkomplex, sondern die kalkulierende Hoffnung, mit guten theologischen Alibis durch den „Anschluß an die Zeit“ und die Allianz mit der (angeblich) siegreichen Linken wieder in Schwung zu kommen, wieder neue Triumphe zu erleben — wenn auch nicht im Glanz barocker Kathedralen, so doch vielleicht in der nüchternen Öde modern sein wollender Kirchen, die wie hygienisch gehaltene Linoleumfabriken aussehen und die Arbeiter ganz besonders langweilen. Dieser neue Triumphalismus ist aber noch viel mehr eine Fehlkalkulation als der alte, denn während das Anden-Regime, sehr staatserhaltend denkend, der Kirche wenigstens als „moralischer Anstalt“ einen kontrollierten Platz an der Sonne gewährte, so wird bei einem wirklichen Sieg der Linken dem schwarzen Mohren, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, sehr unsanft der Laufpaß gegeben werden. Die Linken als „christliche Häresien“ dulden keinen anderen Gott neben sich. Und den christlichen schon gar nicht...

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