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SCHOCKIERTE ISLAMISCHE WELT

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Durch die tragischen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien erfährt der politische Extremismus unter Moslems einen neuen Auftrieb. Die von serbischen Nationalisten verübten Massenmorde und die Vertreibung von mehr als zwei Millionen Moslems aus ihrer angestammten Heimat in Bosnien scheinen die Propaganda der Islamisten zu bestätigen, wonach die Moslems ständig Gefahr laufen, von Hindus, Juden und Christen massakriert zu werden.

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Durch die tragischen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien erfährt der politische Extremismus unter Moslems einen neuen Auftrieb. Die von serbischen Nationalisten verübten Massenmorde und die Vertreibung von mehr als zwei Millionen Moslems aus ihrer angestammten Heimat in Bosnien scheinen die Propaganda der Islamisten zu bestätigen, wonach die Moslems ständig Gefahr laufen, von Hindus, Juden und Christen massakriert zu werden.

Dagegen gäbe es nur einen einzigen Schutz, daß nämlich die Moslems die Macht an sich reißen, wo sie nur können, nicht, um andere zu unterjochen, sondern um gegen Unterjochung durch andere geschützt zu sein. Das war zu früheren Zeiten Staatsdoktrin des Kalifats.

Das Zögern der Westeuropäer, gegen die mordenden Serben vorzugehen, hat die islamische Welt zutiefst schockiert, zumal den moslemischen Bosniaken keinerlei militärische Hilfe zukommen kann. Der entscheidende Effekt der gegen Serbien verhängten Blockade ist ja nicht, daß den Serben der Strom ausgeht oder das Wasser abgestellt wird. Vielmehr werden durch die Blockade Waffenlieferungen moslemischer Staaten an die Glaubensbrüder in Bosnien verhindert. Und es geht ja nicht nur um die zwei Millionen Moslems in Bosnien, sondern es gibt auch serbische Moslems, sogar eine ganze Enklave, die von Ausrottung bedroht sind, dazu kommt noch eine Million moslemischer Albaner in der von Serbien kontrollierten Region Kosovo. Heute bereits sind mehr jugoslawische Moslems durch Serben getötet und vertrieben worden, als Palästinenser durch die Israelis.

Verständlicherweise ist dieses Thema seit Monaten Hauptgegenstand der Freitagspredigten in den Moscheen, und eigentlich muß man sich wundern, daß es nicht bereits zu Kurzschlußreaktionen gekommen ist. Langfristig werden die serbischen Greueltaten und die Handlungsunfähigkeit der europäischen Gemeinschaft sich außerordentlich belastend auf das Verhältnis zwischen islamischer Welt und Europa auswirken. Bei der moslemischen Diaspora in Westeuropa kommt noch als zusätzliche Belastung hinzu, daß sie nun die Überlebenden der Massaker direkt in sich aufnimmt.

Die Bosniaken kommen als Südosteuropäer nach Nordwesteuropa, fallen aber äußerlich weniger aus dem Rahmen als etwa Griechen oder Türken, oder selbst Kroaten. Viele Bosniaken, wenn nicht gar die meisten, wirken - mit ihrem blonden Haar und den blauen Augen - nordisch. Zumindest die Großstädter unter ihnen sind meist ganz europäisch in ihrem Lebensstil, sie sind keine Orientalen. Obwohl sie historisch und kulturell mit den Türken manches gemein haben, fühlen sich die Bosniaken in der Regel doch als Europäer (siehe FURCHE 34/1992, Beitrag von Smail Balic).

Türken und Bosnier in BRD

Selbst in der Ausübung der islamischen Religion haben sie früher schon einen eigenen Weg eingeschlagen, toleranter und weniger verkrampft als viele Glaubensbrüder in anderen Weltgegenden. Aus diesem Grund sind diejenigen bosnischen Moslems, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland und in Skandinavien als Gastarbeitertätig sind, meist in eigenen islamischen Gemeinden organisiert - die außerdem wenig auffallen, eben wegen der europäischen Erscheinung und der generell gemäßigten Haltung der bosnischen Moslems. Wer weiß schon, daß es in Deutschland seit fast drei Jahrzehnten mehr als 100.000 .jugoslawische" Moslems gibt? Das ist nach den Türken die stärkste islamische Gemeinde.

Mit zunehmender Masse an Menschen verändern sich allerdings die Gegebenheiten, und auch manche Haltung. Das zeigt sich am Beispiel der Marokkaner in Belgien, die dort Ghettos gebildet haben und in einem gespannten Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung leben, ganz im Gegensatz zu dem gelungenen Zusammenleben von Marokkanern und Deutschen (siehe Seite 10). Die marokkanische Gemeinde in Deutschland ist weitaus kleiner als die in Belgien, und lebt verstreut, bildet keine Ghettos.

Eventuelle bosnische Ghettos in Westeuropa werden die gefolterten undtraumatisierten Moslems zu leichter Beute für die Sendboten der Aja-tollahs machen. Die Islamisten werden die Bosniaken dann materiell unterstützen - und versuchen, sie als Kanonenfutter für ihre Zwecke einzusetzen. Sie werden ihnen versprechen, einen Dschihad zur Befreiung der Heimat von den serbischen Eindringlingen zu organisieren, sie aber tatsächlich vor den eigenen Wagen spannen: die Iraner werden sie gegen die Saudis einsetzen, und die Saudis werden sie gegen die Iraner mobilisieren wollen.

Darauf spekulieren auch die Groß-Serben, die sich in Erwartung einer Radikalisierung der bosnischen Flüchtlinge die Hände reiben. Seit mehr als siebzig Jahren schon drangsalieren sie periodisch Jugoslawiens Moslems, bis diese sich mit dem Mut der Verzweifelten zur Wehr setzen. Das lieferte dann den Vorwand für noch drastischere Verfolgungen. Auf diese Weise wurde schon in früheren Jahrzehnten mehr als eine Million jugoslawischer Moslems zur Flucht in die Türkei gezwungen.

Keine Chance für Modellstaat

Nun rechnet man in Belgrad damit, daß die Westeuropäer der aufgenommenen Bosniaken bald überdrüssig werden und diese auch von hier vertrieben werden. Zu diesem Zweck behauptet die Propaganda der Groß-Serben, die Aktionen gegen die bosnischen Moslems seien notwendig geworden, weil jene sich dem Fundamentalismus verschrieben hätten und in Bosnien einen islamistischen Staat nach iranischem Muster errichten wollten.

Wahr ist vielmehr das Gegenteil; denn gerade Sarajewo war beispielhaft für eine gelungene Anpassung der islamischen Religion an die europäische Umwelt. Wäre es Bosnien unter seinem hochgebildeten Präsidenten Alia Izetbegovic vergönnt gewesen, sich als unabhängiger und demokratischer Staat zu entwickeln, dann gäbe es für die zehn Millionen Moslems in Westeuropa einen Modellfall in nächster Nähe - und viele, wenn nicht gar die meisten, hätten sich an Sarajewo orientiert statt an Teheran oder Riad.

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