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Digital In Arbeit

Schon tot — oder so gut wie tot!

Finanzielle Spritzen verhelften Parteizeitungen auch zu keinem ewigen Leben. Hotberichterstattung ist ganz eintach nicht mehr nach dem Geschmack des Publikums.

Die mir vor zehn Jahren von der Journalistenzeitschrift „Information & Meinung” gestellte Frage, ob die Parteipresse noch eine Funktion habe, konnte ich überzeugt bej ahen. Kurz zuvor hatte j a das sozialistische „Tagblatt” in Linz dem Landesparteiobmann und „Tagblatf'-Herausgeber öffentlich kundgetan, daß es ihm „auf diesem Weg nicht mehr folgen” werde, daraufhin einen Sonderparteitag bewirkt und damit die Weichen für die Wahl einer neuen Parteiführung gestellt.

Das war ein bis dahin einmaliger Vorgang in der Parteiengeschichte Österreichs und Anlaß für viele Kommentatoren, den Parteijournalismus ein wenig höher einzuschätzen.

Natürlich ergab sich meine Antwort nicht allein aus einer so extremen Ausnahmesituation und dem für Zeitung und Partei positiven Ergebnis. Die Parteipresse, so meinte ich, erfülle ihre Funktion in der täglichen Praxis nur dann richtig, wenn sie sich nicht als „Sprachrohr der Partei” verstehe, da sich allzu viele Funktionäre für „die Partei” halten. Als Sprachrohr einer ganzen Gesinnungsgemeinschaft — ohne Scheu und ohne Scheuklappen — sei eine viel höhere Effizienz und damit auch die Existenzgrundlage gesichert.

In einem Nachsatz deponierte ich dann allerdings meine Skepsis, indem ich schrieb: „Sollten die Parteien hinsichtlich ihrer Presse auch weiterhin nichts dazulernen, müßte in ihrem eigenen finanziellen Interesse die Aufnahme des folgenden Paragraphen in die Bundesverfassung vorgeschlagen werden: Den politischen Parteien ist es verboten, als Zeitungsherausgeber zu fungieren.”

Wenn ich nun heute, vor dem Hintergrund der finanziellen Misere aller Parteiblätter, gefragt werde, ob die Parteipresse überleben wird, sage ich ohne Zögern: Nein! Eben weil die Parteien nichts dazugelernt haben, sind ihre Zeitungen notleidend. Und über kurz oder lang wird es sie nicht mehr geben.

Professor Halstenberg, ehemaliger SPD-Schatzmeister, begründete die Pleite des einstigen sozialdemokratischen Presse-Imperiums (mit einer Total-Auflage von 2,6 Millionen), indem er feststellte, die politischen Parteien seien unfähig, unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Das ist unbestreitbar, aber nur die eine Seite der Medaille.

Auf der anderen steht der absolute Wille der Parteien, den Leser pausenlos zu indoktrinieren. Sie wollen im Grunde keine Zeitungen, sondern in Zeitungsform erscheinende Flugblätter — und dafür auch noch Geld. Ein guter Journalist ist für sie nur, wer selbst noch in eine Fünf-Zeilen-Sportmeldung ein Stück Ideologie verpackt.

Es gibt leider keinen Hinweis darauf, daß sich diese Einstellung grundlegend ändern wird. Und weil es noch viel unwahrscheinlicher ist, daß die Leser jemals wieder Geschmack an Hofberichterstattung und offen zur Schau gestellter Einäugigkeit finden werden, hat die „klassische” Parteipresse keine Chance mehr.

Ich halte es daher für sinnlos, Rettung in einer Fusion von Zeitungen zu suchen, die allesamt vom Handicap der Parteiabhängigkeit betroffen und mehr oder minder defizitär sind. Selbst eine weitgehende und folglich kostensparende Kooperation kann nicht hohe Schulden abbauen und zugleich jene Attraktivität finanzieren, ohne die es unmöglich ist, die für den Fortbestand der Zeitungen notwendigen -zigtausend neuen Abonnenten zu gewinnen.

Und wer—wie Karl Blecha (laut Profil) - „dem lokalen Kolorit (nur) einen Tribut zollen” will, anstatt die unerläßliche Regiona-lisierung großzügigst zu fördern, darf schon gar nicht damit rechnen, vom baldigen Offenbarungseid verschont zu bleiben.

Gibt es denn überhaupt noch eine Chance für die Parteien, insbesondere für die publizistisch ganz auf sich selbst gestellte SPÖ, nicht schon in Kürze gänzlich „sprachlos” zu werden? Theoretisch gibt es sie. Und sie wird seit einiger Zeit nicht nur von Branchen-Insidern diskutiert.

Ich selbst habe sie erstmals vor rund 30 Jahren, wenn auch nur in Ansätzen, in der „Zukunft” aufgezeigt, und meine Meinung zuletzt 1979, ebenfalls in der „Zukunft”, so formuliert: „Eine Chance sehe ich nur noch für eine Parteizeitung, die eigentlich keine mehr ist. Das ist eine Zeitung, die Journalisten überlassen wird, denen die Partei vertraut, und in der niemand sonst entscheidet als die Journalisten, was, wer, wo, wann und wie zu erscheinen hat. Eine Zeitung, die zwar für die Partei und ihre Ziele eintritt, ihr aber in kritischer Distanz gegenübersteht und dem Leser das Gefühl vermittelt, in erster Linie sein Sprachrohr zu sein.”

Seit neuestem äußern nun auch AZ-Redakteure ähnliche Vorstellungen. Sollten sie sich verwirklichen lassen, könnte man noch einmal hoffen.

Eine Realisierung solcher Ideen wäre jedoch nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen denkbar.

• Die Parteiführung müßte sozusagen über den eigenen Schatten springen und sich jedweder Einflußmaßnahme strikt enthalten.

• Der Funktionärskader, soweit er „seine Zeitung” trotz ihrer offensichtlichen Schwächen für nützlich oder gar unersetzbar hält, müßte zum Umdenken veranlaßt werden.

• SowohldasjournalistischeEn-gagement als auch die dem Leser gebotene Vielfalt an Information, Meinung und Service müßte überzeugend genug sein, um eine breite Öffentlichkeit für den neuen Zeitungstyp zu interessieren.

Keine Illusionen

Eine nunmehr 38jährige Erfahrung als sozialistischer Journalist und Chefredakteur bewahrt mich vor Illusionen. So gern ich sehen möchte, daß nun endlich der Versuch gewagt wird, neue Wege zu gehen, so wenig glaube ich daran. Eine wirklich konkurrenzfähige Zeitung zu machen und sie unter die Leute zu bringen, kostet ja fürs erste Geld und wieder Geld.

Gesetzt den Fall, es wäre überhaupt vorhanden, könnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß die investierende Partei tatsächlich auf jede Einflußnahme verzichten würde — womit der alte Teufelskreis wieder da wäre...

Noch einmal: Die Parteipresse ist tot oder so gut wie tot. Eine moderne Gesinnungspresse könnte leben, wenn man sie leben ließe.

Der Autor ist Chefredakteur des sozialistischen „Oberösterreichischen Tagblattes”.

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