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Schopenhauer im Prater

Kein Bearbeiter würde es wagen, den Satz „Er ist also ein damischer Gesandter, nämlich ein mesopotamischer?“ in einen Nestroytext einzubauen oder auf den Namen des Holofernes den Reim „Ein Schnitzel, ein kälber- nes“ zu wagen. Täte es ein Schauspieler, man würde es ihm nicht gestatten. Doch beide Pointen sind von Nestroy selbst.

Er war unter anderem ein großer Blödler, er hat dem Publikum zuliebe unter seinem Niveau gearbeitet, er hat sein Dynamit in Watte gewickelt (Karl Kraus).

Wir befinden uns in einem Zeitalter des Sozialkritischen, und es ist nicht schwierig, Komödien sozialkritisch zu interpretieren. „Charleys Tante“ zeigt uns unter anderem eine verlogene bürgerliche Gesellschaft, aber wir gehen nicht zu diesem Stück ins Theater, um einer Demaskierung dieser Gesellschaft beizuwohnen, sondern um über einen Komiker in Frauenkleidem zu lachen.

In fast allen heiteren Theaterstücken wird gelogen, hochgesta-

pelt, vorgetäuscht. Der Liebhaber spielt den Musiklehrer, Jupiter spielt den Amphitryon, das Blumenmädchen wird zur Dame stilisiert. Auch bei Nestroy steht diese komödiantische Ur-Situation immer wieder im Zentrum der Handlung. Ein überaus zivilisti- scher Zwillingsbruder muß den soldatischen Bruder spielen, die Köchin wird für die „Gnädige“ gehalten, Herr von Lips hält sich für einen Mörder…

Bei der Komödie von den Zwillingsbrüdern ist die Verschiedenheit der Charaktere das satirische Hauptmotiv, aber das Militärische wird nicht vernichtend kritisiert. Auf den Wegstationen des Titus Feuerfuchs ist zwar eine recht äußerliche Frau von Cy- pressenburg zu kritisieren, aber das Spiel dreht sich um die Allgegenwart des Vorurteils und kri tisiert nicht primär seine Herrschaft bei den oberen Ständen.

Zwei Beispiele lehren besonders einleuchtend, daß Nestroy — im Unterschied etwa zu Bert Brecht, zu Georg Büchners „Woy- zeck“ und zu „Kabale und Liebe“ — kein Klassiker der Sozialkritik ist. In den „Beiden Nachtwandlern“ werden zwei arme Teufel auf Grund einer Wette von zwei reichen Engländern verwöhnt und reich gemacht. Sie sind aber nicht dankbar, sie loben ihre gebesserte Situation nicht, sie werden frech und unersättlich. Also keine Parteinahme für die Armen, sondern eine Kritik der unteren Klassen.

Und in „Zu ebener Erde und erster Stock“ sind die Armen des Glücks, das ihnen vom Schicksal zuteil wird, nicht würdig, sondern werden egoistisch und verhalten sich durchaus nicht der Gunst des Schicksals entsprechend. Auch im „Lumpacivagabundus“ werden zwei der drei liederlichen Gesellen nicht gebessert und bleiben Lumpen. Darüber kann ein unglaubwürdiges „gutes Ende“ in letzter Minute nicht hinwegtäuschen.

„Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste“, sagt Nestroy in eigener Sache, und sein Weltbild ist nicht sozial gestuft, sondern allgemein auf die Menschen bezogen. Es gibt bei Nestroy oben und unten, böse und gute. Menschen: die Kathi im „Zerrissenen“, den Dorfarzt Kampl, die Salome Pockeri und andere gute. Auch in der „Freiheit in Krähwinkel“ tun wir uns mit der Sozialkritik schwer, denn da läßt der Autor der Revolution die Reaktion folgen. Nestroy war auch, im Gegensatz zu vielen deutschen Dichtern, kein „Nestbeschmutzer“, er hat, wenn er Österreich gemeint hat, ja zu sagen vermocht: „Und trotz die Differenzen / Wird Ostreich hoch glänzen / Fortan durch Jahrhundert’, / Gepriesen, bewundert.“ Auch in seinen Briefen gibt er sich uns ganz überraschend als legitimistischer Patriot zu erkennen.

Er war „Schopenhauer im Wurstelprater“ (Anton Kuh), er war „der einzige große Komödiantenschreiber nicht nur Österreichs, sondern der Deutschen“ (Otto Stoessl), er „traf durch die von der Zeit gebotenen Zielscheiben hindurch immer ihre durch alle Zeiten gültigen menschlichen Urbilder“ (Ernst Kfenek).

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