6890014-1979_42_11.jpg
Digital In Arbeit

Schreiben darf konservativ sein

„Rechtschreibreform gescheitert“ - unter diesem Titel berichtet die März-Ausgabe 1979 des Periodikums Wissenschaft und Literatur offenkundig enttäuscht über die nunmehr verringerten Chancen der angeblich „gemäßigten Kleinschreibung“, weil eine „Bereinigte Großschreibung“ ins Gespräch gekommen sei. Jener monatlich erscheinende „Presse- und Informationsdienst aus Wissenschaft, Forschung und Literatur“ wird von Dietmar W. Ansorge herausgegeben, mit dem ich seit Jahren befreundet bin; er ist public-relation-Mann des Bibliographischen Instituts Mannheim, das auch den Duden macht, mit dessen Orthographie-Reformwün- schen ich mich seit langem nicht befreunden kann. Unter den Publizisten hierzulande bin ich einer der ältesten Widersacher der seit einem Vierteljahrhundert - glücklicherweise - ständig scheiternden Form einer Rechtschreibreform. Ich war es schon lange vor den „Wiesbadner Empfehlungen“, die als neuer Versuchsballon 1958 losgelassen wurden, als der Schrecken der Kleinschreibung sich gelegt hatte, der sie nach dem katastrophalen Echo auf die „Stuttgarter Empfehlungen“ 1954

zunächst überkam. Ich nahm am 25. Jänner 1955, recht betroffen, als Zuhörer teil an der Gründungsversammlung des bundes der recht- schreibreformer, die im Kinosaal des Gewerkschaftshauses in der Wiener Maria-Theresien-Straße abgehalten wurde, und habe dann ziemlich ungehalten in drei Artikeln binnen weniger Tage meinem Mißfallen Ausdruck gegeben: nicht nur über die „Empfehlungen“, die uns da empfohlen wurden, sondern außerdem über die aufgebotenen Begründungen und über das personale Aufgebot unzuständiger Experten für jenes Meeting.

Wortführer waren nämlich lauter Fachleute der Elementarpädagogik, aber nicht der Sprachwissenschaft oder gar der Sprachkunst. Es war, als ob eine Gruppe von Polizei-Rayonsinspektoren, über ihre wichtige Aufgabe - den Verkehr zu regeln - hinaus, sämtliche Regeln der Rechtsphilosophie ab absurdum führen wollten.

Ein Landesschulinspektor präsidierte damals, flankiert von Oberlehrern, deren Kollegen unten zustimmten und einige Sitzreihen füllten; der große Rest des Saales war wattiert mit neuangestellten Junglehrern und solchen, die eine Anstellung erhofften. Diese auffallende Zusammensetzung der Versammlung blieb auch bei späteren Wiener Orthographie- Konferenzen die gleiche. Weder die Presse noch der österreichische Schriftstellerverband oder das österreichische PEN-Zentrum waren 1973 (in die Zentralsparkasse/Landstraße) eingeladen, dafür wurde Ingeborg Drewitz als Sprecherin des bundesrepublikanischen PEN eingeflogen, und für den Abstimmungstag wurden vor der Schlußprüfung stehende Lehramtskandidaten des Pädagogischen aufgeboten.

Das sind keine Histörchen, das alles erklärt erst die seltsame Geschichte eines vor allem gruppenstrategisch geführten Kampfes gegen unsere - zweifellos anfechtbare - Grammatik. Ein unentwegter Beobachter von jener Gründungskundgebung an bis heute, der in 73 Lebensjahren keinen einzigen Tag Mitglied einer politischen Partei war, mußte den Eindruck gewinnen, daß da eine straff organisierte und parteiische Fraktion mit Fraktionszwang (Mitläufer natürlich erwünscht) für die Abart eines Gewerkschaftsgedankens kämpfte, für bequemere, ver-, meintlich bessere Arbeitsbedingun gen - nicht für eine bessere Orthographie.

Grundgedanke war und blieb: Die deutsche Rechtschreibung ist zu mühselig für den unterrichtenden Volksschullehrer und die zu unterrichtenden Volksschüler. Auch die spärlichen Gäste aus der Schweiz und der Bundesrepublik debattierten hauptsächlich auf diesem Niveau. Ex cathedra wurde z. B. schon bei der konstituierenden Sitzung und später wiederholt argumentiert: Stenographie, Fernschreiber und Morse-Al- phabet kommen auch ohne unterscheidende Groß- und Kleinschreibung aus. Was sich dabei in der Praxis an fatalsten Mißverständnissen ergeben kann, habe ich in den dreißig Arbeitsjahren als Korrespondent einer Bundesländerzeitung erlebt, sowohl bei der Telex-Methode als auch bei der Entzifferung von telefonisch aufgenommenen Stenogrammen.

Daß die deutsche Sprache nicht „leicht“ ist, kann außer Streit gestellt werden. Blanker Unsinn aber wäre es, zu glauben, daß man ihre schriftliche Handhabung entscheidend erleichtern könnte, indem man ihr schönes, in Jahrhunderten mit beträchtlicher Klugheit entwickeltes Schriftbild durch totale Nivellierung zerstört. Es ist trotz einiger Mängel, die ihm wie allęm auf der Welt anhaften, so originell und aufschlußreich, daß ein Verzicht auf diese gewachsene deutschsprachige Besonderheit eine arge Verarmung bedeuten müßte. Überhaupt ist nicht die deutsche Orthographie hauptschuldig an der allerdings bis in die Region der Literatur-Nobelpreisträger grassierenden Unvollkommenheit des schriftlichen Ausdrucks, sondern der Stil: infolge der schier unglaublichen Sensibilität unseres Idioms, das gleich etwas anderes besagt, als gemeint war, wenn man Wortwahl, Wortstellung, Satzzeichen, besonders aber die Syntax nicht gehörig bedenkt. Etwa beim notorischen Mißbrauch des zweiten Konjunktivs, vom täglich vergeudeten, nämlich gedankenlos verspielten Metaphemreichtum im Deutschen ganz zu schweigen.

Karl Kraus hat konstatiert: „Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.“ Sprachlos vor Staunen könnte man werden, wenn man sich das Gerede über Vorteile und Notwendigkeit einer allgemeinen Kleinschreibung anhört. Oft genug wird in solchem Zusammenhang seichte Alltagsrede sinnlos vertieft, eine Minuskel überbewertet und die Wertlosigkeit der ganzen Wendung außer acht gelassen. Vielstrapaziertes Musterbeispiel, das als Muster ohne Wert gelten sollte, ist eine unserer Schreibweise angekreidete Inkonsequenz, weil deutsch Sprechende sich leider angewöhnt haben, ich fahre rad (mit kleinem „r“) und ich fahre Auto (mit großem „A“) zu schreiben. Nun bin ich zwar weder Radfahrer noch Autofahrer, sondern Fußgänger, trotzdem aber gehe ich nicht Fuß und würde auch nicht behaupten, ich passiere Straße, wiewohl es manchen gibt, der von sich sagt, ich laufe Eis. Selbst als ich noch Bergsteiger war, nahm ich mir nie vor, morgen steige ich Berg, seit langem, wenn’s über weite Strecken geht, fahre ich mit dem Flugzeug, und schon gar nicht schiffe ich Luft, egal ob mit großem oder kleinem „1“. Zum Glück schwimmt niemand wett oder gar Wasser, vielleicht weil es in diesem Element gefährlich wäre, wenn man sich an einer maulfaul verschluckten Präposition verkutzen müßte.

Aber im Emst: Es wäre lächerlich, mangelhaften Stil durch eine undifferenzierte Orthographie sanieren zu wollen. Wenn bunteste Stilblüten in einem Stellenbewerbungs-Schrei- ben wuchern, ist es mit der überfordernd geforderten Chancengleichheit jedenfalls Essig, auch bei noch so gemäßigter Kleinschreibung. Denn Schreibung - und nur sie! - darf und soll möglichst konservativ sein. Es ist ja ihre vornehmste Aufgabe, die Gedanken dieserWelt für eine Nachwelt lesbar zu konservieren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau