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Schulden verdüstern alles

Die jetzt ein Jahr alte „Conta-dora"-Staatengruppe, die um einen Frieden in Mittelamerika ringt, und Argentiniens Präsident Raul Alfonsin, der als gewählter Staatsführer die Militärs abgelöst hat, sorgten dafür, daß Lateinamerika mit einer Prise Optimismus in das neue Jahr eintrat.

Dennoch ist 1984 für den großen Subkontinent kein vielversprechendes Jahr — erst heuer werden die Auswirkungen der Finanzund Strukturkrise voll zum Tragen kommen. Die Handgreiflichkeiten in Brasiliens Metropolen sind nur ein Signal dafür. Ein Signal, das zeigt, daß die drakonischen Auflagen des Internationalen Währungsfonds die Elastizität der lateinamerikanischen Gesellschaften überschreiten.

Denn alle Reserven, welche die an Naturschätzen reichen Länder nach dem schlechten Jahr 1982 noch hatten, wurden 1983 aufgebraucht. Der Abschluß 83 brachte im Schnitt ein Schrumpfen von zwei Prozent und damit das schlechteste Ergebnis seit der Depression in den dreißiger Jahren.

So ist „Durchwursteln" die eigentliche Devise für 1984. Das einzige positive Ergebnis der vergangenen beiden Jahre ist, daß die Lateinamerikaner gelernt haben, die Umschuldungsverhand-. lungen professioneller zu führen.

Das Sprechen über die roten Zahlen der Volkswirtschaften darf nicht die Sicht auf das damit verbundene Elend verstellen. Die Massen, die schon in den Zeiten der hohen Wachstumszahlen am Rande des Wohlstands lebten, sind heute — wiewohl das für europäische Verhältnisse unvorstellbar scheint — noch schlechter gestellt.

Argentiniens überschwenglicher Optimismus ist denn auch eher einer der Emotionen. Immerhin schafft der neue Präsident mit seinem harten Vorgehen gegen jene Militärs, die für die Menschenrechtsverletzungen des letzten Jahrzehnts verantwortlich sind, ein Klima, das ihm die Verordnung, die Gürtel noch enger zu schnallen, erleichtern wird.

Wie das geschehen soll, ist unklar. Zwar ist die Zeit des militärisch durchgezogenen Neo-Liberalismus, wie auch in anderen südamerikanischen Ländern, vorbei. Aber neue Rezepte, die aus der wirtschaftlichen Sackgasse führen, stehen aus. Die Tradition des Staatsinterventionismus lateinamerikanischer Spielart, die in den fünfziger und sechziger Jahren Erfolg hatte, kann in der damaligen Form nicht mehr aufgenommen werden.

So sind die Modelldiskussionen auf dem großen Kontinent eingefroren. Heute kann man nicht mehr vom brasilianischen, chilenischen, vom peruanischen oder mexikanischen Weg sprechen. Heute sitzen alle im selben Boot der Uberschuldungskrise. Heute ist der Internationale Währungsfonds eine Art überstaatliches Kontrollorgan der Lateinamerikaner.

Dahinter stehen nach wie vor die USA, die mehr denn je 1984 die Schicksale südlich ihrer Grenzen bestimmen. Die Invasion auf Grenada ist nur der sichtbarste Beleg dafür. Europa, auf das so viele Lateinamerikaner in den vergangenen Jahren gesetzt haben, fällt infolge des Südatlantikkrieges von 1982 weiter ab. Ein Beleg dafür: Während zum Beispiel die 1983 stark expansive US-Waffenindustrie Exportsteigerungen nach dem Süden verzeichnen konnte, schrumpften europäische Industrieexporte nach Lateinamerika, je nach Sektor, um 10 bis 18 Prozent.

Wer wird 1984 in Südamerika und im großkaribischen Raum Politik machen? Von Präsident Raul Alfonsin erwarten die Argentinier Großes; der im Februar seine Präsidentschaft antretende Jaime Lusinchi soll Venezuelas darniederliegende ölwirtschaft hochbringen; Kolumbiens sympathischer Staatschef Belisario Betancur wird weiterhin seine mutige Friedenspolitik machen.

Um Friedenspolitik geht es auch bei der „Contadora"-Grup-pe (Mexiko, Venezuela, Kolumbien, Panama), die heuer unter der Koordination des mexikanischen Außenministers Sepulveda für die Verwirklichung des mühsam erarbeiteten und mit den betroffenen Ländern ausdiskutierten Friedensplans für Mittelamerika sorgen muß. Wichtig für den Kontinent ist 1984 auch Henry Kissinger, der mit der Vorlage seines Großkaribik-Reports als Komet in der Diskussion der Lateinamerikaner auftaucht (siehe auch Seite 1).

Alle Vermittlungsversuche in Mittelamerika sind davon geprägt, daß aus der Sicht der Reagan-Administration die Politik der Härte Früchte getragen hat — schließlich zählt Grenada wieder zu den US-Freunden, und in Surinam hat Oberst Bouterse die Kuba-Banden deutlich verringert, um sich statt dessen militärisch (der USA gegenüber unverfänglich) von Brasilien beraten zu lassen.

Nikaragua und El Salvador bleiben die ausschlaggebenden Probleme in der Zone. Ob die Märzwahlen in El Salvador den erwarteten Durchbruch bringen, ist angesichts der jüngsten Erfolge der bewaffneten Volksopposition unklar. Nikaraguas Schicksal wird davon abhängen, ob Managua sich zu ausreichenden Demutsgesten gegenüber den Vereinigten Staaten aufraffen kann. Kuba hingegen dürfte im 25. Jahr seiner Revolution auf dem Subkontinent nur eine Nebenrolle spielen - was für die lateinamerikanische Szene durchaus etwas Neues ist.

Die große Unbekannte für 1984 ist Chile. Obwohl die Militärregierung am Ende ist, hält Staatschef Pinochet an seinem Vorhaben fest, gemäß der von ihm dekretierten Verfassung bis 1989 zu regieren. In Santiago de Chile hat sich eine breite oppositionelle Allianz gebildet, deren Kopf der Christdemokrat Gabriel Valdes ist. (Er diente in den sechziger Jahren Präsident Eduardo Frei als Außenminister.)

Angesichts der chilenischen Situation sind die europäischen Schwesterparteien, inzwischen in der Christdemokratischen Internationale (CDI) organisiert, zum ersten Mal seit 1973 in Lateinamerika wieder in die Offensive gegangen. Im Gegensatz zu El Salvador, wo die europäischen Christdemokraten auf der Linie der USA liegen, könnte in Chile eine von ersteren unterstützte Opposition eine überraschende Wende bringen.

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