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SCHULDNER & GLAUBIGER: EIN SELTSAMES PAAR

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Ein privater Haushalt, besagt eine Faustregel, ist dann „überschuldet", wenn alle offenen Forderungen das Zwanzigfache der monatlichen Einnahmen übersteigen. Betroffene gibt es bereits in allen Bildungsschichten.

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Ein privater Haushalt, besagt eine Faustregel, ist dann „überschuldet", wenn alle offenen Forderungen das Zwanzigfache der monatlichen Einnahmen übersteigen. Betroffene gibt es bereits in allen Bildungsschichten.

Seit der Eröffnung der Schuldnerberatung der Stadt Wien im März 1989 ist die Nachfrage von Ratsuchenden stets gestiegen. Etwa zehn Personen täglich melden sich derzeit zu einem Gesprächstermin neu an. Die Ratsuchenden sind pro Haushalt mit etwa 360.000 Schilling verschuldet, Hauptgläubiger sind Banken und - in den niederen Einkommensschichten - Versandhäuser. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen.

Wer sind die Betroffenen, warum sind sie in diese Lage gekommen?

Das Phänomen der Verschuldung von privaten Haushalten ist kein schichtspezifisches. Das Phänomen der steigenden privaten Überschuldung jedoch schon. Womit wir bei einer notwendigen Begriffsdefinition gelandet sind:

„Sich-Verschulden" ist die Regel, keine Schulden zu haben die Ausnahme. Auch der vorübergehende Kontoüberzug, die offene Kreditkartenrechnung sind Schulden. Nur durch den Einsatz der Werbung über Jahre hindurch sind diese Schulden nicht mehr als solche im Bewußtsein verankert. Man spricht von vorgezogenem Konsum, Investition, Überbrük-kung et cetera.

„Uberschuldet" ist ein Haushalt, wenn das frei verfügbare Einkommen (nach Abzug aller Fixkosten - Miete, Energie, Kosten des Arbeitsplatzes wie Fahrt und Verpflegung) nicht mehr ausreicht, um einerseits den Lebensunterhalt und andererseits alle Raten zu bestreiten. In der Schuldnerberatung hat sich als Faustregel herausgestellt, daß dieser Fall spätestens dann eintritt, wenn alle offenen Forderungen zusammengenommen das Zwanzigfache der monatlichen Einnahmen (Lohn, Beihilfen, Alimente...) übersteigen.

Bei den Überschuldeten sind auch alle Bildungsschichten vertreten, jedoch stark pyramidenförmig: Die breite Basis hat ein geringes Einkommen und einen geringen Ausbildungsstand. Die Akademiker-Schicht ist ganz oben und nur mehr gering vertreten. Aber sie ist auch vertreten.

Im Detail lassen sich vier „Problemgruppen" herausarbeiten: □ Junge Paare:

Sie gründen einen gemeinsamen Haushalt, finanzieren oder richten die Wohnung ein, schaffen sich brauchbare und vielleicht weniger brauchbare Konsumgüter an. Das Budget ist stark ausgereizt, sodaß geringe Schwankungen in den Ausgaben (unvorhergesehene Rechnung) oder Einnahmen (Geburt eines Kindes, Arbeitslosigkeit) zum finanziellen Zusammenbruch führen können.

□ Trennungen/Scheidungen:

Zu den damit verbundenen persönlichen Krisen kommen auch finanzielle: Ein zweiter Haushalt muß finanziert werden. Berufliche Probleme sind in dieser Situation nicht selten und spannen die Lage an. Gemeinsam eingegangene Schulden können nicht rechtswirksam getrennt werden: Ist der eine zahlungsunfähig, wird der andere zur Zahlung herangezogen, auch wenn im Scheidungsvergleich etwas von „schad- und klaglos halten" steht.

□ Traum von der Selbständigkeit:

Immer häufiger tauchen ehemals Selbständige auf. Sie machen bereits

25 Prozent der Klientel der Schuldnerberatung aus. Ihr Traum vom Unternehmertum war kurz, teuer und vor allem fremdfinanziert. Beinahe klassische Träume, die in Pleiten enden, sind bei Frauen die Strickboutique und der Second-hand-shop, bei Männern das Beisl, der Botendienst und in letzter Zeit der EDV-Shop. Da auch die Gläubiger wissen, daß das in der Regel keine Goldgruben sind, ist die Haftung dieser „Geschäftsleute" nicht durch die Gesellschaftsform ihrer Firma beschränkt. □ Die ewig Ungeschickten:

Diese Gruppe ist in jeder Altersschicht vertreten. Es sind dies Menschen, die mit den Formen des modernen Zahlungsverkehrs überfordert sind, die jedem Vertreter auf den Leim gehen und auch sonst keine Katastrophe auslassen. Dazu zählen aber auch psychisch Erkrankte, die nur vorübergehend aber für die Umgebung schwer erkennbar, die Kontrolle über ihr finanzielles Handeln verlieren.

Nachdem sich fast jeder einmal in seinem Leben einer Gruppe zugehörig fühlen mußte, ist die Frage berechtigt: Und warum habe ich das geschafft, obwohl ich mit den gleichen Problemen zu kämpfen habe/hatte?

Dazu ist es ganz nützlich, zwei Gegenpole festzuhalten:

Es gibt einerseits die unvorhersehbare Katastrophe, den überraschenden Einbruch ins Leben. Sie können eine, ansonsten unproblematische, berechenbare und „normale" finanzielle Gebarung auf den Kopf stellen. Andererseits gibt es den selbstverschuldet kopflosen und fahrlässigen Umgang mit Geld, der klarerweise zum finanziellen Debakel führen muß. Die Aussicht auf sofortigen Konsum überdeckt jede Überlegung für die Zeit danach.

Die größte Anzahl von Überschuldeten befindet sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Das heißt: Es gibt fast immer persönliche Anteile und Erschwernisse von außen, die die Katastrophe anbahnen und auslösen.

Anmerkung am Rande: Nur ein ganz kleiner Teil bewegt sich im strafrechtlich relevanten „vorsätzlichen" Bereich des Betruges und der Krida.

Die vorangegangenen Betrachtungen sind wichtig, um beurteilen zu können, ob es so etwas, wie eine Prävention geben kann, oder nicht (siehe Seite 27, Anm. d. Red.). Denn: Wird alles auf das Individuum geschoben „sind ja alle selber schuld, hätten's keinen Kredit genommen", könnte der Ball nur noch dem Elternhaus und der Schule zugeschoben werden. Die sollen halt die Kinder genügend informieren, aufklären et cetera. Und dem Industriearbeiter im Krisengebiet, oder dem Greißler neben einem neuen Supermarkt sagt man nur „Sie hätten ja wissen müssen, daß sich das nicht ausgehen kann". Das wäre zu billig.

Wird aber nur noch der „arme, bedauernswerte Schuldner" gesehen, dann würden diejenigen Schuldner bestärkt, die ohnehin regressiv fixiert sind („ich will alles und zwar sofort"). Erstaunlicherweise reagieren dann

Schuldner und Gläubiger sehr ähnlich: Weil der eine glaubt, er habe ohnehin ein Recht auf Befriedigung seiner Bedürfnisse und der andere zugeben muß, daß es tatsächlich nicht-vorhersehbare Notlagen gibt, fällt beiden nur die Forderung ein „Der Staat soll halt für diese Notfälle mit zinsenfreien Darlehen einspringen und mehr Schuldnerberatungen finanzieren". Damit übernehmen beide keinerlei Verantwortung für ihr Handeln.

Daher kann eine sinnvolle Prävention nur aus zweierlei bestehen:

□ Verstärkte Information über Finanzielles, natürlich auch über strafrechtliche Konsequenzen auf breiter Ebene. Eine augenzwinkernde Unehrlichkeit hat sich bei beiden Seiten eingeschlichen: Die Gläubiger machen keine, oder mangelhafte Bonitätsprüfungen und betreiben uninformative Werbung (in letzter Zeit wurden dabei die Banken zurückhaltender, die Versandhäuser aggressiver). Die Schuldner lassen nur zu gerne die Versuchung auf sich einwirken und schalten den Verstand ab.

□ Verbindliche Konfrontation beider Gruppen im Falle des Notfalles. Bis jetzt konnte ein Gläubiger immer durch die Blume sagen „Was immer Dein Grund für Deine Überschuldung ist, mir ist es egal - zahle!". Er konnte sich dabei auf eine rigide „Gläubigergesetzgebung" verlassen. Und der Schuldner konnte sich immer, zu Recht oder zu Unrecht, „verfolgt" fühlen.

Die angestrebte Konkursordnungsnovelle (siehe Seite 29, Anm. d. Red.) scheint daher ein taugliches Mittel zu sein, diese Konfrontation durchzusetzen. So manche Unehrlichkeit, auch auf Seiten der Überschuldeten, wird festgestellt werden können. Und sie wird auch die Gläubiger veranlassen, mehr zu informieren beziehungsweise Informationen vor einer Kreditvergabe einzuholen.

Der Autor ist Diplom-Sozialarbeiter und Schuldnerberater der Stadt Wien.

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