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Sehnen nach dem Mythos

1945 1960 1980 2000 2020

Wissenschaft und Religion sind keine Gegensätze. Das betonte der deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker immer wieder -auch in diesem Gespräch.

1945 1960 1980 2000 2020

Wissenschaft und Religion sind keine Gegensätze. Das betonte der deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker immer wieder -auch in diesem Gespräch.

FURCHE: Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Auffassung um, die Wissenschaft könne die Religion ersetzen. Heute beobachten wir einen neuen Aufbruch religiösen Suchens: New Age, Esoterik, Apokalyptik, transpersonale Psychologie zählen dazu. Warum florieren diese Bewegungen?

CARL FRIEDRICH WEIZSÄK-KER: Ich habe noch keinen wirklich großen Naturwissenschaftler gekannt, der nicht tief fromm gewesen wäre. Die Auffassung, daß die Religion durch die Wissenschaft zu ersetzen sei, stammt von Propagandisten, die keine großen Forscher sind. Nach einem jahrhundertelangen Streit zwischen überholten Meinungen der Kirche und der unreifen Meinung der Wissenschaft besinnt man sich jetzt mit Recht wieder der religiösen Werte. Wenn der Anstoß dazu nicht aus der christlichen Kirche kommt, liegt das vielleicht daran, daß diese sich in eine konservative Verteidigungshaltung zurückgezogen hat.

FURCHE: Fritjof Capra, amerikanischer Physiker und einer der führenden Köpfe der New-Age-Bewegung, sieht den physikalischen Zugang zur Natur als gleichwertig mit dem mystischen, der für ihn eine intuitiv-ganzheitliche Schau ist. Er sagt, Mystik gäbe den stimmigsten Hintergrundfür alle naturwissenschaftlichen Theorien ab. Wie stehen Sie dazu?

WEIZSÄCKER: In der Tat ist dies eine der großen Erfahrungen der Menschheit. Es gibt Weisen der inneren Wahrnehmimg, die man eben Meditation und auf hoher Ebene Mystik nennt, die ganz allgemein der Menschheit zugänglich sind. Das läßt sich in allen Religionen beobachten, in der christlichen, islamischen, jüdischen, buddhistischen Mystik. Diese Menschen sehen dasselbe, doch die Weise, in der sie es aussprechen, hängt ab von ihrer religiösen und kulturellen Tradition.

Es ist richtig, daß die Quantentheorie und die modernen Naturwissenschaften unsere Meinung über die Natur in einer Weise verändert haben, die mit diesen mystischen Traditionen leichter zu vereinen ist als die frühere Physik. In der Quantentheorie von heute wird ein Ganzes immer nur sehr unvollkommen durch Zerlegung in Teile dargestellt. Wir wis-

/ kirche und \ gesellschaft

sen, daß bei dieser Zerlegung wesentliche Züge des Ganzen verlorengehen.

FURCHE: Häufig werden diese neuen religiösen Strömungen kritisiert, daß sie Christus und das Evangelium als einen Teil der Menschheitsweisheit ansehen und dabei die einmalige Rolle Jesu Christi als Sohn Gottes und Erlöser der Welt auflösen...

WEIZSÄCKER: Gott wird wissen, ob dieser Mythos aufgelöst werden soll oder nicht. Mich stört das nicht.

FURCHE: Spielt es denn keine Rolle, welches Gottesbild jemand hat?

WEIZSÄCKER: Gottesbilder sind keineswegs beliebig austauschbar. Die wichtigen großen Dinge sind nicht austauschbar, aber sie sollten nicht Anlaß zum Streit sein. Derjenige, der ein bestimmtes Bild braucht, weil es seiner Natur, seiner Vorbildung, seinem Elternhaus, seiner Kultur entspricht, der soll es haben. Als ich ungefähr fünfzehn Jahre alt war, saß in der Schulklasse neben mir ein Katholik, hinter mir ein Jude. Damals habe ich mir folgendes klargemacht. Kann es so sein, daß, weil ich zufällig Lutheraner bin, der Katholik und der Jude irrgläubig sind? Das erschien mir als verrückt. Die Tatsache, daß ich in einer bestimmten Tradition erzogen bin, beweist nicht das allergeringste über deren Wahrheit

FURCHE: Kann es möglich sein, daß es einmal eine große Weltreligion geben wird, wie es die neuen religiösen Bewegungen erwarten?

WEIZSÄCKER: Wenn es so subtil zusammengehört, wie es wirklich ist, dann entspricht es der Prophezeiung von Jesus Christus. Man soll aber weder das Be-

haupten noch das Bestreiten dieser Möglichkeit zum Thema machen, sondern man soll etwas Gescheites tun.

FURCHE: Zum Beispiel? WEIZSÄCKER: Man kann jeden Tag ein gutes Werk tun.

FURCHE: Ohne Rücksicht auf die großen geistesgeschichtlichen Theorien?

WEIZSÄCKER: Theorien sind wunderbar, aber ob diese Theorien1 Menschen geholfen haben oder ob sie sie nur in ihrem Gruppenegoismus verstärkt haben, zeigt sich an den Werken. Und genau das hat Jesus gesagt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Echte Propheten gefragt

FURCHE: Es scheint heute eine große Sehnsucht nach Synthese, nach einheitlichen Visionen da zu sein...

WEIZSÄCKER: Das ist eine uralte menschliche Sehnsucht. In alten Zeiten haben uns die großen“ Mythologien und Religionen diese Einheit gewährt. Mit der Rationalisierung der Welt hat man die Fähigkeit verloren, sich durch einen großen Mythos die Einheit darstellen zu lassen. Ich verstehe sehr gut, daß sich Menschen aus dieser Verarmung in den Mythos zurücksehnen. Ich weiß aber nicht, wie dieser Weg beschritten werden könnte. Was ich heute an Bewegungen mit dieser Absicht vorfinde, erweckt in mir das Bild von ekstatischen Musikanten, die auf der Straße umherziehen. Ich würde ihnen sagen: Ihr spielt schon die richtige Musik, aber ich gehe doch nicht hinter euch her.

FURCHE: Woran lassen sich echte und falsche Propheten un-

terscheiden?

WEIZSÄCKER: Ein indischer Yogameister sagte mir: „Wir Inder können bei uns die wirklichen Weisen und die, die nur mit einigen Stücken der Wahrheit hausieren gehen und ein Machtsystem aufbauen, ziemlich gut unterscheiden. Ihr Europäer fallt auf Leute hinein, auf die wir nie hineinfallen würden.“

FURCHE: Was können die Kirchen tun, um Menschen bei den Fragen nach dem Lebenssinn zu helfen?

WEIZSÄCKER: Ich weiß nicht, ob jemals die christliche Kirche dadurch Einfluß bekommen hat, daß sie herauszubringen versuchte, wie sie Einfluß bekommen kann. Die Christen waren ursprünglich eine kleine Sekte, von den Juden verstoßen, von den Heiden verlacht. Sie hat es fertiggebracht, daß 300 Jahre nach ihrer Gründung auf einmal der Herrscher, der Kaiser, Christ wurde. Sie weigerten sich, den Kaiser als Gott zu verehren, was damals jeder gescheite Mensch tat. Die Christen waren so erfüllt von den Forderungen der Wahrheit, daß sie sich weigerten und sich töten ließen. Und das hat Eindruck gemacht.

Zu Kaiser Napoleon kam einmal ein Mann, der brachte ihm ein Buch und sagte: „Hierin habe ich die vollständige Religion der Zukunft niedergelegt, alle Punkte sind berücksichtigt.“ Napoleon sah das Buch an, las es kurz durch und sagte: „Eine Sache fehlt noch“. Der Mann meinte: „Nein, es fehlt nichts, ich habe alles berücksichtigt.“ Doch Napoleon beharrte darauf, daß eine Sache fehle. Da fragte der Mann: „Welche denn, Majestät?“ „Sie müssen sich noch dafür kreuzigen lassen!“

Das Interview führte Felizitas von Schönborn.

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