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Sehnsucht, ferner Klang

Der alte Park, der das Schloß umgibt, heißt „der Schloßboden“. Hier saßen wir, die Baronin F. N. und ich. Wo die Bäume den Blick freigeben, breitet sich das Inntal weit und offen, vom hellen Band des Flusses durchzogen.

Uber allem stand damals ein hoher Augusthimmel.

Es war spät am Nachmittag. Wir saßen auf einer niedrigen Steinmauer, die die Hitze des Sommertages zurückgab. Die Baronin zündete sich eins der Zigarillos an, die sie ständig rauchte, auch beim Malen.

„Sie haben versprochen, mir von ihm zu erzählen“, erinnerte ich sie.

„Was wollen Sie wissen?“

„Alles.“

Sie lachte und sah mich durch den Rauch mit spöttischen Augen an, mit diesen klugen, steingrauen

Augen, in denen Jahrzehnte des Wissens und Leidens mit ewiger Neugier der Jugend in ständigem Widerstreit lagen und sich die Waage hielten.

Ihre Stimme war rauh wie ihre Manieren. Sie pfiff auf Manieren. Nur dreimal am Tag nicht: Wenn sie in ihrem runden Turmzimmer den Tisch deckte mit alten Gläsern, Damast und kostbarem Familiensilber.

Sie lebte ganz allein. Ab und zu verkaufte sie ein Bild. Ab und zu verließ sie das Schloß und ging auf Reisen.

Ich wartete.

„Alles — “, wiederholte sie ungeduldig, „als ob man .alles“ über einen Menschen sagen könnte ..., daß er einem alten Kärntner Adelsgeschlecht entstammt und am 4. Dezember 1875 in Prag geboren wurde, werden Sie wissen. Auch, daß er Offizier werden sollte, was ihm gar nicht lag, daß er dann studierte und viel auf Reisen war: Rußland, Italien, Frankreich.

Ja, am 28. Dezember 1926 starb er auf Schloß Muzot und wurde auf dem Friedhof von Raron im Rhönetal begraben.“

Sie hatte das alles im Tonfall eines Fremdenführers erzählt, der. einem Besucherhaufen vorangeht mit den Worten: „Hier sehen Sie...“

Man wußte nie, woran man mit ihr war.

„Sie haben ihn gekannt, nicht wahr? Gesehen und gesprochen?“

„Ja“, sagt sie. Der Widerstand in ihrer Stimme wurde schwächer. „Er war oft bei uns zu Gast. Wir bewohnten damals das Schloß Stumm im Zillertal. Ich war noch ein junges Mädchen, aber die Mutter hielt mich für erwachsen genug, um dabei sein zu dürfen, wenn er kam.“

„Wie sah er aus?“

„Schwer zu beschreiben“, sagte sie. „Ich meine nicht das, was man auf Bildern sieht, das, was jeder sehen kann: einen schmalen Schädel, einen großen Mund, eine schöne Stirn ... ,Des alten, langen adligen Geschlechts / Feststehendes im Augenbogenbau / Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau ...“ Sie wissen schon. Aber das sagt noch gar nichts.“

Sie lachte.

„Zweierlei fiel mir an ihm auf. Das eine ist rein äußerlicher Art. Er war immer so korrekt gekleidet, selten ohne weiße Gamaschen, nie ohne Handschuhe.“

“ „Und das andere?“

„Es war alles so leise an ihm“, sagte sie, „ich kann's nicht anders sagen. Wir saßen abends am Kamin und er las vor. Aber wenn man nicht ganz nahe bei ihm saß, verstand man ihn nicht, so leise sprach er seine Texte. Übrigens, kennen Sie das Gedicht ,Die Schwestern'?“

„Ja.“

„Das ist mein ureigenster Besitz. Oder vielmehr unser Besitz.

Er schrieb es auf meine Zwillingsschwester und mich.“

„Machen Sie mir eine Freude?“ fragte ich.

Sie sah mich mißtrauisch an. „Sprechen Sie etwas von ihm. Irgendwas. Was Sie wollen.“

Ich wußte, daß sie einen großen Teil seiner Gedichte par coeur wußte.

Sie drehte den Kopf weg, als hätte sie nichts gehört und rauchte. Dann sagte sie, immer noch abgewendet:

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der

Zeit.

Und das sind Wünsche: leise

Dialoge der armen Stunden mit der

Ewigkeit Und das ist Leben. Bis aus

einem Gestern die einsamste von allen Stunden

steigt,

die, anders lächelnd als die

andern Schwestern dem Ewigen entgegenschweigt.

Wir schwiegen.

„Das ist er“, sagt sie, „dieses Sehnsucht-Haben und Suchen ohne Ende. Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von ihm gelesen?“

„In der Schule. Ich hatte einen Vortrag gehalten zum Reformationsfest. Da zu diesen glorreichen Zeiten das Metall knapp war und für Rüstungszwecke gebraucht wurde, bekam ich nicht die sonst übliche Medaille, sondern ein Buch: ,Das Stundenbuch“ von Rilke. Danach las ich alle seine Gedichte, die .Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge', die .Sonette an Orpheus', die .Duineser Elegien“ und natürlich den .Cornet'.“

„Wissen Sie, daß er ihn als Vier-undzwanzigj ähriger in einer einzigen Nacht geschrieben hat?“

Ich wußte es nicht und behielt für mich, daß ich ihn in einer einzigen Nacht auswendig gelernt hatte.

„Und was er von dem sogenannten Ruhm hielt, wissen Sie das?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, sagte sie zornig:

„Du Einsamster, Abseitigster, wie haben sie dich eingeholt auf

deinem Ruhm. Wie lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und jetzt gehen sie mit dir um wie mit ihresgleichen. Und deine Worte führen sie mit sich in den Käfigen ihres Dünkels und zeigen sie auf den Plätzen und reizen sie ein wenig von ihrer Sicherheit aus. Alle diese schrecklichen Raubtiere.“ Sie rauchte heftig.

AA7ie wir da saßen, fiel mir ei-

T I ne Begebenheit ein, die von Rilke und seinem Freund Ewald erzählt wird. Die beiden saßen an einem Abend im Freien und sahen in die ziehenden Wolken. Ewald fragte: „Ist Gott denn dort?“ Rilke beugte sich zu dem lahmen Freund und fragte: „Ewald, sind wir denn hier?“

Die Baronin stand auf.

„Was soll ich Ihnen viel erzählen? Ich habe noch etwas für Sie. Warten Sie.“

Sie verschwand in der Wildnis des Parks. Es war ganz still, bis auf die Rufe der Vögel und das Summen der Insekten.

Ich erschrak, als die Baronin wieder vor mir stand. Sie gab mir ein Buch und setzte sich neben mich. Ich schlug es auf. Die weißen Seiten waren mit einem haardünnen Stift beschrieben. Kaum leserlich.

Gedichte, Gedichte. So stellt man sich die Schrift von Frauen vor. Ich las. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich Worte wahrnahm und gleichzeitig den Eindruck hatte, Musik zu hören. Als ich das Buch zurückgab, lagen blaue Schatten über dem Gebirge. Die Sonne stand tief.

„Kommen Sie“, sagte die Baronin, „ich muß Ihnen noch etwas zeigen, das dazugehört.“

Wir überquerten die große Rasenfläche vor dem Schloß, kamen in einen grünbewachsenen Laubengang, in dem ein heller Wasserstrahl in ein Granitbecken sprang. Am Ende des Laubenganges blieb die Baronin stehen.

„Hier.“ Es war etwas wie Triumph in ihrer Stimme. „Ich habe sie selbst gezogen.“

Eine Brandung von Farben und Düften: Rosen, Rosen, Rosen.

Unser Gespräch war zu Ende.

Ich wußte, warum sie mir die Rosen zeigte. Und sie wußte, daß ich wußte.

Woran wir dachten, wurde nicht ausgesprochen. Es war Rilkes Grabspruch, den er sich selbst ausgewählt hat:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.

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