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Seit 1968 ein „Fall"

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Man hat beim jetzigen Staubaufwirbeln übersehen, daß es sich hier doch schon um eine Auseinandersetzung handelt, die 1968 begann. Damals teilte die Glaubenskongregation Küng mit, daß sie einige Schwierigkeiten mit Behauptungen habe, die sich in seinem Buch „Die Kirche" finden.

Wenigstens von da an war das Verfahren nicht mehr im eigentlichen Sinn geheim, und Küng bekam reichlich Gelegenheit, sich zu äußern. Er hat diese Gelegenheit auch benützt, wenn er auch die Einladung zum Gespräch nur grundsätzlich annahm, ihr jedoch nicht folgte. (Nur 1976 hat ein privates Gespräch mit Kardinal Seper und dem Sekretär der Glaubenskongregation stattgefunden. Es dauerte fünf Stunden und verlief- so Küng selbst - in „gewohnter Offenheit und Freundlichkeit".)

1975 wurde dieses Verfahren abgeschlossen, Küng ermahnt, die als unkatholisch bezeichneten Lehren nicht mehr zu vertreten, und seine Erklärung, es nicht auszuschließen, daß sich seine Lehrmeinung im Laufe der Zeit der des Lehramtes „angleichen" könnte, zunächst für genügend erachtet. Beim oben erwähnten Gespräch habe - so Küng -Kardinal Seper bestätigt, daß Küng sich an die Vereinbarung gehalten habe.

In die Zwischenzeit fiel dann die Auseinandersetzung um Küngs Buch „Christ sein". Hier war nicht die Glaubenskongregation, sondern die deutsche Bischofskonferenz tätig. Die in der Erklärung der Glaubenskongregation erwähnten Lehrdifferenzen hinsichtlich der Christo-logie und Mariologie rühren aus dieser Auseinandersetzung mit der deutschen Bischofskonferenz.

„Jesus Christus kann nicht tun, was er tut, wenn er nicht ist, was er ist." So faßt die deutsche Bischofskonferenz ihre Einwände gegen Küng zusammen, ohne ihm persönliche Rechtgläubigkeit absprechen zu wollen. Küng hatte allerdings vorher auf entsprechende briefliche Urgen-zen des Erzbischofs von Köln nicht geantwortet.

Doch nicht diese Auseinanderset-

Die Erklärung der Glaubenskongregation vom 18. Dezember 1979 hat Staub aufgewirbelt. Inzwischen sind von seiten deutscher Bischöfe Schritte gesetzt worden, die auf eine angemessene Bereinigung hoffen lassen. Der folgende Beitrag hat den Vorzug, zur umstrittenen Sache selbst und nicht vornehmlich zu Äußerlichkeiten des Konfliktes Stellung zu nehmen wie viele andere. Daß er nicht alle Aspekte dieses „Falles" berühren kann, liegt in der gebotenen Kürze. Wir bleiben am Thema.

zung war der Hauptgrund für die „Erklärung" der Glaubenskongregation. Sie sah das Abkommen des Jahres 1975 durch zwei Veröffentlichungen Küngs verletzt. Am 5. April 1979 teilte ihm der Bischof von Rottenburg mit, daß ihn die beiden Beiträge „betroffen" gemacht hätten. „Ich nehme deshalb an, daß ein unerquickliches Nachspiel unvermeid-

lich ist und sich große Schwierigkeiten ergeben werden."

Unterschwellig scheint der Eindruck entstanden zu sein, es handle sich um die Unfehlbarkeit des Papstes als sein persönliches Privileg, das er verteidigen muß. Der Papst scheint so nur die stärkere Partei im Streit zu sein.

Durch die Formulierung, es handle

sich um „a priori garantiert unfehlbare Sätze", dürfte Küng das Problem tatsächlich verschoben haben. Zu Recht weist die deutsche Bischofskonferenz darauf hin, daß es sich hier um eine der kirchlichen Tradition fremde Formulierung handle.

Auch die Übersetzung von Infalli-bilität als „Unfehlbarkeit" schließt die Möglichkeit eines Mißverständnisses ein. Hier schlägt die deutsche Bischofskonferenz „Untrüglichkeit" vor. '

Trotz allen Irrtums bleibt die Kirche in der Wahrheit, sagt Küng, und die Glaubenskongregation bestätigt ihm, daß man seine Aussage trotz ihrer Mißverständlichkeit im katholischen Sinn verstehen kann. „Ob der Kirche überhaupt ein Bleiben in der Wahrheit zugeschrieben werden könne, ob es nicht vielmehr mit dieser Kirche und ihrer Wahrheit zu Ende geht", werde heute gefragt. So formuliert Küng in seinem letzten Diskussionsbeitrag.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß Küng die von ihm formulierte Frage mit einem deutlichen Ja beantwortet. Darüber hinaus wird er aber doch noch gefragt werden müssen: Wenn die Kirche behauptet, in der Wahrheit zu bleiben - und das muß sie auch nach Küng sagen -, und wenn sie zugibt, oft in Irrtum zu fallen - und das soll sie auch nach Küng zugeben-, dann muß sie doch, soll sie ernst genommen werden, ein Kriterium angeben können, mit dem sie selbst Wahrheit und Irrtum in sich unterscheidet.

Die Kirche und die theologische Tradition in der Kirche haben nie gezögert, solche Kriterien anzugeben. Eines dieser Kriterien ist die feierliche Erklärung des Papstes und des allgemeinen Konzils in Fragen des Glaubens oder der Sitte. Solche Erklärungen tragen nach Überzeugung der Kirche die Garantie in sich, daß der ihnen Folgende nicht in die Irre geführt wird.

Die Überlieferung der Theologen versteht hier den Papst eher als den Notar der Kirche, der ihr bestätigt, daß sie jetzt auf dem rechten Weg ist.

Küng leugnet nicht nur die Unfehlbarkeit des Papstes, sondern auch die Unfehlbarkeit der Kirche. Dem Österreicher fällt natürlich das Bild eines Betrunkenen ein, der am Ende doch richtig nach Hause torkelt, wenn er in der Zwischenzeit auch oft den rechten Weg verfehlt hat.

Küng hat dieses Bild mit der gesamten Uberlieferung gemein. Etwas unterscheidet aber die theologische Uberlieferung, die hier nicht erst auf das Jahr 1870 zurückgeht, von Küng: Für sie muß die Kirche doch immer wieder zu sich kommen und muß dies auch wissen und erklären können. Anders könnte sie die Menschen nicht verantwortlich einladen, ihr zu folgen.

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