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Serben beißen am Nationalismus

Die Angst geht um in Jugoslawien. Vor den gut organisierten, „spontanen“ Massendemonstrationen der Serben in der Wojwodina, in Kosovo und in der Teilrepublik Montenegro fürchten sich mittlerweile nicht nur die unmittelbar Betroffenen. Bosnier, Kroaten und Slowenen sind ebenso aufgeschreckt wie die Mazedonier.

Beobachter sprechen in diesem Zusammenhang schon von „echtem Faschismus“: Die Mehrheit zittert tatsächlich vor einer gut manipulierten Minderheit. Gilt den Slowenen und Kroaten die Absetzung der gesamten Parteiführung in der Wojwodina schon als „verfassungswidrig“, um wieviel mehr müßte das für den unter massivem Druck erfolgten Rücktritt der Regierung Montenegros vor einer Woche gelten.

Wenn sich eine nationale Bewegung — wie die in Serbien — als revolutionär versteht, dann muß alles, was sich dagegen wehrt, als konterrevolutionär . bekämpft werden. Der serbische Parteichef Slobodan (= Freiheit) Milosevic hat unter revolutionärem Banner seinen Kampf gegen Korruption, gegen die — wie er sagt — „Diebe, Taugenichtse und Faschisten“ in der Partei aufgenommen. Und die sich im Gefüge des Vielvölkerstaates Jugoslawien benachteiligt fühlenden Serben machen da begeistert mit.

Außerdem läßt sich der Aufstand der Serben auch propagandistisch gut verkaufen: Die nordwestlichen Republiken mit ihren Eigenmächtigkeiten, so tönt es aus dem Süden, setzen das sozialistische Jugoslawien aufs Spiel. Das Erbe Titos wurde einer kritischen Beleuchtung unterzogen. Mitglieder der Serbischen Akademie der Wissenschaften kamen schon vor zwei Jahren in einem „Memorandum“ zu dem Ergebnis, daß Tito eine antiserbische Politik betrieben und damit zu den jetzigen Zerfallserscheinungen beigetragen habe. Ein starkes Serbien — so die Schlußfolgerung — bedeute auch ein starkes Jugoslawien.

In einem wirtschaftlich darniederliegenden Land wie Serbien läßt sich die Bevölkerung - unabhängig von mittransportierten kommunistisch-revolutionären Parolen — national leicht aufschaukeln. Milosevic ist Ökonom. Beobachter meinen, daß er den Serben, die sonst nichts zu beißen hätten, wenigstens Nationalismus zum Beißen lasse.

Vor diesem Nationalismus besteht in den nordwestlichen Teilrepubliken Jugoslawiens aufgrund alten Hegemoniaistrebens der Serben — berechtigte Angst. Tito als Garant der Einheit, mit seinem manchmal auch widersprüchlichen System der Ausgewogenheit zwischen den Teilrepubliken in der Föderation, kann von den Toten nicht auferstehen.

Jugoslawien unter Führung Serbiens ist weder Wunschtraum der Kroaten noch der Slowenen. Das Mißtrauen im Norden gegen die Serbenführer ist mittlerweile so groß, daß Leute wie Parteichef Stipe Suvar, ein Kroate, der Montag auf dem Belgrader ZK-Plenum sehr milde mit den serbischen Bestrebungen umging, mit Argwohn, wenn nicht mit Haß — und zwar von allen Seiten — beobachtet werden. Slowenische Politiker — wie Franc Setinc — ziehen sich überhaupt von den Parteigeschäften in Belgrad zurück. Auch Petar Matic, Präsident des Bundes der Partisanenkämpfer Jugoslawiens, hat sich dem Druck der

Straße gebeugt und dieses Amt aufgegeben. Vermehrten serbischen Angriffen waren in den vergangenen Wochen auch der ehemalige jugoslawische Außenminister Josip Vrhovec, ebenfalls Kroate, und der frühere Parteichef Bosko Krunic ausgesetzt, Vrhovec hatte es bei der 16. Präsidiumssitzung des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens im Juli dieses Jahres gewagt, von „Konterrevolution“ sowohl in Kosovo als auch in Serbien zu sprechen.

Wie es unter diesen Umständen mit Jugoslawien weitergehen soll, wagt — auch jetzt nach der ZK-Sitzung — niemand zu prophezeien. Der Ausgleich unter den Nationen funktioniert nicht mehr. Begrifflich wollen zwar alle mehr Demokratie, mehr Selbständigkeit, besseres Wirtschaften — gleichzeitig fürchtet jeder die Ubermacht des anderen.

Das sogenannte „fortschrittliche“ Jugoslawien scheint zu zerfallen. Die alten Traditionen kehren hervor. Der serbische Kampf um Kosovo, die Propaganda gegen die dort lebende albanische Mehrheit, ist Symptom des serbischen Komplexes, in einem Staat nur Teilrepublik neben anderen zu sein. Man meldet historische Ansprüche an, ohne geschichtliche Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen.

Die serbisch-orthodoxe Kirche, die sich auf Bischofsebene apolitisch gibt, ist seit jeher nationalistisch geprägt. Sie versteht daher den jetzigen serbischen Aufstand — der sich gegen die katholischen und muslimischen Teilrepubliken richtet — außerordentlich gut.

Für den serbischen Klerus gilt die Gleichung: SerbischzrOrtho-dox=National. Die Bischöfe wollen sich zwar „politisch nicht benützen“ lassen. Doch die Ebene darunter beharrt auf dem „Recht auf Kosovo“.

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