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Sexualethik fur heute

Die richtige Kultivierung der Geschlechtlichkeit ist für die Reife der menschlichen Person, für die Fähigkeit zu Partnerschaft und sozialen Beziehungen, insbesondere zur Bildung harmonischer Familien als den Keimzellen des Staates von fundamentaler Wichtigkeit. Allerdings ist das Verständnis der Geschlechtlichkeit und die Einstellung zu ihr einem ständigen Wandel unterworfen. Das muß auch Auswirkungen auf die kirchliche Ehe- und Geschlechtsmoral haben.

Die traditionelle Theologie hatte nach den Zielen von Geschlechtlichkeit imd Ehe gefragt. Sie unterschied dabei zwar Zeugung von Nachkommenschaft, Triebbefriedigung, eheliche Treue usw.; aber dabei trat das am höchsten bewertete Ziel der Zeugung so sehr in den Vordergrund, daß man meinte, man könne dieses Ziel nie ausschließen, ohne in Widerspruch zur natürlichen Anlage und zum Willen des Schöpfers zu geraten.

Die heutige Auffassung vom Menschen ist hingegen durch eine prozeßhafte Sicht, also durch Einbeziehung der Zeitdimension gekennzeichnet. So unterscheidet

man die Sexualität des Kindes von der des Erwachsenen und des alternden Menschen. Sexualität hat in allen Lebensphasen eine Bedeutung, aber nicht immer die der Zeugung.

Dazu kommt, daß auch im ehelichen Leben die Zeugung neuen Lebens statistisch ausgesprochen selten ist, während in der weitaus überwiegenden Mehrzahl geschlechtlicher Begegnungen (man denke an die unfruchtbare Zeit des weiblichen Zyklus, an Schwangerschaft und Alter) eine Zeugung von Natur aus ausgeschlossen ist.

Es wäre unsinnig zu sagen, daß auch zu diesen Zeiten die Zeugung das eigentliche Ziel des ehelichen Verkehrs sei, das nur zufällig verfehlt wird. In diesen Zeiten dient offenbar die geschlechtliche Begegnung von Natur aus anderen Zielen, insbesondere dem Ausdruck von Liebe und dem Zusammenhalt der Gatten.

Ein weiterer Punkt hat sehr zam Wandel des Geschlechtsverständnisses beigetragen, nämlich die soziale und kulturelle Situation. Während früher in Ehe und Familie ein patriarchalisches Verständnis vorherrschte, sieht man heute in einem partnerschaftlichen Verhältnis von Mann und Frau und sogar in einer mehr partnerschaftlichen Beziehung zwischen Eltern und Kindern das Ideal.

Dazu kommen materielle und wirtschaftliche Gesichtspunkte: In früheren Zeiten und ebenso in den meisten heutigen Ländern der Dritten Welt gibt es keine ausreichenden Sozialeinrichtungen, für die meisten Menschen keine Rente oder Pension. Die einzige Möglichkeit, für das Alter vorzu-sorgen, besteht darin, eine größere Zahl von Kindern zu haben.

Nur so hat man die Hoffnung, daß genügend Kinder überleben werden, die darm einmal für ihre Eltern sorgen können. Unter diesen Voraussetzungen ist die Sorge um zahlreiche Nachkommenschaft auch eine Forderung sittlicher Verantwortung, damit man nicht eines Tages dem Gemeinwesen zur Last fallen oder elend umkommen muß.

Aber auch weltanschauliche Faktoren sind im Wandel der Geschlechtsmoral wirksam geworden. Der religionswissenschaftliche und kulturgeschichtliche Vergleich hat ergeben, daß die Sexualmoral von Kulturkreisen mit einer magisch-innerweltlichen Weltanschauung zu einer relativ freizügigen Sexualmoral führt, während in Kulturkreisen, die einen überweltlichen Gott annehmen, die Sexualmoral eher strenge Züge aufweist, weil dort auch die Würde der einzelnen Person mehr betont und geschützt wird.

Wenn man den Wandel der modernen Sexualmoral auf diesem religionsgeschichtlichen Hintergrund zu deuten versucht, dann müßte man sagen, daß hier ein Ubergang von einer durch den

Glauben an einen überweltlichen Gott bestimmten Kultur und Sexualmoral zu einer innerweltlichen Sicht vorliegt.

Auch die Kirche hat auf die angedeuteten Veränderungen reagiert. Das zeigt sich etwa in der Aufwertung des Gedankens ehelicher Partnerschaft und in den Veränderungen der Ehegüterleh-re. Die Zeugung von Nachkommenschaft steht in neueren kirchlichen Dokumenten, besonders im Vaticanum II, nicht mehr so im Vordergrund wie früher.

In diesem Zusammenhang ist auf das Prinzip der „verantworteten Elternschaft" hinzuweisen. Es besagt, daß die Eltern in ihrer Verantwortung selber zu bestimmen haben, wieweit sie noch weitere Kinder verantworten können.

Nach wie vor bleiben aber einzelne Probleme, die offensichtlich noch keine ausreichende und überzeugende Lösung gefunden haben. Das ist auch auf der letzten Bischofsynode 1980 über Fragen von Ehe und Familie, deutlich geworden.

Besonders das Thema der verschiedenen — auch „künstlichen" — empfängnisverhütenden Mittel sowie die Bewertung und Behandlung einer kirchlich nicht gültigen Zweitehe haben die Diskussionen stark bestimmt.

Kirche nicht - unfehlbarer als Bibel

Für den Moraltheologen zeigt sich hier, daß man vielfach noch bemüht ist, aufgrund einer traditionellen moraltheologischen Konzeption modernen Problemen Rechnung zu tragen, ohne daß es noch ausreichend gelungen wäre, ein modernes Gesamtver-ständnis von Sexualität und Ehe zu entwickeln.

Umso deutlicher wird die Theologie, die Grundanliegen der Offenbarung für den Lebensbereich von Ehe und Geschlechtlichkeit herauszustellen haben. Sie wird aufzeigen müssen, daß es hier nicht bloß um diese oder jene Einzelnorm geht, sondern um die Wahrung der Würde der menschlichen Person, um die Würde ehelicher Liebe, um die grundsätzliche Offenheit auf den Dienst an anderen Menschen und auf die Weitergabe des menschlichen Lebens, um den Wert eines gesunden Familienlebens.

Nicht Einzelnormen, sondern Wahrung der menschlichen Würde

Derartige Werte müssen von der Kirche verteidigt werden. Wie sie allerdings konkret zu verwirklichen sind, das ist allein von der Offenbarung her nicht mehr auszumachen, sondern verlangt auch die Bezugnahme auf die jeweilige geschichtliche Entwicklung, auf die soziale Situation und auch auf die fortschreitende Erkenntnis der empirischen Anthropologie.

In diesem Zusammenhang ist auch über die Kompetenz des kirchlichen Lehramtes nachzudenken. Es gibt in moraltheologischen Fragen kaum Dogmen. Das ist kein Zufall, sondern zeigt eine prinzipielle Grenze der kirchlichen Zuständigkeit. Die Kirche ist ja nicht unfehlbarer als die Bibel.

So kann auch heute die Kirche in vielen konkreten Fragen der Moral, etwa im Bereich von Wirtschaft und Politik, zwar auf die Grundanliegen der Offenbarung hinweisen, aber nicht mit Unfehlbarkeit ewig gültige konkrete Einzelnormen formulieren. Vielmehr muß immer neu versucht werden, christliche Grundwerte im Wandel der Situationen je neu zu konkretisieren. Das verlangt auch innerhalb der Kirche ein gemeinsames Suchen nach gültigen Lösungen.

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