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Digital In Arbeit

Sie müssen sich durchlavieren

Ich frage mich, was ich meinen drei Töchtern raten soll, wenn sie einmal vor der Berufswahl stehen. Denn früher oder später werden auch sie mit dem Dilemma konfrontiert sein, das auf eine Frau heutzutage unweigerlich zukommt, wenn sie Familie will und mehr darunter versteht, als zwischendurch ein Kind in die Welt zu setzen. Beruf oder Familie, das ist also irgendwann einmal auch für sie die Frage. Und je mehr Zeit und Energie in die Ausbildung investiert wurde, desto problematischer wird die Entscheidung.

Für mich wurde die Frage aktuell, als wir das zweite Kind bekamen. Nach Abschluß meines Studiums hatte ich eine Anstellung in einem wissenschaftlichen Institut gefunden. Ich machte Dokumentationsarbeiten, die ich, als ich ein Kind bekam, auch zu Hause als Teilzeitarbeit erledigen konnte. Das ging gut, ich konnte mir die Zeit frei einteilen und arbeitete eben, wenn das Baby schlief. Als das Kind größer wurde, war es nicht mehr so einfach, eine Nachbarin sprang hilfreich ein.

Als ein zweites Kind kam, war das nicht mehr möglich. Ein Karenzjahr war mir zuwenig, ich wollte die Kinder selbst versorgen, und so kündigte ich meine Stellung. Mein Mann und ich nahmen die finanzielle Einbuße in Kauf. Daneben gab ich auch die Sicherheit auf, wieder eine fixe Anstellung zu bekommen. Aber es war eine schöne Aufgabe, die ich mir vorgenommen hatte, und ich ging sie mit viel Schwung und Idealismus an.

Mit der Zeit begatm mich der häusliche Kleinkram zu „nerven“ . Und ein Ende dieser Situation war nicht abzusehen. Ich konnte gut verstehen, was so viele Frauen wieder in den Beruf zurückdrängt. Wohl auch das Geld, aber mehr noch die Möglichkeit, aus der Enge des Häuslichen auszubrechen, in einer ganz anderen Welt Herausforderung und Bestätigung zu erleben. Für mich war es nicht schwierig, diesen Verlok-kimgen zu widerstehen, denn ich hätte die Kinder schon vor dem

Kindergartenalter in fremde Obhut geben müssen - das wollte ich nicht.

Kaum gingen meine beiden Kinder in den Kindergarten, begann ich, meine Fühler wieder nach dem Beruf auszustrecken. Ich konnte bei einem Verlag als freie Mitarbeiterin einsteigen. Vormittags, wenn die Kinder im Kindergarten waren, und abends, wenn sie schon schliefen, erledigte ich meine Arbeit. Als der Verlag seine Geschäftsstelle in Wien aufgab, hatte ich wieder keinen Arbeitsplatz. Später ergab sich vorübergehend die Möglichkeit, Sprachunterricht zu geben. Das paßte gut in meine Zeiteinteilung, die sich nach den Kindern richtete.

Dann wagte ich mich in Neuland. Eine Presseagentur suchte Journalisten, auch Anfänger. Ich erlebte dies als echte Lehrzeit, die nicht ohne Schwierigkeiten ablief. Aber sie bot eine freie Zeiteinteilung, die es erlaubte, genügend Rücksichten auf die Bedürfnisse der Familie zu nehmen.

Eigentlich wollten wir immer drei Kinder. Als sich die häusliche Situation gut eingespielt hatte, meldete sich das dritte Kind an. Die größeren Mädchen gingen mittlerweile schon in die Volksschule. Ich hatte das Gefühl, alles, was ich mir bis dahin erkämpft hatte, zu verspielen, wenn ich jetzt aufgab. Durchhalten, den Fuß in der Tür lassen, das war ungefähr meine Parole. Ich arbeitete wieder neben dem schlafenden Baby.

Aber langsam bahnte sich zu Hause das totale Chaos an. Die Kinder wurden größer, die Älteste war schon im Gymnasium und brauchte mich in dieser Phase mehr als früher, die Mittlere war überfordert, weil ich sie ständig als Babysitter einsetzte, und die Kleine beanspruchte auch ihre Rechte. Ich war gereizt, abends nach acht Uhr war ich für die Kinder nicht mehr zu sprechen, weil ich ja arbeiten mußte, und an den

Wochenenden betreute mein Mann häufig die Kinder zur Gänze, damit ich Ruhe zum Arbeiten hatte.

Das konnte nicht der richtige Weg sein. So entschloß ich mich, diesmal schon schwereren Herzens als beim ersten Mal, den Beruf wieder einmal auf Eis zu legen. Das war gut so, die Hektik legte sich bald, und die von mir befürchtete Frustration trat nicht ein. Denn eines hatte ich aus den vorhergegangenen Phasen gelernt: die Zeit, in der man einem Kind voll zur Verfügung stehen muß, ist relativ kurz. Und man darf sie auch genießen.

Außerdem hatte ich aus den Erfahrungen gelernt, daß alles, was ich für meine Interessen tat, der Familie in Form von Freude und Schwung zugute kam. Ich übernahm einige außerhäusliche Verpflichtungen, die zwar kein Geld einbringen, aber Herausforderung und Anregung für mich bedeuten. Und ich nützte die Zeit, mich selbst ein bißchen besser kennenzulernen. Die Jüngste war mir dabei kein Hindernis, denn zu den Seminaren und Gruppen, die ich besuchte, konnte ich sie mitnehmen.

Mittlerweile ist auch sie im Kindergartenalter, und ich versuche, wie man so schön sagt, beruflich wieder Fuß zu fassen. Der Anfang ist bescheiden, trotzdem möchte ich nichts, was in der Zwischenzeit geschehen ist, missen. Denn ich bin überzeugt, daß mich das alles letztlich weiter gebracht hat als eine ungebrochene Berufslaufbahn.

Was ich allerdings meinen Töchtern diesbezüglich raten werde, bleibt offen. Denn es gibt nur wenige Berufe, die den Frauen die Chance geben, ihre Arbeit mit dem Einsatz als Mutter in Einklang zu bringen. Wahrscheinlich müssen sie sich genauso durchlavieren, wie ich es getan habe - außer, es erfolgt bis dahin der große Durchbruch, und man erleichtert es den Frauen, Kopf und Herz gleichermaßen einzusetzen.

Die Autorin studierte Germanistik und Volkskunde und arbeitet derzeit freiberuflich als Journalistin.

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