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Sieben Jahre später

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Ende 1979 entzog der Vatikan Hans Küng die kirchliche Lehrbefugnis (FURCHE 1/1980). Der Tübinger Theologe legt demnächst das neueste Ergebnis seiner Arbeit vor.

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Ende 1979 entzog der Vatikan Hans Küng die kirchliche Lehrbefugnis (FURCHE 1/1980). Der Tübinger Theologe legt demnächst das neueste Ergebnis seiner Arbeit vor.

Hans Küng gehört zu den umstrittensten Personen in der nach-konziliaren Kirche. Kaum ein Theologe der Nachkriegszeit hat die öffentliche Meinung so stark bewegt und polarisiert wie er; und wie bei kaum einem modernen Theologen liegen begeisterte Zustimmung und aggressive Ablehnung so nahe beieinander wie bei ihm. Hans Küng ist wissenschaftlicher Theologe und Seelsorger, Schriftsteller und Prediger, Priester und Polemiker, Katholik und ökumeniker. Unter Pius XII. wurde er in Rom in strengster Tradition erzogen; unter Johannes XXIII. gehörte er zu den jüngsten Mitgestaltern des konzilia-ren Aufbruchs; unter Paul VI. wurde er immer mehr zu einem Führer der loyalen Opposition in seiner Kirche.

Für viele ist er — ungewollt — so etwas wie eine „Ein-Mann-Insti-

tution“ zur Einübung inoerkirch-licher Demokratie geworden. Viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche sind Leser seiner Bücher und engagierten Schriften. Vielen ist er bekannt, aber nur wenige kennen ihn. Viele Klischees, positive wie negative, sind über ihn im Umlauf, aber nur wenige wissen, was er wirklich denkt und will.

Die Geschichte des „Falles Küng“ scheint die Geschichte einer abgebrochenen Kommunikation zu sein. Nach wie vor stehen sich Küng und seine Kirche in der Wertung seiner „Anfrage“ bezüglich des Unfehlbarkeitsdogmas unversöhnlich gegenüber. Küng beharrt darauf, er habe lediglich angefragt, wie angesichts der bekannten theologischen Schwierigkeiten die Möglichkeit unfehlbar wahrer Aussagen im Sinne des Vatikanum I aus Schrift und Tradition begründet werden könnte. Dies sei für ihn keine vorgeschobene, sondern eine echte Frage.

Die Tatsache, daß die Kirche mit dem Irrtum leben könne, macht sie für Küng nicht weniger, sondern mehr verläßlich, jedenfalls menschlicher und christlicher.

Es ist ein Verhängnis, daß theologische Rezeption sieben Jahre nicht genutzt hat, um die Küng'schen Selbstfestlegungen auf ihre Konsensfähigkeit mit dem kirchlichen Lehramt zu überprüfen. Die Chance, die Karl Rahner 1973 ergriff, um mit Hans Küng zu einer „operativen Einigung“ zu gelangen, hat die katho-

lische Theologie nach 1979 nicht mehr genutzt. Man begnügte sich damit, wie sich in diesen Tagen ein junger Theologe ausdrückte, angesichts eines offenkundigen sachlichen wie psychologischen Begründungsnotstandes seine eigene theologische Plausibilität zu finden; einer sachlichen und der Komplexität der Sache angemessenen Rezeption der Küng'schen Selbstpräzisierungen wich man aus. Sind nicht sieben Jahre „Fall Küng“ auch sieben Jahre verpaßter Chancen, zu einem Konsens, mindestens aber zu einer Konvergenz auf der Basis größerer theologischer Kompetenz zu gelangen?

Sieben Jahre „Fall Küng“ scheinen aber auch sieben Jahre Verlust für den katholischen Ökumenismus zu sein. Hans Küng ist in diesen sieben Jahren nicht untätig gewesen. Als Direktor des Institutes für ökumenische Forschung ist er an seinen Themen geblieben. Er lehrt, forscht, publiziert und reist wie der Papst als Theologe um den Erdball. Bei aller interreligiösen und interkulturellen Arbeit ist die innerchristliche Ökumene ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Tätigkeit geblieben.

Der Name Hans Küng steht seit beinahe dreißig Jahren für eine Theologie, die sich nicht in der Interpretation des Alten erschöpft, sondern einen neuen Aufbruch versucht. Herausgefordert von den Umbrüchen und Krisen der Zeit. In seinem jüngsten Buch, das demnächst erscheinen wird (Theologie im Aufbruch — eine ökumenische Grundlegung, Piper, München), faßt Küng Fragenkomplexe zusammen, die die Theologie in den beiden letzten Jahrzehnten bewegt haben. Seine Grundthese ist, daß die Theologie — wie andere Lebensbereiche auch - heute einem „Paradigmenwechsel“, einer Veränderung der gesamten Grundkonstellation des Denkens und Lebens, ausgesetzt ist.

Das neue Buch ist ein Dokument eines theologischen Denkweges. Dieser Weg führte in rund drei Jahrzehnten durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen christlichen Traditionen hin zu einer wahrhaft ökumenischen Theologie: nach innen auf die christlichen Kirchen konzentriert, und nach außen auf die Weltreligionen ausgerichtet.

Hans Küng hat in diesen vergangenen sieben Jahren weiter für seine Kirche gearbeitet. Wer Bedenken trägt, Kritik an der Kirche noch als Dienst für die Kirche zu verstehen, halte sich ein Wort von Yves Congar vor Augen, das er vor Jahren in der Affäre um Hans Küng gesprochen hat: „Ein Kardinal hat mir im Jahre 1964 oder 1965 erzählt, daß Paul VI. ihm gesagt habe: ... ich suche junge Theologen, die einmal die Nachfolge der Älteren sicherstellen könnten. Ich habe an Hans Küng gedacht, aber es scheint, daß er zuwenig Liebe hat...“

„Ich würde nicht sagen“, fuhr Yves Congar fort, „daß es ihm an Liebe fehlt, weder zu Christus, noch zur Kirche, er liebt sie sogar leidenschaftlich, aber nicht auf die gleiche Weise wie Paul VI., aber auch nicht — mit Verlaub gesagt — auf die gleiche Weise wie ich. Küngs Liebe zur Kirche und zu Christus äußert sich durch sein Anliegen absoluter Ehrlichkeit gegenüber der Geschichte und den Zeitbedürfnissen. Sie trägt sein Studium. Sie bewegt ihn, die Erwartungen und Hoffnungen der Basis zu formulieren und die peinlichen Fragen der Reformation und der modernen Kritik aufzunehmen.“

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