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Sieger über den Unbesiegbaren

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Kaum hat Österreich des 100. Todestages seines größten Seehelden gedacht, kann es wieder die Erinnerung an einen seiner großen Generale feiern: Am 15. April werden es 200 Jahre sein, daß Feldmarschall Karl Fürst zu Schwarzenberg in Wien geboren wurde. Er ist in die Geschichte als der Sieger der Völkerschlacht bei Leipzig eingegangen, in der endgültig Napoleons Laufbahn dem Untergang sich zuwendete. In dieser Völkerschlacht hatte er einen Generalstabschef, dessen geniale Ideen er leider nicht immer durchsetzen konnte, wie dies in einem Koalitionskrieg nur zu oft der Fall ist. Der Generalstabschef war Graf Radetzky, dessen Ruhm erst 35 Jahre später unsterblich werden sollte. Radetzky selbst stammte aus einem uralten böhmischen Geschlecht, Schwarzenberg selbst wurde der Begründer der zweiten, böhmischen Linie dieses Hauses. So waren es zwei Angehörige Böhmens, welche der kaiserlichen Armee unsterblichen Ruhm verschafften. Sie waren neben Wallenstein, der ja ebenfalls aus Böhmen kommt, fast die einzigen großeirFeldherren Österreichs, die nicht aus dem Ausland kamen.

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Kaum hat Österreich des 100. Todestages seines größten Seehelden gedacht, kann es wieder die Erinnerung an einen seiner großen Generale feiern: Am 15. April werden es 200 Jahre sein, daß Feldmarschall Karl Fürst zu Schwarzenberg in Wien geboren wurde. Er ist in die Geschichte als der Sieger der Völkerschlacht bei Leipzig eingegangen, in der endgültig Napoleons Laufbahn dem Untergang sich zuwendete. In dieser Völkerschlacht hatte er einen Generalstabschef, dessen geniale Ideen er leider nicht immer durchsetzen konnte, wie dies in einem Koalitionskrieg nur zu oft der Fall ist. Der Generalstabschef war Graf Radetzky, dessen Ruhm erst 35 Jahre später unsterblich werden sollte. Radetzky selbst stammte aus einem uralten böhmischen Geschlecht, Schwarzenberg selbst wurde der Begründer der zweiten, böhmischen Linie dieses Hauses. So waren es zwei Angehörige Böhmens, welche der kaiserlichen Armee unsterblichen Ruhm verschafften. Sie waren neben Wallenstein, der ja ebenfalls aus Böhmen kommt, fast die einzigen großeirFeldherren Österreichs, die nicht aus dem Ausland kamen.

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Die Völkerschlacht bei Leipzig ist der bekannteste Erfolg des Feldmarschalls Schwarzenberg. Es ist nicht sein einziger Sieg über Kaiser Napoleon geblieben. Doch weder die Schlacht bei Arcis-sur-Aube, wo er Napoleon selbst gegenüberstand, noch die Einnahme von Paris, von wo er ihn femzuhalten gewußt hatte, sind ebenso berühmt; will man den Feldmarschall feiern, nennt man ihn den Sieger von Leipzig.

Das ist natürlich. Bei Arcis-sur-Aube war die Überzahl der Verbündeten so groß, daß sie die Schlacht gar nicht verlieren konnten, die Kriegsgeschichte hat nur zu fragen, ob die Vernichtung des Feindes aus Verschulden des Generalissimus oder aus anderen Ursachen unterblieb. Nicht anders war das Zahlenverhältnis bei Paris. Anders bei Leipzig: 120.000 gegen 100.000, dann 300.000 gegen 200.000 Mann. Dort glaubte Napoleon siegen zu können; dort glaubte er einen Augenblick, gesiegt zu haben. Ein besonderes Interesse knüpft sich daher an die Dispositionen zu dieser Schlacht. Eine Frage zumal ist oftmals besprochen worden. Es ist bekannt, daß der Feldmarschall weder vor Leipzig noch bei Leipzig selbst jene Dispositionen hat durchsetzen können, die ihm sein genialer Generalstabschef Radetzky ausgearbeitet hatte.

Den ersten Entwürfen Radetzkys für Feldzug und Schlacht ist nun eines gemeinsam, worauf hier verwiesen werden soll. Als Österreich 1813 in den Krieg eintrat, hatte Napoleon die Russen und Preußen vor sich; er hatte sie bei Lützen und Bautzen geschlagen, er hätte gegen die Oder und Spree losgehen, eine Neuauflage des Feldzugs von 1806 liefern können. Wenn Österreich nicht war. Aber Österreich stand rechts von seiner kürzesten Rückzugslinie (er hatte auch die längere, elbeabwärts auf das feste Hamburg) und konnte auf diese Vorgehen. Radetzky riet, möglichst weit nach rückwärts zu gehen. Das hieß natürlich nicht so weit, daß die böhmische (also österreichische)

Armee den Verbündeten nicht mehr helfen konnte.

Darüber konnte man verschiedener Ansicht sein, und endlich wurde Radetzkys Idee darauf beschränkt, daß man als Treffpunkt Leipzig annahm. Nun ist es klar, daß Radetzkys ursprüngliche Absicht dazu führen mußte, daß Napoleon gegen die Österreicher auf seiner Rückzugslinie eine Schlacht mit verkehrten Fronten anbieten mußte. Doch auch als die Schlacht bei Leipzig nahte, wollte Radetzky sie zu einer solchen Schlacht machen; und was man oftmals besprochen hat, ist der Vorzug dieser oder der end1 ich angenommenen Disposition. Das führt zu einigen vorläufigen Bemerk; n^n über die Schlacht mit verkehrten Fronten.

Ist der ideale Sieg die Einkesselung des Gegners, also die perfekte Vernichtungsschlacht (Cannae, Sedan, Adua, Stalingrad), so ist offenbar ein Sieg mit verkehrten Fronten das Nächstbeste. Der geschlagene Feind hat keine Rückzugslinie — er muß sich auflösen, falls ein Entkommen überhaupt gelingt. Diesem Vorteil steht ein gewaltiger Nachteil des Kampfes mit verkehrter Front entgegen: „Wer umgeht, ist selbst umgangen.” Diese zeichnerisch evidente Tatsache ist nicht zu übersehen. Den Entschluß zu einer solchen Schlacht kann also nur ein entweder übermächtiger oder sehr kühner Feldherr fassen.

So verstehen wir, warum die Schlacht mit verkehrter Front ein Lieblingsmanöver Napoleons I. war, wie das von Lachouque („Napolėon: 20 ans de campagnes”, 1964) so einprägsam erklärt wird. In jungen Jahren beseelte General Bonaparte die jakobinische „audace”“ zugleich mit dem napoleonischen Ehrgeiz, und willig setzte er sein jeweiliges Heer auf die eine Karte einer solchen Schlacht. Es errang so einen kriegsentscheidenden Sieg — wenn nicht (um mit Erich Kästner zu reden), „dann ist es eben futsch”. Wieder und wieder wurde es ein

Feldmarschall Schwarzenberg (1814): „Zaghafter Stratege”

kriegsentscheidender Sieg — und davon hatte offenbar Radetzky gelernt. Aber wie kam er dazu, seinem Generalissimus diesen Gedanken einleuchtend zu machen?

Immer wieder wird betont, daß Schwarzenberg ein kühner Kavallerieoffizier war, aber ein vorsichtiger oder vielmehr ein zaghafter Stratege. Daran ist gewiß viel Wahres. Vor allem war sein Standpunkt nicht der Napoleons. Der konnte für sich selbst die Wette wagen: „Aut Caesar aut nihil!” Schwarzenberg mußte dem Kaiser, dem angestammten Kaiser, auf jeden Fall sein Heer erhalten.

So kühn, daß er dessen Vernichtung wagte, war er nicht und wollte er nicht sein. Doch vor Leipzig war er sich der eigenen Vorteile wohl bewußt. Erstens war er eben doch der Stärkere, und weitere Verstärkungen mahlten. Zweitens lag in der Verlängerung von Napoleons (kürzester) Rückzugslimie die Rückzugs- Knie der Russen, nicht die der Österreicher. Die lag zu Napoleons Linde rechtwinkelig. Gewann Napoleon die Schlacht, konnten die Österreicher immer noch nach Böhmen zurückgehen und dm fesiten Theresienstadt ausharren.

So entstanden die von Langenau ausgearbeiteiten Dispositionen vom 13. Oktober, wonach die Aufstellung wirklich so erfolgen sollte. Die böhmische Armee Schwarzenbergs südwestlich von Leipzig; Blüchers Schlesische Armee, vom Norden kommend, direkt westlich von Napoleon; nordwestlich von ihm Bernadette, Kronprinz von Schweden. So blieb ihm im Falle der Niederlage nur der Weg nach Osten — von wo die Reservearmee kam. Aber diese Disposition mißfiel Kaiser Alexander, oder vielmehr seinen maßgebenden Beratern Diebitsch, Toll und Jomini. Sie meinten, und das zu Recht, daß die Hauptarmee in dem vorgesehenen, durch Regen aufgewedchten Gelände sich kaum würde rühren können. Sie schienen auch zu meinen, daß die Russen den Hauptstoß des Feindes aushalten, die Österreicher in Ruhe Zusehen sollten. Diese Meinung ist kaum verständlich, denn nach dieser Disposition wären die Österreicher vielmehr gerade auf Napoleons Rückzugslinie (auf Naumburg) gestanden, was doch bestimmt kein Ruheposten war. Und doch mußte aiuf Kaiser Alexanders ausdrückliche Anweisung der Plan geändert werden, die Hauptarmee stand jetzt rechts und nicht links der Pleiße, also südlich, nicht südwestlich des Feindes. Zudem ging Blücher nicht südwärts, auf die Westseite Napoleons, sondern ostwärts, wo ihm dann die Vereinigung mit Schwarzenbergs rechtem Flügel gelang. Somit war nun die Umfassung Napoleons gerade umgekehrt als vorgesehen, es stand ihm nur der Westen frei. Die natürliche Verbindung nach Erfurt und Frankreich. Dort ist er also himgegangen. Gerade dies hat man nachher Schwarzenberg zum Vorwurf gemacht. Selbst Lachouque scheint über den vorsichtigen Schwarzenberg zu lächeln, der dem fliehenden Feinde „goldene Brücken baute”; ■die preußische Geschichtsschreibung hat einfach behauptet, die Österreicher hätten Napoleon absichtlich entkommen lassen. Als hätte er das, wofür er die Hauptarmee hatte verwenden wollen, nun einfach dem Korps Gyulad oder der Division Moritz Liechtenstein auftragen können! Gewiß, Feldmarschail Moltke wußte die Franzosen vollends einzuschließen. Aber erstens hatte er Napoleon III. und nicht I. gegen sich, zweitens hatte er andere, weiter tragende Kanonen.

Dem sei wie immer, kehren wir zum napoleonischen Gedanken des Kampfes mit verkehrten Fronten zurück. Im Feldzug von Frankreich des Jahres 1814 hat sich der Feid- marschall im Sinne seiner oftgenannten Vorsicht davor gehütet» einen Kampf mit verkehrten Fronten anzubieten; waren eigene Abteilungen so weit vorgegangen, daß sie hätten umgangen werden können, mußten sie eben zurück. Und als es dann am Ende das Feldzuges wirklich so war, daß Napoleon hinter der Hauptarmee stand, schickte er Wintzingerode und Tettenborn gegen ihn; die wurden bei S. Dizier geschlagen. Inzwischen aber gingen die Armeen der Verbündeten unaufhaltsam vorwärts und kamen rechtzeitig vor Paris an. Dersn es ®wies sich für Napoleon als schlechterdings unmöglich, ihnen zum Entsatz von Paris eine Schlacht zu liefern, wobei er sie von hinten angefallen und die Hauptstadt sie vom auf- gehalten hätte. Diese letzte Schlacht mit verkehrten Fronten blieb Napoleon versagt; als er sich Paris näherte, hatten die Verbündeten schon ihren Einzug gehalten. Die Menge auf den Boulevards hatte die Bärenmützen der k. k. Grenadiere vorbeiziehen gesehen. Aus den langen Jahren der Franzosenkriege hatten eben Österreichs Heerführer einiges gelernt.

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