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Sind wir Marionetten?

Politischer Aktivismus muß sich schärfstens gegen jeden Fatalismus, gegen die widerstandslose Ergebung in ein als vorgezeichnet angenommenes, ehernes Schicksal wenden. In dem Fragment „Woyzeck“, das derzeit von den „Komödianten“ im Künstlerhaus aufgeführt wird-, zeigt Georg Büchner, wie der Füsilier Woyzeck dem Druck der äußeren Mächte, personifiziert in einem Hauptmann und einem Doktor, dem er als medizinisches Versuchsobjekt dient, ohne jede Gegenwehr erliegt, wozu noch die Untreue seiner Geliebten kommt.

Die „Komödianten“ behaupten - gedruckt auf einem eigenen Blatt -, das Stück werde „als Tragödie auswegloser sozialer Determiniertheit im Sinne des Fatalismus“ mißverstanden. Kein Zweifel, der 21jährige Büchner war der Gesinnung nach ein fanatischer Revolutionär, was sein „Hessi- scbej,Lapuote“ erweist, in dem jedes Wort als Sprengkörper wirkt. Aber im gleichen Jahr schrieb er seiner Braut, er studiere die Geschichte der Revolution, wobei er sich wie zernichtet fühle „unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte“. Und weiter stellt er beim einzelnen ein Ringen gegen ein ehernes Gesetz fest, das zu beherrschen unmöglich sei.

Im „Woyzeck“, der zwei Jahre später entstand, wird nicht einmal dieses Ringen gegen das „unmöglich zu Beherrschende“ gezeigt. Widerstandslos bricht Woyzeck nieder, wird zum Mörder an der Geliebten, weil ihm ein Aufbegehren gegen die herrschenden Mächte gar nicht in den Sinn kommt. Büchner stellt die gequälte Kreatur dar, für die er nun offenbar keine Hoffnung sieht Er zeigt voll tiefen Mitgefühls die Ohnmacht des Menschen in der politischen Situation seiner Zeit.

Dieses drückend Ausweglose wird unter der Regie von Karl Menrad im Sinn des Stückes der beinahe lähmend beherrschende Eindruck der Aufführung. Gerade weil Dieter Hofinger baumlang ist, wirkt seine Hilflosigkeit als Woyzeck besonders glaubhaft. Das Triebhafte eines primitiven Geschöpfs ersteht durch Helga Illich als Marie. Das sind von innen her deckende Besetzungen. Die anderen Rollen werden gut erspielt. Gerhard Jax entwarf ein treffliches simultanes Bühnenbild, das sich über das ganze Parterre und einen Teil der ersten Galerie erstreckt. Kostüme: Gerda Graf. Zwischen den 27 Szenen bieten Reinhardt Honold und Rudolf Tinsobin eine vorwiegend rhythmisch dissonante Musik.

Sind die Menschen Marionetten? In dem ersten der beiden Einakter, mit denen die AUeindirektiön Haeusser- man im Theater in der Josefstadt begann, in der Burleske „Zum großen Wurstel“ von Arthur Schnitzler, wird in einer Praterbude ein Marionettenspiel um den „Helden des Stücks“ vorgeführt, der unverschuldet in Lie- beshändel gerät, zum Duell gefordert wird, zum Duell fordert. Als nun der Tod auftritt, revoltiert das fiktive Publikum auf der Bühne, doch da kommt schon ein Unbekannter, der den Marionetten den Faden durchschneidet. Aber nicht nur sie sinken zusammen, sondern auch diese Zuschauer. Sie le ben gar nicht, auch sie sind Marionetten, sie wissen es nur nicht. So kann der Tod sich nur als Wurstel entpuppen.

Was ist in einem marionettenhaften Leben Spiel, was Wirklichkeit? In der danach aufgeführten Groteske „Der grüne Kakadu“, ebenfalls von Schnitzler, delektieren sich am Abend des Bastillensturms mehrere Adelige in einer berüchtigten Pariser Spelunke an Berichten von erfundenen Verbrechen, die ihnen Schauspieler vorgaukeln. Ihnen, den Vertretern einer Kaste, die sich schuldig gemacht hat und die bald selbst der Mordgier zum Opfer fallen werden. Was bei diesen Zusehern vielleicht ähnlich geartete Wirklichkeit war und Wirklichkeit sein wird, projiziert sich ins genießerisch beobachtete Spiel. Unheimliche Kongruenz. Steigerung: Der Schauspieler Henri, der vorspiegelt, den Herzog von Cadignan ermordet zu haben, upd ihn dann tatsächlichtötet, als erdieUntreue seiner Frau als Faktum erfahrt Spiel und Wirklichkeit durchdringen einander. Kann man es immer scheiden? Wirklich ist gemäß Meister Ekhart das Wirksame, wirksam ist beides.

Gespielt werden die Einakter unter der Regie vonKlaus Maria Brandauer exzellent. Im ersten wirken die von Rolf Scharre einstudierten Marionettenbewegungen der Darsteller überaus reizvoll. Brandauer beherrscht als „Held des Stücks“ sie besonders gut. Im „Grünen Kakadu“ wird der revolutionäre Impuls des Stücks penetrant spürbar gemacht. Brandauer spielt da die Verletztheit des Henri ganz von innen her. Die Bühnenbilder von Walter Dörfler, die Kostüme im ersten Stück von Rudolf Heinrich, im zweiten von Rosine Delamare, bedingen mit den positiven Gesamteindruck.

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