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Sinnvermittler haben versagt

Wir werden angesichts der immer deutlicher zutage tretenden Schwächen unserer Massendemokratien, die kaum mehr in einer Lebensfrage wirklich entscheidungsfähig sind, mit dem Terror als einem Zeitphänomen leben müssen.

Gewiß, der Terror wird vielleicht in anderer Form virulent werden, Anzeichen dafür gibt es: ohne Zweifel sind die diversen „Friedens"- und „Abrüstungsbewegungen", teilweise auch die Alternativszene (siehe auch Hausbesetzungen!) und die Bürgerinitiativen prädestiniert dafür, daß sich wohlorganisierte terroristische Minderheiten einschalten, um ihr schreckliches Spiel der Zerstörung um der Zerstörung willen treiben zu können.

In der Ausgabe vom ISv Mai der Hamburger „Zeit" hat deren wortge- . waltiger Inhaber Gerd Bucerius anläßlich seines 75. Geburtstages zu einer großartigen Abrechnung mit den Zer-setzern in dieser Zeit ausgeholt. Man merkt seinen Formulierungen an, daß ihm nun endlich der Kragen geplatzt zu sein scheint, ihm, dem bewährten Liberalen, der Beweise genug dafür geliefert hat, daß er nicht mit Scheuklappen durch die Welt geht.

„Ich jedenfalls will mich nicht länger beschimpfen lassen", so rief er aus, im Zusammenhang mit den, wie er sie nennt, „falschen Lehrern", die ganze Generationen vergiften und damit den Boden auch für die Ausbreitung des Terrors bereiten.

In der Tat: Es wird Zeit, daß auch die letzten müden Bürger aufwachen, um zu erkennen, was da seit Jahren gespielt wird, daß Anschläge und Mordaktionen nur die extreme Variante einer Strömung sind, die wir alle - ja wir alle! - viel zu lange toleriert haben: teils aus Unkenntnis der Wurzeln und Ziele, teils aus Mangel an Zivilcourage, vor

allem auch aus jenem schalen Konformismus heraus, der nicht aufzubegehren wagt, wenn irgend etwas von den Manipulatoren als „modern" oder „in" erklärt wird.

Die Angst der schweigenden Mehrheit ist es vor allem, die solches entstehen ließ, dem nun viele überrascht und fassungslos gegenüberstehen. Im Grunde begegnen wir dem Terror täglich, in mehr oder weniger ausgeprägter Form: antiautoritäre Erziehung, Bewegungen in der „Jugendszene", das Dauerfeuer in den Massenmedien, die Abwertung von durch Jahrhunderte anerkannten, tradierten Koordinatensystemen menschlichen Handelns - das ist das Substrat, auf dem der Terrorismus gedeiht.

Unsere Gesellschaft ist in höchstem Maße permissiv geworden, sie huldigt dem Grundsatz „Alles verstehen heißt alles verzeihen". Unter dem Eindruck einer systematischen Kampagne nach dem Zweiten Weltkrieg, durch Eindringen von Erscheinungen der amerikanischen Pädagogik „liberaler" (besser „linker" Observanz), durch die gedankenlose Rezeption der Psychoanalyse, gepaart mit Marxismus, ist jenes Klima entstanden, in dem die Axt mit

Erfolg an das Gebäude der westlichen Lebensart gelegt werden konnte.

Alles wurde systematisch in den Kot gezogen: die Religion, die Beziehungen in der Familie, die Staatsautorität, Heimatliebe und Patriotismus, die Bereitschaft zur Landesverteidigung, die dauerhaften soldatischen Tugenden, die Traditionen, die Beziehungen zur Geschichte, Leistung als Voraussetzung und Motivation menschlicher Weiterentwicklung.

Die „Selbstverwirklichung" des einzelnen wurde zum höchsten Wert erklärt: jeder auf Kosten der anderen. Dies alles wurde mit einem Zuckerguß von „Humanität"-versehen, von der es zu Recht heißt, daß in ihrem Zeichen das Menschliche zu kurz komme (Ernst Jünger).

Die Linke operierte dabei geradezu raffihiert-diabdiisch: Indem sie alles, was sich ihr entgegenstellt, mit dem Feindbild des „Faschismus" versah, machte sie es immer weniger Menschen möglich, zu dem zu stehen, wofür sie im Grunde ihres Herzens eintreten, es aber nicht zu tun wagen, weil sie sofort vor die vielen, selbsternannten Tribunale gezerrt werden.

Eine besondere Rolle kam in diesem Zusammenhang den „Sinnvermittlern", wie Helmut Schelsky sie treffend nennt, zu: den Pädagogen, den Theologen, den Mediengestaltern, den Trägern jener meist obskuren „Wissenschaften", die ein weites Feld vor sich sahen.

Unter dem Mantel der „Wissenschaft" war und ist es möglich, auch himmelschreienden Ujisinn und Unfug zu verbreiten, man ^ „hinterfragt" dauernd, man erzieht Kritiklose zu „kritischem Denken" um seiner selbst willen, dies alles noch kräftig aus dem Topf des Steuerzahlers gefördert.

Diese letzten Jahrzehnte waren die hohe Zeit der „SclKcibtischtäter": auf den Kanzeln, in den Hohen Schulen, in den Medien, vor allem überall dort, wo Erziehung betrieben werden kann.

Und mit einemmal wunderten sich plötzlich auch erlauchte Geister, die etwa 1968 nicht genug an Freudengeheul anstimmen konnten, daß nun eine „Bewegung der Phantasie" die Jugend erfaßt habe.

Mancher Kirchenmann, der es auf Grund der den Kirchen innewohnenden Weisheit hätte besser wissen müssen, sah plötzlich, in welche Richtung der Wagen rollte, manche^ klingende

Name der internationalen Publizistik bekam es mit der Angst zu tun. (Man vergleiche nur, was die Doyenne der deutschen sich „liberal" nennenden Publizistik, die ostpreußische Gräfin Marion Dönhoff, 1968 schrieb und was ihr heute dämmert. Braucht es für den kritischen Intellektuellen wirklich erst einen solchen Anschauungsunterricht?)

Eine Zielrichtung dieses „Vorstadiums desTerrorismus" ist natürlich die Jugend. Da wird planvoll an der Abwrackung aller bestehenden Autorität gearbeitet, mit den subtilen Mitteln der Subkultur. „Liedermacher" (eine furchtbare Spezies) rufen der Jugend zu, Arbeit sei „Mord", in den Kinoreklamen wird die Frage „Warum eigentlich bringen vyir unseren Chcf nicht um?" gesteilt.

Ein Scherz? Gewiß nicht, eher ein makabres Kabarett mit gefährlichen Konsequenzen für Labile. In den Diskussionssendungen des Fernsehens treten sie ungeniert auf: Hausbesetzer, Kriminelle (in der Bundesrepublik Deutschland schon mit Literaturpreisen gekrönt!). Antiautoritäre in jedef Form.

„Die Szene" ist zum Bestandteil dieser Zeit geworden, und mancher erfolgshungrige Politiker meint, auch ihr den Tribut zollen zu müssen.

Und das Ergebnis? Wir können es nun fast täglich hören und lesen. Man könnte verzagen, wenn nicht von jenseits des Atlantiks wieder Hoffnung käme. Das ist die eine Seite.

Die andere ist die, daß sich insbesondere in der Gewerkschaftsbewegung noch immer Kräfte finden, die fühlen, was hier an Desintegration getrieben wird, die sich nicht in jene Front einreihen lassen wollen, die dem Menschen sein Dasein systematisch vergraust, ihn zum willenlosen Objekt in der Hand der „Wirtschaft" erklärt…

In den letzten Tagen ist soviel vom notwendigen „Dialog" die Rede, vom „Zugehen" auf den anderen, auch die Terroristen, von der angeblichen Allmacht der „Liebe". Können wir uns derartiges leisten?

Gewiß, die Verdrängung von Problemen ist noch nicht-deren Lösung, aber es scheint ein Punkt erreicht zu sein, da die Staatsautorität - und ihr Wille, sich durchzusetzen - wichtiger ist als wehleidiges Getue.

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