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So eng kann Freiheit sein

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Der Flüchtlingsstrom aus Polen reißt nicht ab. Sie kommen voll Hoffnung. Sie wollen die Unsicherheit in ihrer alten Heimat hinter sich lassen und suchen eine sichere Zukunft in einer neuen Heimat. Österreich ist da eine Zwischenstation. Der Traum von der Freiheit beginnt hier aber nicht selten mit einer Enttäuschung.

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Der Flüchtlingsstrom aus Polen reißt nicht ab. Sie kommen voll Hoffnung. Sie wollen die Unsicherheit in ihrer alten Heimat hinter sich lassen und suchen eine sichere Zukunft in einer neuen Heimat. Österreich ist da eine Zwischenstation. Der Traum von der Freiheit beginnt hier aber nicht selten mit einer Enttäuschung.

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Ein neuer Strom verbindet Weichsel und Donau: es ist ein Flüchtlingsstrom von Polen, die wegen der Unsicherheit und Ungewißheit in ihrem Land eine neue Heimat suchen. Einige Flüchtlinge kamen über die tschechische oder ungarische Grenze, mehrere über die weniger gefährliche jugoslawische. Die meisten aber kamen als Urlauber - ohne jemals wieder heimkehren zu wollen.

Der Großteil jener Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, wird vorerst im Flüchtlingslager Traiskirchen untergebracht. Einen „Hoffnungsschimmer für alle, die von zu Hause Weggehen, um in Westeuropa und Ubersee eine neue Heimat zu suchen“ bezeichnet Regierungsrat Karl Radek die ehemalige Artillerie-Kadettenschule, in der er nun als Lagerleiter für die Unterbringung von Flüchtlingen aus allen Nationen sorgt. Und. wie sieht der „Hoffnungsschimmer“ aus?

Neuangekommene Flüchtlinge müssen sich vor ihrer Eingliederung in das Lager einer genauen ärztlichen Untersuchung und ^iner amtlichen Einvernahme, die auch die Abnahme von Fingerabdrücken miteinschließt, unterziehen. Danach verbringen sie eine Woche in der sogenannten Transit- oder Quarantänestation.

Wenn die ärztlichen Befunde positiv

abgeschlossen sind und die Quarantänezeit vorbei ist, erhalten die Flüchtlinge einen Lichtbildausweis. Erst dieser amtliche Ausweis berechtigt sie dann, sich im Lager und im Ort frei zu bewegen.

Jetzt, nachdem die Osteuropäer schon eine Woche in Traiskirchen verbracht haben, beginnt die eigentliche Zeit des Wartens. In diesen Wochen tritt für die Auswanderer auch ein gewisser „Ernüchterungsprozeß“ ein: „In der Leere des Tages wird den Menschen erst richtig bewußt, was sie in ihrer Heimat zurückgelassen haben“, weiß Lagerleiter Radek.

Für diejenigen die im Ort Arbeit gefunden haben, bringt das ebenso eine gewaltige Überraschung mit sich: daß hier Leistung Geld bedeutet, weiß so mancher Osteuropäer noch nicht richtig abzuschätzen. Sehr rasch verschwindet da oft der Traum vom „goldenen Westen“ und dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.

Daß es in dieser Phase der Resignation auch manchmal zu Aggressionen kommt, läßt sich dann nicht verhindern: „Die Ausschreitungen sind aber nie allzu schlimm“ sagt Radek.

Die Polen, die auf ihrer Flucht in Österreich Station machen, erhalten

Schlaf-, Eßgelegenheit und Reinigungsmittel. Radek betont ausdrücklich, daß Traiskirchen keine „Wohltätigkeitseinrichtung ist, sondern nur lebensnotwendige Hilfe“ bietet.

Zwar ist Österreich nicht das einzige Asylland, wohl aber das „beliebteste“. So wird zum Beispiel aus den italienischen Flüchtlingslagern von Desorganisation, Verwahrlosung, Elend, behördlich geduldeter Brutalität, Prostitution, Drogen- und Alkoholsucht, Aussichtslosigkeit des Weiterwanderns oder gar von Seßhaftigkeit in Italien, sowie von politischem Agenten- und Abenteurertum berichtet.

Diese Zustände zwingen die Flüchtlinge Italien zu meiden und tragen zur „Flüchtlingsinvasion“ in Österreich bei. „Derartige Vorkommnisse gibt es in Traiskirchen nicht“, sagt Radek.

Drogenhandel und größere Verbrechen kommen im niederösterreichischen Lager keine Vor, nur: „Gelegentlich etwas zu viel Alkohol bei den Abschiedsfeiern.“

Gelassen nehmen die Flüchtlinge diese Situation hin. Trotz der Unausge- fülltheit, die eine lange, ungewisse Wartezeit mit sich bringt, lehnen sie jedes von der Lagerleitung angebotenes Freizeitprogramm ab: vorprogrammierte Tätigkeiten sind sie aus dem Heimatland überdrüssig.

Da die ehemalige Traiskirchner Ka-

šerne nur „Drehscheibe“ sein und bleiben soll, werden die Flüchtlinge so rasch als möglich in umliegenden Pensionen und Gasthöfen untergebracht. Und nicht wenige Polen campen bereits im Wiener Prater, rund um den Mexikoplatz und in den Donauauen.

80 Personen leben und schlafen in einem der vielen Säle des Lagers Traiskirchen auf 150 Quadratmetern - mehr Platz gibt es nicht. So eng kann Freiheit sein. Was bleibt da noch vom Hoffnungsschimmer?

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