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Zum Sommerkehraus des Parlaments gehört nun schon traditionsgemäß das obligate Schul- oder Hochschulgesetz. Die Schulreform 1962, das Allgemeine Hochschulstudiengesetz 1966, die Techniker-Studiengesetze 1969 waren nur die wichtigsten, die jeweils ln der letzten Sitzung vor dem Sommer über die Bühne gingen. Diesmal steht dem Philosophen-Studiengesetz ein ähnliches Schicksal bevor — immerhin ist kaum daran zu zweifeln, daß es nun, nach langer Beratung, endlich zum Tragen kommen wird.

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Zum Sommerkehraus des Parlaments gehört nun schon traditionsgemäß das obligate Schul- oder Hochschulgesetz. Die Schulreform 1962, das Allgemeine Hochschulstudiengesetz 1966, die Techniker-Studiengesetze 1969 waren nur die wichtigsten, die jeweils ln der letzten Sitzung vor dem Sommer über die Bühne gingen. Diesmal steht dem Philosophen-Studiengesetz ein ähnliches Schicksal bevor — immerhin ist kaum daran zu zweifeln, daß es nun, nach langer Beratung, endlich zum Tragen kommen wird.

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Dabei standen die Studien an der Philosophischen Fakultät als erste im Brennpunkt, als einst, Ende der vierziger Jahre schon, Prof. Richard Meister als erster seine Vorstellungen einer Reform vorlegte und damals bereits für die Einführung eines Abschlußgrades — des Magisters — mit der Wertigkeit des Diplomingenieurs der Techniker eintrat, und damit das Doktorat wieder auf die einst selbstverständliche höhere Ebene zu heben.

Inzwischen haben die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, die Techniker einschließlich der Agrar- und Montantechniker sowie die katholischen Theologen ihre Studiengesetze, Studienordnungen und meist auch schon ihre Studienpläne erhalten.

Die Reformen für Geistes- und Naturwissenschaften konnten so an jene der anderen bereits behandelten Fakultäten anschließen (Juristen, Mediziner und Veterinärmediziner sowie evangelische Theologen stehen noch aus). Aber die Notwendigkeit, aus dem — auch hier schon durchlöcherten — System fast absoluter Wahlfreiheit herauszukommen und den Notwendigkeiten berufsgerichteter Massenfächer zu entsprechen, brachte eben die jahrelange Diskussion. _

Dieser Entwurf faßt nun die an den heute noch gemeinsamen Philosophischen Fakultäten — unbeschadet einer späteren Aufteilung — angebotenen geistes- und naturwissenschaftlichen Studienmöglichkeiten in 44 verschiedenen „Studienrichtungen“ zusammen, von denen sich etliche wieder in mehrere „Studienzweige“ — für den zweiten Studienabschnitt — aufgliedern. Hierbei wird von vornherein unterschieden zwischen „Diplomstudien zur wissenschaftlichen Berufsvorbildung“ und „besonderen Diplomstudien zur wissenschaftlichen und wissenschaftlich künstlerischen Berufsvorbildung für das Lehramt an höheren Schulen“. Daneben gibt es „Erweiterungsstudien“ und „Kurzstudien“ und schließlich auch den Weg zum Doktorat.

Wie bei den Technikern teilt sich auch bei den „Philosophen“ nun das Studium in zwei Abschnitte, nach denen je eine Diplomprüfung abgelegt werden muß. Die Anforderungen dieser Prüfungen sind im Gesetz genau aufgezählt. Den auf dem Gesetz aufbauenden Studienordnungen des Ministeriums und Studienplänen der einzelnen Universitäten bleibt , die. Festlegung, der Einzelheiten und der. besonderen Akzente. Am Ende des zweiten Studienabschnittes winkt* für alle, die die zweite Diplomprüfung bestanden haben, der Titel eines „Magisters der Philosophie“ oder „der Naturwissenschaften“.

Da diese zweite Diplomprüfung in den Lehramtsstudienrichtungen der bisherigen Lehramtsprüfung entspricht, hat das Gesetz auch für jene früheren Absolventen gesorgt, die unter bisherigen Bedingungen die Lehramtsprüfung abgelegt haben, ohne sich mit der Promotion auch den Doktortitel zu holen. Sie alle haben das Recht, mit dem Inkrafttreten des Gesetzes am 1. September, den Titel „Magister“ zu führen, den ihre jungen Kollegen nun bekommen werden. Da es in Österreich etwa 10.000 aktive oder pensionierte Gymnasialprofessoren ohne Doktortitel gibt, wird damit die Schar der „Magister“, die bisher auf die Pharmazeuten und die noch wenigen bereits nach neuer Regel fertiggewordenen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler beschränkt war, schlagartig verstärkt, was der Popularität dieses Titels zweifellos zugute kommen wird.

Umstritten war lange Zeit die Stellung der Politik-Wissenschaften. (Siehe unseren Beitrag auf Seite 3.) Die Soziologie — die als Studienrichtung bei den Sozialwissenschaften verankert ist — wurde nicht als Studienrichtung aufgenommen, wird aber als Beifach anderer Disziplinen gebraucht. Der Fächer spannt sich über die bekannten Disziplinen der Grundlagen-, Kultur-, Sprach- und Geschichtsbereiche und über alle Sparten der an der Universität angebotenen Naturwissenschaften bis zu den verschiedenen Sparten des Hand- fertrigkeits- und Kunstunterrichts an höheren Schulen.

Ein noch in letzter Phase eingefügter’ Paüägräph bietet die Möglichkeit zu „Studienversuchen“: Wenn sich zehn Studenten zusammenflnden und zweckmäßige Vorschläge über eine noch nicht regulierte Studiengestaltung vorlegen, müssen diese Vorschläge eine angemessene Zeit hindurch durchexerziert werden, bevor sie abgelehnt oder aber endgültig zur Studienrichtung erhoben werden. Dies bietet die Möglichkeit, neuen Entwicklungen der Wirtschaft oder des Geisteslebens entgegenzukommen, ohne deswegen ungeprüfte Ideen gesetzlich fixieren zu müssen. Es birgt aber auch das Risiko, auf dem Weg über den „Studienversuch“ eine kleine aktive Gruppe das infiltrieren zu lassen, wogegen sich die Mehrheit wehren würde.

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