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Solidarität auch zwischen Regionen

1945 1960 1980 2000 2020

Wenig Lebensqualität in den Städten, kaum Lebenschancen auf dem Land: Aus diesem Teufelskreis können wachsende Mobilität und ein allgemeines Umdenken heraushelfen.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenig Lebensqualität in den Städten, kaum Lebenschancen auf dem Land: Aus diesem Teufelskreis können wachsende Mobilität und ein allgemeines Umdenken heraushelfen.

Halten wir uns einmal vor Augen, wie sich das räumliche Muster unserer Aktivitäten im Zeitraum weniger Generationen gewandelt hat: Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts hat die Familie eines Arbeiters oder eines kleinen Gewerbetreibenden in der Stadt kaum ihren Bezirk verlassen. Auch Bauern sind kaum jemals über ihre Dorfgemeinde hinausgekommen. Sie haben alle ihre — nebenbei: bescheidenen — Bedürfnisse auf relativ kleinem Raum erfüllen können.

Wie gewaltig hat sich das im Zuge der Industrialisierung und danach für die allermeisten Menschen in unseren Breiten verändert? Wir sind mobil geworden. Unser Aktionsradius hat sich erheblich vergrößert: Es ist üblich geworden, zur Arbeit die Wohngemeinde zu verlassen, ebenso um die Schule aufzusuchen.

Für den Urlaub verlassen viele nicht mehr nur das Land, sondern auch schon den Kontinent. Die Orte, die wir für unsere verschiedenen Aktivitäten aufsuchen, liegen immer weiter auseinander. Das ist möglich geworden durch ein unglaublich dichtes Verkehrsnetz. Hüit und herzufahren zwischen verschiedenen Orten ist zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Lebens geworden.

Und die Orte, an denen wir wohnen, arbeiten, uns erholen, weisen immer stärker die Züge der Spezialisierung auf diese Funktionen auf. Wir sprechen von Wohngebieten, Arbeitszentren und Tourismusgebieten.

Manche sind schon so spezialisiert, daß sie geradezu eintönig werden, daß wir uns gerade deshalb in ihnen nicht mehr wohl fühlen. Die städtischen Räume breiten sich immer weiter aus. Städter siedeln hinaus an den Stadtrand, Betriebe und Einkaufszentren folgen ihnen. Aus den ländlichen Gebieten ziehen Menschen zu, um den besseren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten näher zu kommen.

Am Wochenende und in den Ferien brechen alle auf in die Erholungsgebiete — meist zugleich und in dieselben Gebiete. Auch dort treten zeitweise schon solche Massierungen von Menschen, Fahrzeugen und sogenannten Erholungseinrichtungen auf, daß man genau in das hineingerät, wovor man flüchten wollte, in Hektik und Trubel. Manchen Gebieten droht also die Überlastung, der Kollaps.

Demgegenüber droht anderen ländlichen Gebieten, die keine ausreichenden Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für die dort lebende Bevölkerung und keine besondere Attraktivität für Urlaubsaufenthalte aufweisen, die Entleerung. Die jungen Menschen, die spätestens nach Abschluß ihrer Ausbildung abwandern, reduzieren nämlich gleichzeitig die Chancen auf Nachwuchs in der nächsten Generation.

Wo gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen, fehlt eine Grundvoraussetzung für die wirtschaftliche Zukunft. Der Teufelskreis beginnt....

Dazu kommt, daß nun auch in hochspezialisierten Gebieten, wie z.B. unseren alten Industriegebieten mit langer Tradition in der Eisen- und .Stahlerzeugung, ganze Großbetriebe, die ja die Fundamente ihrer wirtschaftlichen Existenz sind, ins Wanken kommen.

Betriebskrisen werden plötzlich zu Regionalkrisen.

Wir sehen uns also zunehmend dem Phänomen benachteiligter Gebiete gegenüber: abgewohnte Stadtviertel, periphere ländliche Gebiete, alte Industriegebiete, bieten ihren Bewohnern vergleichsweise verschlechterte Lebensbedingungen.

Geraten einzelne Menschen oder Bevölkerungsgruppen in Not, so spannt unser Wohlfahrtsstaat das Netz der sozialen Sicherheit. Wer spannt eigentlich das Netz für die in Not geratenen Gebiete? Brauchen wir nicht so etwas wie eine Solidarität zwischen den Regionen?

In unseren Lebensräumen haben sich komplizierte Systeme von Zusammenhängen herausge-

bildet. Jede vermeintliche Lösung schafft ein neues, oft unerwartetes Problem. Der Bau neuer Straßen hat z. B. die Verkehrsprobleme insgesamt keineswegs reduziert, höchstens verändert.

Wir stellen fest, daß neue Straßen Verkehr nicht nur verlagert haben, sondern neuen Verkehr erzeugen, Fahrten, die vorher überhaupt nicht unternommen worden sind.

Auch im Bereich der Energieerzeugung schafft die Lösung des einen Problems ein neues Problem in anderen Bereichen. Eine Umstellung von Dampfkraft auf Wasserkraft macht zwar an dem Standort die Luft reiner, belastet aber den Naturhaushalt an einem anderen Standort in ganz anderer Weise: indem Flüsse zu Stauseen und Bergbäche zu Rinnsalen werden.

Bei jeder Lösung gibt es also Gewinner und Verlierer. Vielfach ist das im vorhinein nicht klar oder wird sogar verschleiert—von denen, die daran ein Interesse haben.

Unsere Gesellschaft müßte viel stärker daran interessiert sein, nicht nur über den beabsichtigten Nutzen der großen Projekte, die unsere Lebensräume verändern, sondern auch über die möglichen Nebenwirkungen informiert zu werden.

Das muß gerade heute, wo unsere Gesellschaft so mobil geworden ist, nicht heißen, daß Lebenschancen im Raum ungleich verteilt bleiben müssen. Wir brauchen so etwas wie eine Solidarität zwischen den Lebensräumen. Auch in räumlicher Hinsicht soll niemand seine Probleme auf Kosten anderer lösen...

Entwicklungen analysieren, realisierbare Ziele festlegen, Pläne aufstellen, das alles ist natürlich notwendig. Wir müssen aber auch erkennen, daß der gesellschaftliche Einfluß auf die Entwicklung unserer Lebensräume in Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen wurzelt. Und zwar in doppelter Weise: einmal durch die verantwortlichen administrativen und politischen Instanzen, die sich ja danach orientieren und zum zweiten unmittelbar durch das tatsächliche Verhalten der Menschen im Raum.

Hier zeigen sich auch die ersten Anzeichen dafür, daß eine wachsende Zahl von Menschen bereit ist, aus Erfahrungen zu lernen und liebgewonnene Vorstellungen aufzugeben. Daß es die autogerechte Stadt nicht geben kann, ist nun wirklich allgemein akzeptiert. Aber die Auseinandersetzung um verschiedene Verkehrsmittel wird immer noch zu irrational und in unsinniger Weise radikal geführt.

Weder mit dem Personenkraftwagen noch mit dem öffentlichen Verkehrsmittel alleine (und natürlich auch nicht mit dem Fahrrad) lassen sich alle Probleme lösen. Vernünftigerweise kann es nur um die Frage gehen, welche Transportmittel in welchen Gebieten sich für welchen Zweck besser eignen, bzw. wie sie sinnvoll kombiniert werden können. Ähnliches gilt für den Güterverkehr auf Straße und Schiene.

Besonders deutlich wird es im Bereich Umweltschutz und Landschaftspflege, daß die weitere Entwicklung unserer Lebensräume nicht nur eine Sache behördlicher Vorschriften sein kann, sondern aufbaut auf der wohlüberlegten und sorgsamen Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen durch jeden einzelnen Bürger, jedes einzelne Unternehmen und jede einzelne Gebietskörperschaft.

Verordnete Pläne ohne Bewußtseinsveränderung und ohne Änderung des tatsächlichen Verhaltens werden zu unerfüllten Hoffnungen und vordergründigen Alibis. Mit Recht ist von einem sich abzeichnenden Wertewandel die Rede. Diese Lernfähigkeit der Gesellschaft gibt Hoffnung.

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Osterreichischen Instituts für Raumplanung.

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