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Spiele mit Sprache

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Den üblichen Verlegervorwurf, daß Gedichte nicht zu verkaufen seien, hat Ernst Jandl mit seinem Buch „Der künstliche Baum (Sammlung Luchterhand) glattweg widerlegt: Selten wurde ein experimenteller Textband mit 4000 Exemplaren in der ersten und weiteren 3000 in der zweiten Auflage so rasch abgesetzt. Gründe dafür liegen im allmählichen Bekanntwerden der Arbeiten der Wiener Gruppe, der Jandl sich verbunden zeigt, wie in einer neuen Aufgeschlossenheit des Lesers der Sprache gegenüber.

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Den üblichen Verlegervorwurf, daß Gedichte nicht zu verkaufen seien, hat Ernst Jandl mit seinem Buch „Der künstliche Baum (Sammlung Luchterhand) glattweg widerlegt: Selten wurde ein experimenteller Textband mit 4000 Exemplaren in der ersten und weiteren 3000 in der zweiten Auflage so rasch abgesetzt. Gründe dafür liegen im allmählichen Bekanntwerden der Arbeiten der Wiener Gruppe, der Jandl sich verbunden zeigt, wie in einer neuen Aufgeschlossenheit des Lesers der Sprache gegenüber.

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Sprache ist für Dr. Ernst Jandl (Jahrgang 1925) Material, Thema, Aufforderung, ein Grund, Stellung zu beziehen. Er ortet da seine Position immer wieder: von Gedicht zu Gedicht, von Formgebilde zu Formgebilde, von einer Möglichkeit zur anderen, Sprache zu benützen und Gedichte anzuordnen. Visuelle Gedichte, Lesetexte, Lese- und Sprechgedichtei, Lautgedichte, Sprechtexte, insgesamt 135 Arbeiten, stehen in dem Band sauber sortiert nebeneinander: ein fast komplettes Jandl’sches Sprachpanorama, das direkte und indirekte Traditionszusammenhänge mit Versuchen Blümners, Schwitters’, Mons, ja bis in die manieristische Dichtung und Sprachkombinatorik des Mittelalters und Hellenismus transparent werden läßt.

Jandl, der zur Zeit, genauer: bis Mal, in Berlin als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes des Berliner Künstlerprogramms lebt und arbeitet, versucht sich nun vor allem an akustischen Sprachrealisationen: an zwei kleineren Bühnenstücken für die Frankfurter „Experimenta“, einer gemeinsam mit Friederike Mayröcker, der anderen mit Gerhard Rühm und Oswald Wiener; er produziert ferner im Frühjahr mit Heinz von Cramer für den WDR ein TV-Stück „Traube“. Erfahrungen hat er mit einem Bühnenwerk „Der Raum“ gewonnen, einem szenischen Gedicht für Beleuchter und Tontechniker, das heißt, ausschließlich mit Licht- und Ton- effekien. Dazu Jandl: „Die Materialien sollen der Sprache und ihrer Anwendung adäquat eingesetzt werden. Die Notation von Buchstaben genügt längst nicht mehr. Die Realisation muß viel offener werden! Nur, Modelle dafür gibt es noch keine … Typisch für solche Versuche ist die Mobilität der Form, das heißt,’ der Leser kann die Texte verschieden ■ realisieren.“

In einer seiner neuesten Hörspielarbeiten wird Jandl übrigens Verfremdungen des Materials durch Maschinen einsetzen: „Auf die Form der Entfaltung kommt es an, auf die Verbindung von Lautstrukturen und begriff-

lichen Textpassagen, die eingebaut werden und Geschehen an- ieuten.“ Insofern trifft der Titel „Künstlicher Baum“ sein gesamtes Schaffen, von traditionellen Gedichten abgesehen.

Als neues Buch kündigt er fürs kommende Frühjahr ein Hörspielbuch in den Luchterhand-Typo- skripten an.

DER KÜNSTLICHE BAUM. Von Ernst Jandl. Sammlung Luch- terhand, Neuwied-Berlin. 156 Seiten.

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