Stadlers Marktforum

Alter Kontinent, du hast es besser!

1945 1960 1980 2000 2020

Europa stand schon schlechter da - verglichen mit dem einst so bewunderten Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Damit das so bleibt, braucht es die richtigen Entscheidungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Europa stand schon schlechter da - verglichen mit dem einst so bewunderten Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Damit das so bleibt, braucht es die richtigen Entscheidungen.

Vor einem Jahr noch hatte ich vergeblich auf eine bevorstehende Amtsenthebung von Donald Trump gewettet. Nun haben – welch eine Erleichterung! – Amerikas Wähler(innen) dafür gesorgt, dass er seinem demokratischen Rivalen Joe Biden weichen muss.

Aber der Trumpismus hinterlässt Kratzspuren und demokratiepolitische Folgeschäden. Es wird länger dauern, bis wieder so etwas wie Normalität in die internationale Politik einkehrt. Andererseits mag es sogar sein Gutes haben, dass uns der narzisstische Autokrat dazu gezwungen hat, nüchterner auf die Politik der Vereinigten Staaten zu schauen, als wir das getan haben.
Vor beinahe zweihundert Jahren hielt Johann Wolfgang von Goethe in einem berühmt gewordenen Gedicht fest: „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte. […] Dich stört nicht im Innern […] unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.“ Die hier bezeugte Bewunderung früher demokratischer, aufklärerischer, anti-feudaler Errungenschaften hat aus guten Gründen auch die Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt, bis weit herauf in die jüngere Vergangenheit.

Mehr Mut zur kritischen Distanz

Doch sowohl die Finanzkrise als auch die von drastischen Fehlentscheidungen amerikanischer Politik mit verursachte Migrationskrise haben deutlich gemacht, dass Europa künftig mehr Mut zur kritischen Dis­tanz braucht. Zentral dafür ist die Einsicht, dass das europäische Modell einer sozialen Marktwirtschaft das Ziel verfolgt, für weitgehenden sozialen Ausgleich sowie ­allen zugängliche Bildungs- und Gesundheitssysteme zu sorgen. Es steht damit in starkem Kontrast zur US-amerikanischen, vor allem an Finanzinteressen orientierten Variante von Marktwirtschaft, die längst plutokratische Züge angenommen hat.