Die neue Unübersichtlichkeit – Version 2020

Im Jahr 1985 erschien im deutschen Merkur ein berühmt gewordener Text des Philosophen Jürgen Habermas über „Die neue Unübersichtlichkeit“. Der Untertitel lautete: „Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung utopischer Energien“. Im Kern ging es um die Zerrissenheit des Zeitgeistes zwischen Geschichte und Utopie, aber auch um ein abnehmendes Vertrauen der westlichen Kultur in sich selbst.

Dass Habermas nur wenige Jahre vor dem Glücksfall der Ostöffnung und der unmittelbar darauf einsetzenden, von anfänglichem Optimismus getragenen Globalisierung eine so ernüchternde Diagnose stellte, erscheint aus heutiger Sicht merkwürdig unzeitgemäß. Sind es nicht wir Heutigen, die sich – dreieinhalb Jahrzehnte später – erst so richtig als Zeitgenossen einer neuen Unübersichtlichkeit vorkommen müssen? War die alte Vorläuferversion von Unübersichtlichkeit nicht geradezu harmlos gegen das, womit wir in unserer politisch zusehends fragmentierten Welt aktuell konfrontiert sind?

Seit die Münchner Sicherheitskonferenz unter dem Generalmotto „Westlessness“ stattfand, hat diese Befindlichkeit sogar einen Namen. Die kreative Neuwortschöpfung fand sofortige mediale Verbreitung, bringt sie doch die mit den Händen zu greifende geopolitische Orientierungslosigkeit des „Westens“ trefflich auf den Punkt.

„Westlessness“ und „Recknessless“

Außenpolitik erschöpft sich zusehends in der Erhöhung von Verteidigungs-Budgets. Allein im vergangenen Jahr wuchsen die US-Militärausgaben um 53,4 Milliarden Dollar – so viel wie die gesamten jährlichen Militär-Ausgaben Großbritanniens, des Landes mit dem viertgrößten Militärhaushalt. Der amerikanische Präsident hob das Landminenverbot auf, lässt – ebenso wie Russland – nach neuen atomaren Waffensystemen forschen und drohte kürzlich nach dem Einsatz von Drohnen gegen einen General des gegnerischen Iran offen mit einem Angriff auf dessen wichtigste kulturelle Stätten. Im fünfundsiebzigsten Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit all seinen Verheerungen machen solche Töne fassungslos. „Westlessness“ wird hier zur unverhüllten „Recklessness“.

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