Vom Warten auf die Stunde der Wahrheit

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Wilfried Stadler über eine sich ständig weiter zuspitzende Polarisierung im Ukraine-Krieg.

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Wilfried Stadler über eine sich ständig weiter zuspitzende Polarisierung im Ukraine-Krieg.

Die disparate Meldungslage der vergangenen Wochen macht rat- und fassungslos. Da werden mitten im Putinʼschen Zerstörungsfeldzug gegen Menschen, Häuser und Infrastrukturen großmütige Marshall-Pläne für den Wiederaufbau der Ukraine gewälzt, als stünde man kurz vor dem siegreichen Ende dieses in Wahrheit immer noch eskalierenden Gemetzels.

In Frankfurt zeichnet man in der Person von Serhij Zhadan einen Dichter mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels aus, der sich offen zu seinem in bitteren Kriegserfahrungen angewachsenen Russen-Hass bekennt. In den USA ziehen 30 demokratische Abgeordnete nach innerparteilichen Widerständen einen Brief zurück, in dem sie Präsident Joe Biden dazu auffordern, „die militärische und wirtschaftliche Unterstützung für die Ukraine mit einem proaktiven diplomatischen Vorstoß zu verbinden und die Bemühungen um einen realistischen Rahmen für einen Waffenstillstand zu verdoppeln“. Ihren der Parteidisziplin geschuldeten Rückzug begründen sie damit, dass der Text schon im Juni verfasst worden sei und nun, angesichts der Geschehnisse seither, nicht mehr gelten könne.

In Moskau bereitet die diktatorische Propaganda währenddessen das „Narrativ“ eines Einsatzes von „verschmutzten“ – gemeint ist atomaren – Waffen vor. Vermittelnde Positionen sind in all der Polarisierung nicht mehr erkennbar.

Einbrüche des Wirtschaftsgeschehens

Zugleich zeigen sich quer durch Europa erste soziale Verwerfungen und Einbrüche des Wirtschaftsgeschehens infolge des erpresserischen Gas-Lieferstopps. Massiv angestiegene Lebenshaltungskosten und Erzeugerpreise industrieller Vorprodukte lassen die Inflation ausufern. Eine indirekt ebenfalls kriegsbedingte Abwertung des Euro trägt das ihre dazu bei. Auch an den Börsen gilt Good old Europe mittlerweile als Sorgenkind.

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