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Star-Aufmarsch zum Fest

Getümmel herrscht in der internationalen Opernszene: Operndirektoren laufen um die Wette, um ihren Konkurrenten die interessantesten Regisseure und Dirigenten wegzuschnappen. Und hinter den Kulissen rangeln sie mit Agenten, Managern, Plattenfirmen, um die besten Mozart-Sänger zu ergattern und die Wünsche der Regisseure und Dirigenten zu befriedigen.

So mancher Direktor hat dabei schon die leidvolle Erfahrung gemacht, daß es in der gesamten Opernwelt nicht einmal halb so viele bedeutende Mozart-Sänger gibt, wie Festivals, Mozart-Wochen und große Opernhäuser ihrer bedürften, um zum 200. Todesjahr Mozarts — 1991 — ein repräsentatives Huldigungsfest auf die Beine zu stellen.

Jeder Direktor und jeder Intendant, der auf sein Haus, auf seinen Ruf hält, will natürlich am liebsten alle acht großen Mozart-Opern in spektakulärer Aufbereitung bieten. Und da kann man sich leicht ausrechnen, wie Sängerinnen und Sänger von der Qualität einer Edita Gruberova, einer

Margaret Price, eines Francisco Araiza, eines Gösta Winbergh, eines Thomas Hampson, eines Fer-ruccio Furlanetto, eines Samuel Ramey oder eines Jose van Dam 1991 rund um die Welt fliegen müßten, um alle 120.000- und 150.XW-Schilling- Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen.

Merkwürdig mutet dabei die Tatsache an, daß überall in der Welt, an der New Yorker Met, an der Mailänder Scala, an der Londoner Covent Garden Opera, in Paris und in Neapel, in Berlin, München, Stockholm, Brüssel und Venedig und natürlich überall in Österreich alle Opernhäuser und Festivals vom Ehrgeiz getrieben sind, 1991 mit Spitzennamen und höchster Originalität aufzutrumpfen, gerade aber die Festspiele, die Mozart exemplarisch darstellen müßten, das Rennen bereits aufgegeben haben.

Lakonisch teüte Salzburgs Festspielgeneralsekretär Franz Will-nauer nebenbei mit, daß Salzburg 1991 ja nicht alle Mozart-Opern auf dem Programm haben müßte.

Nach dem chaotischen Sommer 1988 mit all seinen Krachs und Skandalen resigniert man also und gibt zu, angeschlagen zu sein. , Statt mit dem Besten gibt man sich mit dem Erstbesten zufrieden. Man holt 1991 „Cosi fan tutte“, die liebliche, gelackte Aller-weltsinszenierung Michael Ham-pes, aus dem Fundus, friert für 1991 den prunkvollen Marionet-ten-„Don Giovanni“ Hampes und Karajans ein und läßt Hampe 1990 auch noch mit Karajan „Figaros Hochzeit“ inszenieren. Damit wohl so etwas wie ein einheitlicher „Salzburger Stil“ entsteht?

„Titus“, ein wahres Debakel des vergangenen Sommers, inszeniert von Peter Brenner, dirigiert von Riccardo Muti, bleibt erhalten, ebenso Johannes Schaafs „Entführung aus dem Serail“, immerhin die einzige diskussionswürdige Mozart-Produktion Salzburgs. Uber „Idomeneo“ und „Zauberflöte“ denkt das Festspieldirektorium einstweilen nach, auf „Lucio Silla“ wird verzichtet. Ein merkwürdiges Mozart-Fest fürwahr, bei dem 56 Prozent der Produktionen zwischen vier und zehn Jahre alt sind. Salzburg als Wiederaufbereitungsanlage ?

An der Wiener Staatsoper hat da Direktor Claus Helmut Drese rascher reagiert. , Versuchten auch Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek, Bundestheater-Generalsekretär Rudolf Schölten und Dreses designierter Nachfolger, Eberhard Waechter, im vergangenen Sommer Drese so manche Prügel vor die Füße zu werfen—in der Hoffnung, er würde freiwillig gehen —, so hat Drese das nur angespornt, seine Mozart-Planung umso schneller abzuschließen.

Und wenn Waechter vielleicht gehofft hatte, in seiner ersten Saison, die er bekanntlich überhaupt ohne Premiere gestalten will, mit einem von Drese geplanten und erarbeiteten Mozart-Fest aufzutrumpfen, so wird nichts daraus. Drese zelebriert sein Mozart-Fest schon im Frühjahr 1991, also als Abschiedsgeschenk. Dafür hat er Waechter alle Probleme zugeschoben, die er selbst bis 1991 nicht lösen könnte: die Bestellung eines neuen Ballettchefs, den neuen Richard-Wagner-„Ring“.

Drese aber hat für 1991 einen Mozart-Zyklus ausgetüftelt, der— andere Direktoren wie der Brüsseler Opernchef Gerard Mortier bestätigten dies kürzlich — europäisches Format hat. Spielt Drese doch fast durchwegs „aktuelle“ Produktionen, die in den kommenden Jahren von einigen der ersten Musiker und Regisseure herausgebracht werden: „Don Giovanni“ von Claudio Abbado und Luc Bondy, „Figaros Hochzeit“ von Abbado und — voraussichtlich — Peter Stein; Nikolaus Harnoncourt dirigiert „Cosi fan tutte“ (Regie: Johannes Schaaf), „Idomeneo“ (Schaaf), „Entführung aus dem Serail“ (Karl-Ernst Herrmann) und „Zauberflöte“ (Otto Schenk). Colin Davis leitet „Titus“, Sylvain Cambreling die Rekonstruktion der berühmten Jean-Pierre-Ponnelle-Inszenie-rung des „Lucio Silla“, die von Pet Halmen szenisch erneuert wird.

Da zeichnet sich - zumindest in der Konzeption dieses Mozart-Zyklus — ein spektakuläres Nebeneinander neuen Regietheaters mit höchst kompetenter Mozart-Interpretation ab. Wenigstens in der Wiener Staatsoper wird Mozart entsprechend gewürdigt werden.

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