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Starke Nähe der Schönheit

Das Land ruht sanft, mit seichten Lidern, im Schimmer der Nacht; unbewegt sind Hügel und Flur; der ewig ferne Hund selbst ist verstummt. In einem einzigen Fichtenhain rumort es sonderbar. Zischen, Fauchen, ächzender Wind toben hier, inmitten aller Stüle ein Windbrand, dessen Prasseln auf eine kleine Insel beschränkt bleibt. Woher der Sturm, wohin sein Weg, wo ist er?

Mit Furcht und lang getragener Melancholie gehen wir vorüber.

ergriffen von der Verlorenheit des Landes in der Nacht und von der rasenden Unruhe eines Einsamen in solchem Frieden. Wie dieser eine Flecken sich isoliert, so haben sich die Gebirge einst glänzend aus dem Leben der Menschen abgehoben, von Schauern umschirmt, mit Magie umhüllt, uner-steiglich, drohend und jenseitig.

Die Fernrohre spätmittelalterlicher Astronomen wagten allein auf den Mondbergen zu wandern, das Nächste ließen sie aus; noch heute liegt in jener ungesehenen Gegenwart, die Doppellinsen spenden. Unzulässigkeit. Bis zu Klopstock hinauf sind in den Dichtungen Berge unbekannt als Objekt—Götter sitze. Ist die Natur zu natürlich, als daß sie betrachtet oder gar geschildert würde?

Erst mit der Entdeckung jener Spenderin höherer Lust, mit den ersten gefallenen Gipfeln, dem .schönen Lied einer Mutter Erde, steigt aus dem Born der Welt die unermeßliche Kraft, die uns die Natur von Tag zu Tag, über das ganze Leben hin, zuströmt.

Die Entdeckung der Gebirge ist die Zeugungsstunde der klassischen Literatur. Die anonyme Wirtschaftsordnung, die Erfindung von Maschinen und Fabriken gehen Hand in Hand mit ihr. Das Werden des umfassenden geistigen Lebens im gleichen Au-genbhck, in dem die Schönheit der Welt ins Bewußtsein trat, ist zu verzeichnen im gleichen Augenblick, in dem der Mensch seinen Fuß in den geheiligten Bezirk der Bergwelt setzte und in unbe-schrittenen Zonen ungekannte Entzückungen empfing.

In tiefer Gefährdung ist auch das Bild der Natur eigens hell.. Die Romane des Ersten Weltkrieges haben gezeigt, wie ein beiläufiger Vogellaut, das Wippen eines Halms im Bodenstrom, vom Schützenloch aus beobachtet, für das gerettete Leben erhalten blieben, eingebrannt in den Ton der sich härtenden Brust, magische Mahnung, starker Trost. Aber auch ohne Angst blieb die nährende Kraft. Zu wie vielen Malen ist der Wald m.it einem Dom verglichen worden, welche Banalität schon: in ihm statt in der Kirche Erbauung zu finden.

Durch moosigen Waldboden führt der Weg bergan, Felsen treten vor, und treten wieder ab, der Boden wird ungefügig, schon gleiten die Sohlen auf einer Platte. Der Wald sinkt zurück, während der Berg wächst. Je näher wir ihm kommen, um so „weiter" kommt er, andächtig müssen unsere Augen zu ihm aufsehen. Grauer wird der Ton der Gegend, ein Grabgelb durchtränkt den Kalkstein, und Quarze sind darin sparsam eingeschlossen. Der Fuß, der im Geröll seine Sicherheit gewonnen hat, gebraucht sie nun auf den kleinen Flächen, die ihm geboten sind, schon kann ein falscher Tritt verhängnisvoll sein.

Obwohl der Abfall geringfügig ist, weist eine Votivtafel auf den Tod eines unvorsichtigen Wanderers hin’Manchraal lacht der Fels, dann springt ein durchsichtiger Bach aus ihm hervor und sintert glucksend talwärts. Die wenigen Enziane sind intensiv blau und oft doppelt groß, der Duft himmlisch. Die Vegetation hört fast ganz auf, bedrückend karstig sind jetzt die Hänge. Die Felsvorsprünge ehern und gealtert. Mühselig windet sich der Weg um sie herum, er überwindet sie, der Gipfel scheint erreicht, ist aber noch weit, ein ähnlicher, vorgeschobener täuscht von neuem.

Die starken Schuhe geben Festigkeit, die leicht gebeugten Knie Ruhe, es tut wohl, die Füße bei jedem Schritt in den Gelenken abrollen zu spüren. Schritt für Schritt, kaum daß man eine Annäherung erkennt. Wüßte der Kopf nicht, was hier vorgeht, der Körper könnte keinen Fortschritt, schwer ein endliches Ziel erkennen. Ein ferner Beobachter müßte den Bergsteiger stehen meinen, so gering ist seine Fortbewegung, er ist ein Stundenzeiger der krummen Welt geworden, aber auch der rückt unaufhaltsam von der Stelle.

Einsamkeit befällt das Herz. Hatte es nicht mit dem Entschluß zu dieser Bergpartie gezögert? Schon verfärbt sich der Osten vom Stoß der Nacht dunkelschwarz, die kühlen Schlangen des Windes züngeln empor. Die Hütte ist nahe, es ist wohl nichts zu fürchten; aber das Dunkelwerden kommt nicht von der Nacht allein, der Himmel sieht mit eingefallenen Augen hernieder. Es wird ein Unwetter geben, die Touristen suchen Schutz.

Alle Geräusche sind mit einem Mal verletzend nah, die Welt eng durch das Herandrängen alles Räumlichen. Es bleibt dabei, daß vieles droht, daß die Wanderer in den Berg kriechen möchten, das Natürliche wieder empfindend. Fast lernen sie hier oben, ausgesetzt, den Neid gegen diejenigen keimen, die daheim geblieben sind und nun im Schutz ihrer Mauern vergessen, daß es überhaupt ein Wetter gibt.

Manches haben sie auf dem Weg empfunden; nur das unsägliche Glück, das sie erwartet hatten, ist ausgeblieben. Erst später, lange später, entfaltet sich die herbe Knospe dieser rastlosen Stunde, blüht auch die Schönheit des Weges auf, die unter den Mühen nur ahnungshaft erkannt worden war. Die Nähe der Schönheit ist zu stark, als daß sie sich fassen ließe; es kann ein Tag voll von Plagen sein, und doch im Verweilen der Gedanken, dem Erirlnern, zu den schönsten zählen. Auch das ist ein Trost: daß die Erfüllung auf sich warten läßt, und ihr Fehlen im Augenblick nicht ihr Wirken in der Zukunft stört. Das Erlebte wird uns an die Seite treten, mit dem leichten Schleier, der das Geheimnis vermehrt.

Vieles muß man durchgemacht haben, wer das Schöne nachkosten will. Mancher Denker hat die Einführung der Kleider beklagt, weil sie den reinen Reiz durch die bewußte Unschuld ersetzt haben, das Fallen der Naivität ist die Voraussetzung für die differenziertere Empfindung. So lange die Gebirge goldene Kulissen für den Maler waren, himmlisch unzugänglicher Hintergrund für die Betrachtung, so lange war der Urzustand gewahrt. Das rege neunzehnte Jahrhundert hat sich der Durchforschung jener mit seinem ganzen rationalen Eifer hingegeben.

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