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Digital In Arbeit

Statisten im Videozirkus

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Video ist als künstlerisches Medium in Österreich nahezu unbekannt. In den USA hingegen soll mit Kunstvideos auf VHS-Kassette bereits der Heimmarkt erobert werden.

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Video ist als künstlerisches Medium in Österreich nahezu unbekannt. In den USA hingegen soll mit Kunstvideos auf VHS-Kassette bereits der Heimmarkt erobert werden.

Österreich ist ein Entwicklungsland in der internationalen Videoszene. So lautet die Diagnose der Veranstalter der „1. Internationalen Video-Biennale Wien”. Das Videofestival vom 18. bis 21. April im Wiener Palais Palffy soll — so die Intention der Veranstalter — Impulse geben und aufzeigen, daß Video mehr ist als nur die bequeme Möglichkeit, die Fernsehkost nach eigenem Geschmack aufzufetten. Und auch mit der Produktion von Video-Clips, die der Schallplattenindustrie zu höheren Umsätzen verhilft, das Potential dieses neuen Mediums noch nicht ausgeschöpft ist.

Daß sich Video über den kommerziellen Rahmen hinaus zum eigenständigen Medium für Videokünstler entwickelt hat, blieb in Österreich bisher weithin unbeachtet — was einerseits verwundert, andererseits aber wieder nicht. Ende der 60er Jahre und in den 70er Jahren bestand in Österreich immerhin eine Videoszene, die ganz am Anfang der internationalen Entwicklung stand und wegweisend war. Dann aber riß der Faden, Österreich verlor den Anschluß an die internationale Szene und wurde vom Avantgarde-Zentrum zum Entwicklungsland.

Die Gründe sind vielfältig. Einerseits bieten sich für Videokünstler kaum Produktionsmöglichkeiten. Auch wenn Video im Vergleich zum Film ein billiges Medium ist, das von Fernsehanstalten und kommerziellen Studios - etwa für Werbung - immer häufiger eingesetzt wird, bedeuten die Kosten selbst von kleinen Produktionen oft das vorzeitige Aus für nichtkommerzielle Videos.

Die Hochschule für angewandte Kunst bietet zwar Videokünstlern Ausbildungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, der unweigerliche Rückfall kommt aber nach Ende des Studiums. Künstlervereinigungen wie etwa die „Medienwerkstatt Wien” können nur ein unzureichendes Korrektiv für die ansonst fehlenden Möglichkeiten schaffen.

Wie auch sonst nicht ungern, bringen Künstler an diesem Punkt den ORF ins Gespräch. Schließlich hat dieser die teure, aber notwendige elektronische Spielwiese, auf der die Videos gedeihen. Sie verweisen darauf, daß im Gegensatz zu ausländischen Anstalten der österreichische elektronische Riese kein gesteigertes Interesse an einer vitalen, Videoszene hat.

Als erfolgversprechendes Gegenbeispiel wird das Modell des ZDF ins Treffen geführt, das im Rahmen der Fernsehspiel-Produktion eine Anlaufstelle für Videokünstler geschaffen hat und Pilotprojekte in Videotechnik finanziert. Die Aktivitäten des belgischen Fernsehens stehen ebenfalls zur Diskussion, wo seit Mitte der 70er Jahre kontinuierüche Aufträge an Videomacher vergeben werden und die fertigen Produktionen in der Sendung „Vi-deographie” einem breiten Publikum frei Haus geliefert werden. Die italienische RAI wiederum finanziert Experimente, setzt Preise aus und engagiert sich bei Vi-. deofestivals.

In der Medientechnologie fortgeschrittenere Staaten bieten vergleichsweise überhaupt paradiesische Zustände. In den USA und Kanada konnte sich im Schatten der neuen Medien eine Videokultur entwickeln. Wo die Fernsehanstalten in Konkurrenz zu einer Unzahl von Kabelanstalten stehen, ist der Bedarf an Filmoder Videomaterial ungleich höher als in elektronischen Monopolkulturen.

Welche Auswirkungen der Aufbruch ins neue Medienzeitalter bereits in Europa zeitigt, ist am Videofestival in Montbeliard (Frankreich) zu sehen, das 1984 erstmals organisiert wurde und alle zwei Jahre stattfinden soll. Eine angeschlossene Messe bot Kabelstationen und Videomachern Gelegenheit, das Angebot an unabhängig produzierten Videos zu sichten und so etwas wie einen Marktwert festzulegen.

In dem international sich entwickelnden Videozirkus haben aber nicht nur Medienunternehmer den Schlüssel für die Entwicklungschancen in der Hand. International führende Museen wie das New Yorker „Museum of Modern Art” unterhalten Videosammlungen und unterstreichen so den künstlerischen Anspruch des in Amerika gar nicht mehr so neuen Mediums.

In einem kulturpolitischen Umfeld, in dem um ein Museumskonzept für den Wiener Messepalast gerauft wird, die Ankaufsbudgets für moderne Kunst mehr dazu angetan sind, Lücken entstehen zu lassen denn zu schließen, bestehen keine Kapazitäten, um sich der jungen Kunstgattung anzunehmen. Folglich gibt es keine repräsentative Sammlung klassischer österreichischer Videokunst.

Daß das Museum für moderne Kunst dennoch Videobestände auf Lager hat, ist in guter österreichischer Tradition auf Privatinitiative zurückzuführen. Der Stifter: „Humanic”. Mit seiner eigenwilligen „Fraaanz”-Werbung zur Schuhgroßmacht geworden, hat das Unternehmen immer wieder jungen Künstlern die Möglichkeit geboten, das „Franz”-Thema neu zu verarbeiten und darüber hinaus seine Rolle als Mäzen für die neue Kunstgattung beibehalten, auch als sichtbar wurde, daß die Entwicklung des Mediums in den Kinderschuhen stecken bleibt.

Für Österreich Utopie bleibt vorerst auch noch ein neuer Trend am nordamerikanischen Videomarkt. Der Direktvertrieb von Kunstvideos durch Galerien und

Verteilungsnetze, die Vereinigungen von Videokünstlern in Eigenregie aufziehen. Die Kunstkassette im VHS-Videosystem soll den Durchbruch auf dem Heimmarkt ermöglichen und ein völlig neues Kunsterlebnis vermitteln. Was der Gedichtband aus der Buchhandlung ist, soll das Kunstvideo auf Kassette sein. Eine kulinarische Vision des elektronischen Zeitalters.

Kulinarisch auch deshalb, weil sich Video in der Mitte der 80er Jahre wesentlich von dem der 70er Jahre unterscheidet. Aufgrund der technischen Innovation können Videos in einer Färbigkeit produziert werden, die dem Film in nichts nachstehen, die Trickmöglichkeiten liegen weit über den mit filmischen Mitteln erzielbaren Effekten. Sequenzen in Schwarzweiß sind ebenso nur mehr Stilmittel wie stumme Bildfolgen. Die Bandbreite der produzierten Kunstvideos hat sich zudem vergrößert, sodaß auch Erzählformen und Spielfolgen Anwendung finden, die nicht nur Avantgarde-Liebhaber entschlüsseln können, sondern auch vom Fernsehen geprägte Konsumenten.

Signalcharakter hat das Leitthema des Wiener Videofestivals. „Der Beitrag von Frauen zum Medium Video” soll das intensive Engagement von Frauen in dieser Kunstsparte aufzeigen, die — so die These — noch ein offenes Medium ist, d. h. noch nicht von Männern geprägt. Ein Symposion und zwei Video-Retrospektiven — eine mit dem Thema „Österreichische Video-Tapes von Frauen — Von den Anfängen bis heute”, die andere über die international bekannte amerikanische Videokünstlerin Dara Birnbaum - bereiten das Thema auf, drei Video-Präsentationen zeigen Frauen im Umgang mit dem neuen Medium: Im ältesten Frauenvideozentrum „Video Femmes” (Quebec/Kanada), im Zentrum „Bildwechsel” (Hamburg), sowie in australischen Dokumentarvideos, die nicht nur die dahinterstehende starke Frauenbewegung, sondern auch deren hohen Politisierungsgrad aufzeigen.

Ihre Nähe zu den neuen Medientechnologien demonstrieren die Veranstalter auf spezielle Art. Das Symposion wird nach Graz ins „Forum Stadtpark” übertragen, die Grazer Mitveranstalter brauchen nicht einmal nach Wien zu kommen, um live mitdiskutieren zu können.

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