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Steiermark - unser erstes Bundesland

Das ganze Land legt ein festliches Kleid an und gedenkt der Erhebung der Steiermark zum Herzogtum vor 800 Jahren. Dieses Jubiläum bedeutet für uns alle zweierlei. Erstens bildet es einen Auftrag zur Besinnung auf die eigenständigen Kräfte der Steiermark, und zugleich auf ihre Einbindung in die übergeordnete Einheit unseres Vaterlandes.

Und zweitens wird dieses Jubiläum sicher auch einen wertvollen Anstoß zu neuen Ideen, zu einer Reihe von Aktivitäten, vom kulturellen bis zum sozialen Bereich, geben.

Das Geburtsjahr unserer Heimat beruht, wie uns die Historiker nachweisen, nicht auf einer zufälligen Nennung der Steiermark in irgendeiner Urkunde, sondern auf einem klaren politischen Akt. Die Folgen der ehrenvollen Erhebung zum Herzogtum sind damit bis in unsere Gegenwart lebendig.

Schon in ihren Anfängen war die Steiermark ein Grenzland, eine Grenzmark. Solche Grenzmarken hatte Kaiser Otto der Große nach seinem Sieg über die Ungarn im Jahr 955 auf dem Lechfeld als Schutz vor weiteren Ein-

„Die Österreicher wissen viel über die Babenberger, aber leider kaum etwas über das Geschlecht der Traungauer” fällen gegründet. Die damaligen Markgrafen aus dem Geschlecht der Traungauer haben im 12. Jahrhundert einen modernen Territorialstaat geschaffen, der dann im Jahr 1180 zum Herzogtum erhoben wurde. Die Erhebung zum Herzogtum stellte damit nur die äußere Anerkennung einer schon vorher errungenen Stellung dar.

Der Kern des damaligen Herzogtums, die Gebiete der heutigen Steiermark, ist im Lauf der Jahrhunderte trotz vieler Bedrohungen geblieben. Auch deshalb kann die Beschäftigung mit der markanten historischen Entwicklung unserer Heimat helfen, die Eigenart unseres Landes und seiner Menschen besser zu erfassen. Interessant ist dabei eine Tatsache, die ich nicht unerwähnt lassen möchte.

Die Österreicher wissen zum Beispiel erstaunlich viel über die Babenberger, aber leider kaum etwas Uber das Geschlecht der Traungauer, das eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen der Steiermark spielte.

In der Sonderausstellung „800 Jahre Land Steiermark” ist auch die sogenannte Georgenberger Handfeste, das erste Verfassungsdokument der Steiermark aus dem Jahr 1186, ausgestellt. Darin kündigt sich bereits die Verbindung der Steiermark mit Osterreich an, die nur sechs Jahre später mit dem Aussterben der Traungauischen Herrscherfamilie verwirklicht wurde. Damit hat sich die Steiermark als erstes der heutigen Bundesländer mit Österreich verbunden.

Diese freiwillige Gemeinschaft der beiden Herzogtümer, die enge Verbindung zweier selbständiger Länder, war nämlich Voraussetzung dafür, daß später der österreichische Großstaat entstehen konnte, der Europa, ja man kann mit Recht sagen die Welt, entscheidend mitgestaltet hat. Die Verbindung zwischen der Steiermark und Österreich war damit auch entscheidend für die spätere Bundesstaatlichkeit unseres Vaterlandes. Damals wie heute sollte deshalb eines gelten: Steiermark und Österreich bilden ein gemeinsames Ganzes, damit man füreinander da ist, und nicht, damit man vom anderen etwas nimmt.

Noch eine Entwicklung wurzelt tief in den Ereignissen vor 800 Jahren. Die zu Georgenberg bei Enns ausgestellte Urkunde enthält nicht nur die Erbverfügung, daß beide Länder in Zukunft von einem Herrscher regiert werden sollten, sondern sie regelte auch den Fortbestand der steirischen Landesverwaltung.

Denn schon im 12. Jahrhundert hatte sich die Mitwirkung der Bevölkerung durch die Landstände herausgebildet. Die Georgenberger Handschrift bildet damit das erste der sogenannten Landesprivilegien, und diese besonderen Rechte sollten den steirischen Ständen als den Vertretern der Bevölkerung auch in Zukunft erhalten bleiben.

Auch heute noch umfaßt die Landesverwaltung der Steiermark zwei große Bereiche, auf der einen Seite die Agenden der autonomen Landesverwaltung im selbständigen Wirkungsbereich des Landes und auf der anderen Seite hat der Landeshauptmann auch im Auftrag des Bundes dort eine Reihe von Aufgaben durchzuführen, wo keine eigenen Bundesbehörden auf Landesebene zur Verfügung stehen.

Darin spiegeln sich letzte Ausläufer einer jahrhundertealten Parallelität zweier Gewalten wider, die sich bis in die Anfänge unseres Landes zurückverfolgen lassen. Darin spiegelt sich aber auch jene Eigenständigkeit wider, die nie den Sinn für das Ganze verliert, und im Klima der Toleranz ständig das Gespräch und die Begegnung sucht.

Gerade die Steiermark mit ihrer Lage im Herzen Europas am Schnittpunkt von verschiedenen gesellschaftlichen Systemen muß auch die Entwicklung außerhalb Österreichs Grenzen aufmerksam beobachten. Unsere Zusammenarbeit über Grenzen hinweg soll deshalb auch in Zukunft das gegenseitige Verständnis auf beiden Seiten fördern. Bei aller Eigenständigkeit der Länder und Regionen in der Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria beruht diese Form freiwilliger Zusammenarbeit doch auf einer Tatsache: Aufgrund der Landschaft, der Siedlungsformen, des Menschentyps verpflichtet uns dieser geschlossene Siedlungsraum zur Zusammenarbeit, aus der viele neue Kräfte strömen. Seit Jahrhunderten zeigt sich, daß die Steiermark ein Land der Begegnung ist, in dem sich verschiedene Einflüsse nicht nur gegenseitig befruchten, sondern oft auch positiv ausgleichen.

Die große Frage für die Zukunft, die wir uns aus Anlaß dieses großen Jubiläums stellen sollten, wird daher, vereinfacht, lauten: Sind wir Steirer auch in Zukunft imstande, unsere geistigen und materiellen Kapazitäten richtig zu nützen? Dazu bedarf es, wie uns die Geschichte beweist, sicher einer guten Politik im Bund ebenso wie im Land und in den Gemeinden. Wenn diese Politik weiterhin darauf ausgerichtet ist, die Fähigkeiten und Kenntnisse unseres Volkes bestmöglich zu nützen, wenn der Geist dieses Jubiläums von der ganzen Bevölkerung und besonders von der Jugend getragen wird, dann wird es uns auch in Zukunft gelingen, Tradition und Fortschritt zu verbinden.

Der Blick in die Geschichte sollte uns also, wie man sieht, mit Zuversicht erfüllen. Unsere politische Definition der Eigenständigkeit in der Einheit unseres Vaterlandes Österreich ist durch mehrere Faktoren gekennzeichnet: durch Offenheit, durch den Mut zu neuen Ideen ebenso wie durch das Streben nach Ausgleich und Zusammenarbeit. Wir sind uns auch heute darüber im klaren, daß wir für viele Herausforderungen keine einfachen Lösungsformeln oder billige Patentrezepte finden werden, ganz einfach deshalb, weil auch die Probleme größer geworden sind. Aber wir wissen ebenso, daß die Gestaltung unserer Zukunft weitgehend von unseren gemeinsamen Anstrengungen abhängt.

So müssen zum Beispiel im ganzen Land und auf allen Ebenen verstärkte und gemeinsame Bemühungen für eine neue Energie-Konzeption unternommen werden. Bereits seit mehreren Jahren haben wir intensive Forschungen in diesem Bereich gefördert. Vieles wäre noch aufzuzählen, viele Erfolge können sich durchaus sehen lassen. Das Thema Nummer eins sind und bleiben die Arbeitsplätze, in der Industrie ebenso wie im Handel und Gewerbe, in der Landwirtschaft, im Fremdenverkehr und in den Dienstleistungsbetrieben.

Dabei wollen wir die bewährten Instrumente der steirischen Arbeitsplatzpolitik weiter ausbauen, durch die wir in den letzten zehn Jahren mit mehr als zwei Milliarden Schilling über 17.000 Arbeitsplätze sichern und schaffen konnten. Wir können in der Steiermark auf den Ergebnissen unserer bisherigen Politik aufbauen. Wir müssen uns aber auch mit allen neuen Entwicklungen und Herausforderungen auseinandersetzen, denn wir haben nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die heranwachsende Generation zu sorgen.

Ich bin nun schon fast 16 Jahre Mitglied der steiermärkischen Landesregierung und fast neun Jahre Landeshauptmann. Das ist eine schöne Zeit, und ich möchte mich auch bei allen meinen Landsleuten für ihren vielfältigen Einsatz, für das Miteinander, und für die vielen gemeinsamen Erfolge bedanken. Nach sehr reiflicher Überlegung habe ich mich entschlossen, bei der Landtagssitzung am 4. Juli in der Gewißheit, daß es gut weitergeht, dieses schwere Amt des Landeshauptmannes in jüngere und bewährte Hände zu legen. Mein Entschluß ist vollkommen frei und unbeeinflußt. Ich habe mit mei-

,, Wir können in der Steiermark auf den Ergebnissen unserer bisherigen Politik aufbauen” nen Freunden darüber gesprochen, insbesondere auch mit Landesrat Doktor Krainer, der mein Nachfolger sein wird.

Mit Landesrat Doktor Krainer verbindet mich sehr viel. Und deshalb wird dieser Übergang auch so nahtlos und reibungslos vor sich gehen. Für mich waren die langen Jahre in der Landesregierung und als Landeshauptmann eine wirklich schöne Zeit und ich habe der steirischen Heimat gerne als Landeshauptmann gedient. Aber die Funktion des Landeshauptmannes ist kein Beruf wie jeder andere, sondern eine Aufgabe, die eine sehr schwere Verantwortung darstellt. Ich selbst wurde einmal nach dem Tod des Landeshauptmannes Krainer berufen und danach zweimal durch Wahlen der steirischen Bevölkerung.

Mein Entschluß war daher sicherlich nicht leicht, aber dieses Amt mit viel Verantwortung kostet auch viel Kraft, und da habe ich mich entschlossen, in der Mitte dieser Amtsperiode zurückzutreten, weil es sicher ein unverbrauchter, jüngerer, aber ebenso erfahrener Mensch nun besser machen kann. Und ich glaube auch, daß dieser Termin richtig ist, weil der neue Landeshauptmann mit seinem Team ja auch eine gewisse Anlaufzeit braucht.

Der Abschied fällt mir nicht leicht. Ich glaube aber, daß es kein Abschied im üblichen Sinn ist, denn ich werde unserer steirischen Heimat immer eng verbunden bleiben und wo immer ich kann meine Aufgaben nach bestem Wissen erfüllen. Den Frauen und Männern des ganzen Landes, die aktiv diese steirische Gemeinsamkeit tragen, möchte ich deshalb meinen aufrichtigen Dank sagen.

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