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Subversives Gedächtnis

Viktor Matejka erzählt auch in seinem „Buch Nr. 2” viel, was nicht in das geschönte Bild paßt, auf das man sich in Österreich stillschweigend geeinigt hat. Wir entnehmen dem Band stark gekürzt Erinnerungen an die gemeinsame KZ-Haft mit FÜR-CHE-Gründer Friedrich Funder und an Ernst Fischer in der Blütezeit des Stalinismus.

(Matejka verhalf Friedrich Funder in Dachau zu einem Schreibstubenposten, unterstützte ihn und kann mit Recht als Funders Lebensretter bezeichnet werden)

„Funder erwies sich als ein Mann der gründlichen Revision. Immer wieder sagte er: ,Wenn ich je das Glück haben sollte, von da hinauszukommen, werde ich ein neues Leben anfangen.' Darunter verstand er vor allem, daß er sich nicht mehr parteimäßig binden werde. Auch neue Formen der offenen Diskussion der unterschiedlichen Standpunkte müßten geschaffen werden. Unerbittlich verhielt ich mich ihm gegenüber in be-zug auf Innitzer und Renner. Auch er brachte wiederholt seine Meinung zum Ausdruck, daß mit solchen Männern ein neues Österreich, von dem wir beide überzeugt waren, niemals in Betracht käme...

Oft ging es hart auf hart in unseren Gesprächen. Vor allem dann, wenn der Antisemitismus in der Christlichsozialen Partei drankam. Da war ich unerbittlich und ging mit der Reichspost streng ins Gericht. Nachdem Mitte 1936 in der Wiener Universität Professor Moritz Schlick von einem von katholischer Seite protegierten Fanatiker niedergeschossen worden war, protestierte die Reichspost mit keinem Wort dagegen, daß Schlick in anderen katholischen Blättern als Jude bezeichnet wurde. Auch Ludo Moritz Hartmann hatte es nicht leicht bei der Reichspost, in welcher es ein Jahr vor seinem Tod hieß, daß nur .arbeitslose Bäckergesellen' bei ihm Hörer seien. Einer dieser Gesellen war auch ich gewesen, obwohl weder arbeitslos noch Bäcker. Solcher Zeitungspraxis stellte ich in den Gesprächen mit Funder Die Fackel gegenüber, und es war für mich nun interessant zu hören, wie Funder immer selbstkritischer die Unerbittlichkeit und die Lauterkeit einer so einmaligen und einzigartigen Persönlichkeit wie Karl Kraus herausstellte...

Häufig wurden Funder und ich von der politischen Abteilung der Gestapo im Lager vernommen. Das galt auch für Richard Schmitz, dessen politischen Katholizismus ich entschieden bekämpft hatte. Nun unterhielten wir uns häufig zu dritt, nicht zuletzt deshalb, weil wirdraufgekom-men waren, daß die Gestapo uns bei den Vernehmungen gegeneinander ausspielen wollte. Als Österreicher hatte ich nicht den geringsten Grund, meine beiden älteren politischen Gegner zu belasten. Wir durften uns aber auch nicht in Widersprüche verwickeln, und so teilten wir einander immer die Fragen der Gestapo mit, die an jeden einzelnen von uns gerichtet wurden. Es ist klar, daß wir bei solchen Gelegenheiten die österreichische Geschichte der Ersten Republik, wenn schon nicht auf einen Nenner brachten, so doch sie uns so zurechtlegten, daß wir uns nicht in den Netzen der Gestapo verstrickten. Wir drei betrieben ein gemeinsames Verteidigungsspiel, das uns begreiflicherweise sehr nahe brachte. Es war aus einem Notstand geboren, nach 1945 haben wir uns öfter daran erinnert. Wir nahmen uns sogar vor, darüber ausführlich zu schreiben. Leider kam es nicht dazu...”

(Das Kapitel über den KPÖ-Führer hat den Titel: „Einiges, was bei der Wissensvermehrung über Emst Fischer nicht gern gehört wird oder gar wegfällt”)

„Bei der Trauerfeier der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft am 11. März 1953 (für Stalin, Anm. d. Red.) hielt Emst Fischer eine Gedenkrede, auf deren wortwörtlicher Wiedergabe im Tagebuch er unter allen Umständen bestand. Ich hatte die Rede im Großen Musikvereinssaal mitangehört und schrieb mir nur die extravaganten Superlative auf. Nun versuchte ich, Fischer zu überzeugen, daß, wenn schon die Wiedergabe der Rede unvermeidlich sei, er wenigstens auf die superlativistischen Orgien verzichten solle. Fischer im Einverständnis mit Bruno Frei - ich war nur drittes Rad am Wagen als Herausgeber des Tagebuch - überfuhr mich jedoch mit einer Wucht, wie sie stalinistischen Götteranbeter-sklaven eigen ist...

Die Rede begann: ,Als um den Erdball die Nachricht ging, daß Stalin mit dem Tod ringe, hielt die Welt den Atem an. Der Mann des höchsten Bewußtseins bewußtlos, die mächtigste Energie durch einen Schlaganfall lahmgelegt... Niemals in der Vergangenheit haben so viele Menschen aller Länder und ...

Rassen mit soi- Die schonen cherSorgeumein Leben gebangt... Hunderte Millionen wären bereit gewesen, Jahre ihres Lebens hin- • zugeben, um der Menschheit dieses eine Leben zu retten... Stalins Reden hatten die strenge Größe, die zurückhaltende Präzision des Lateinischen. Da war kein Wort zuviel, kein Wort um des Wortes willen gesagt, da trat der Inhalt hervor, ohne Zierat, ohne rhetorische Verschnör-kelung. Es war nicht das Pathos eines Rhetors, es war das Pathos der Tatsachen.. . klar und rein wie die Luft aus einem hohen Gebirge... es waren die Reden eines Mannes, der vom Wesen der Dinge spricht und nicht von ihrer verwirrenden Oberfläche... Wenn Stalin sprach, wußte das Volk, woran es war. Was Stalin sagte, war das Gegenteil von Propaganda; es war die Wahrheit ohne Phrase. Das Volk hat immer gefühlt, wie nahe ihm Stalin war...'

In diesem Zusammenhang verdient vielleicht daran erinnert zu werden, daß ich mir 1937 in einer österreichischen Zeitschrift Hitler und Stalin als ,die größten Massenmörder der Gegenwart' zu bezeichnen erlaubte. Ich bin von dieser Feststellung nie abgerückt, auch dann nicht, als ich Mitglied der KPÖ war. Als ich 1946 wegen meiner öffentlich festgelegten Qualifikation Stalins vor das Pol-Büro der KPÖ zitiert wurde, wares Fischer, der in mich drang, dieser Gleichsetzung Stalins mit Hitler abzuschwören. Ich entsprach solcher Aufforderung in keiner Weise und verwies im besonderen auf die vielen Prozesse und die Prozeßführung stalinistischer Art in den dreißiger Jahren. Damit hatte ich, genau genommen, frühzeitig vorweggenommen, was durch die berühmte Chruschtschow-Rede 1956 ins volle Rampenlicht kam...”

Aus: BUCH Nr. 2 - ANREGUNG IST ALLES. Von Viktor Matejka. Locker Verlag, Wien 1991. 224 Seiten, 4 Bilder. Pb., öS 198,-.

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