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Symbol des anderen Rußland

Wenige Sekunden war der Mann auf dem Bildschirm: Redend, aber stumm, denn was er sagte, ging nur aus den kurzen Worten des Begleitkommentars hervor. Für Sekunden ein ruhiges offenes Gesicht: Andrej Sacharow in einem Ausschnitt aus dem Schmalfilm, der aus seinem Inlands-„Exil“ in Gorki herausgeschmuggelt worden ist.

Am 21. Mai 1981 wir der „Vater“ der sowjetischen Wasserstoffbombe sechzig Jahre alt. Nach Gorki, dem ehemaligen Nischnij Nowgorod, das Ausländern nicht zugänglich ist, wurde der Gelehrte am 22. Jänner 1980depor- tiert, nach Aberkennung seiner Ehrentitel und Auszeichnungen (mit Ausnahme der akademischen).

Dort lebt Sacharow seither, wie er selbst schreibt, unter wachsamer Aufsicht des Staatssicherheitsdienstes. Zur Isolation gehören Drangsalierung aller Art, auch die hinterhältige Entwendung persönlicher Dokumente.

Sacharow hat 1958 begonnen, sich gegen die von ihm selber mitinitiierten technischen Entwicklungen zu wenden. Weltbekannt wurde er 1968 durch sein Besinnungsmanifest „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“.

Das Regime erwies sich gegenüber dem herausragendsten Repräsentanten der heimischen Wissenschaft als dialogunfähig - Sacharow war 1953, erst 32 Jahre alt, Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR geworden, was noch nie geschehen ist. Lenin- Sprüche zu wiederholen, strengt nicht so an.

Sacharows Ausstoßung aus dem Prestige-Establishment zog erst recht kriti sche Köpfe zu ihm hin, Andersdenkende genannt (als ob ihr häufig richtigeres Denken nur abweichend von der Wahrheit wäre), aber auch in wachsender Zahl Hilfsbedürftige, Notleidende und Verfolgte.

Der bedächtige, bescheidene, selber hilflos wirkende Mann wurde zum überlebensgroßen väterlichen Symbol der Hoffnung, zum leibhaftigen anderen Rußland. Die Helfer des Menschenrechtskomitees scharten sich um ihn. 1975 hob ihn der Friedensnobelpreis aller Welt sichtbar über die Schranken der Verfemung hinaus.

Unermüdlich tritt Sacharow für die Opfer der Repression in der Sowjetunion und in anderen totalitären Staaten ein. In der Beharrlichkeit seines Protestes steht er für zahllose Mitbe troffene und für die unvergleichlich schlimmer Leidenden. Zum anderen Rußland zählen seit dem ersten Aufbegehren gegen die zaristische Autokratie und dann gegen die neue Gewaltherrschaft viele leuchtende Namen. Jede Aufzählung wäre problematisch und müßte kommentiert werden.

Das Sowjetregime mißbraucht die einen zur Eigenpropaganda und verschweigt oder denunziert die anderen. Die Erinnerung an diese Männer und Frauen hüllt Sacharow söhützend in eine geschichtliche Aura. Die Symbolkraft des anderen - menschlichen, freiheitlichen - Rußland birgt freilich die Versuchung in sich, sich mit den exemplarischen Gestalten des Freiheitswillens und des Gerechtigkeitssinnes über die Machtrealität Sowjetunion hinwegzutrösten.

Sacharow begegnet dieser - gerade bei unfreiwilligen Emigranten-begreiflichen Regung durch seine unablässigen Appelle um tätige Hilfe für die Opfer der Staatswillkür. In dem Film aus Gorki wendet sich Sacharow an alle Wissenschaftler, alle Möglichkeiten der Publizität und Diplomatie zu nutzen, um Opfer der Unterdrückung zu verteidigen. Persönliche Interventionen westlicher Politiker bei Begegnungen mit sowjetischen Vertretern seien dabei von besonderer Bedeutung.

Sacharow hofft, daß sorgfältig durchdachte und organisierte Aktionen zur Verteidigung von Opfern der Repression deren Los erleichtern werden. Mit seinem jüngsten beschwörenden Aufruf ist der Verbannte einmal mehr unter uns. Ihm gilt unser ehrerbietiger Gruß.

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