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Szenen einer Polit-Ehe

Die deutsch-französischen Beziehungen sind zwar noch nie so eng gewesen wie im Augenblick, auf beiden Seiten des Rheins herrscht aber nicht ganz das gleiche Klima, was feinfühlige Beobachter sowohl auf der deutschen wie auf der französischen Seite etwas bedenklich stimmt.

Die Entschlossenheit zu einer immer engeren Zusammenarbeit ist auf Regierungsebene unverkennbar und unbestreitbar. Der bundesdeutsche Verteidigungsminister Manfred Wörner überraschte vor kurzem während einer Jubiläumsfeier eines deutschfranzösischen militärischen Forschungsinstitut durch die außerordentliche Wärme seiner Rede, die übrigens teilweise an Herzlichkeit über den vorbereiteten Text hinausging.

Zum ersten Mal wurde der Begriff „deutsch-französisches Bündnis" benützt, mit der deutlich unterstrichenen Absicht, es möglichst stark in den Realitäten des Alltags zu verwurzeln. Wörner ist keine Ausnahme. Auch Außenminister Hans-Dietrich Genscher schwankte in Sachen Verteidigung und Sicherheit ganz offensichtlich auf die französische Linie ein.

Im Forschungsbereich stoßen nunmehr alle französischen Projekte in Bonn auf wohlwollendes ministerielles Verständnis. Selbst der französische kommunistische Verkehrsminister Fitermann findet bei seinem deutschen Gesprächspartner für seine Kooperationspläne Sympathie. Die lange als hypothetisch betrachtete schnelle Zugverbindung zwischen Paris und Köln unter Verwendung der französischen Technologie rückte inzwischen in den Bereich des Wahrscheinlichen.

Unter der ministeriellen Ebene ist jedoch die Atmosphäre weit weniger günstig. Es machen sich laufend Widerstände bemerkbar, verbunden mit Fehlinformationen, Verschleppungstaktik oder mißtrauischen Äußerungen. Eigenartigerweise sind es die Franzosen, die einen endgültigen Strien unter die Vergangenheit gezogen haben, in den Deutschen ein Volk wie jedes andere sehen und vor allem einen Partner, der uneingeschränktes Vertrauen verdient.

Die von der Regierung in die Wege geleitete zunehmende Verflechtung, von der Wirtschaft über die Politik bis zur Verteidigung und den menschlichen Beziehungen, wird allgemein als selbstverständlich betrachtet.

Auf deutscher Seite indessen bleibt die Frage in der Diskussion, ob man sich eine derartige Ausschließlichkeit leisten kann und soll. Gewiß, es wird ebenfalls eine ehrliche Freundschaft mit dem Nachbarn angestrebt, wobei man sich den sich daraus ergebenden Verpflichtungen durchaus bewußt ist, man möchte sich jedoch einige andere Türen zur Welt hin offenhalten.

Dieser Unterschied hat politisch-psychologische Gründe. In Frankreich überwiegt ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Das sozialistische Experiment gilt endgültig als gescheitert, die internationale Lage ist beängstigend, man hat nur eine Hoffnung: die europäische Zusammenarbeit, deren Fundament von den Deutschen und Franzosen gemeinsam zementiert werden muß.

Für die Deutschen ist der Horizont weniger stark vermauert. Ihre Wirtschaft strebt weiterhin aufwärts, das atlantische Bündnis bleibt eine Alternative für Europa, und daneben besteht die Erwartung oder die Illusion einer Öffnung nach Osten.

Ferner sind die Franzosen ge^ genüber dem Partner unbefangener als die Deutschen, die sich aus zwei Gründen in der von Frankreich schon wiederholt angebotenen Schicksalsgemeinschaft nicht ganz wohl fühlen. Das eine große Hindernis ist die französische Sonderstellung als Atommacht. Bewußt oder unbewußt nährt sie einen deutschen Minderwertigkeitskomplex, der durch wirtschaftliche Anmaßung und auch durch die Uberbetonung der eigenen Position auf dem europäischen Schachbrett zwischen Ost und West kompensiert wird.

Der zweite Grund ist das weltpolitische Engagement Frankreichs — Mittelost, Afrika, Pazifik —, worin die Bundesdeutschen nicht, wie mitunter die Franzosen glauben, eine Mitgift für Europa sehen, sondern eine Hypothek. Es widerspricht dem Temperament des heutigen Durchschnittsdeutschen, eine weltpolitische Verantwortung zu übernehmen.

Eigenartigerweise führt sie auch zur Skepsis gegenüber dem technologischen Höhenflug der Franzosen, die stärker an die Notwendigkeit denken, den Anschluß an den Fortschritt nicht zu versäumen, als an die Regeln der Rentabilität, der die Mehrheit der Deutschen, bis in die höchsten Amtsstuben hinein, die Priorität einräumt. Ohne französische Initiativen und ohne die geduldige Mobilisierung aller verfügbaren politischen Kräfte hätte sich die Bundesrepublik Deutschland weder am Airbus noch an der Weltraumtechnik beteiligt.

Grundverschieden ist zudem die Einstellung der beiden Völker gegenüber der Atomenergie, mit dem Ergebnis, daß im kommenden Jahrzehnt die Bundesrepublik Deutschland zum besten Elektrizitätskunden Frankreichs werden dürfte.

Die grundlegende Verschiedenheit der Mentalitäten verdeutlichte dieser Tage vielleicht etwas absurd, aber doch bezeichnend eine Diskussion zwischen zwei Agrar-experten in Paris. Der Deutsche kündigte für sein Land einen starken Rückgang des Ackerbaus an und empfahl den Bauern, sich in den Dienst der Freizeitbeschäftigung zu stellen, indem sie etwa ihre Äcker in Golfplätze verwandeln.

Der Franzose erwiderte, wenn sich die Europäer nicht hoffnungslos von den Japanern und den Amerikanern überflügeln lassen wollten, dürften sie ihre größere Freizeit nicht zum Golfspielen verwenden, sondern müßten sich um ihre Umschulung und Weiterbildung kümmern, damit sie mit der Technik Schritt halten und innovationsfähig bleiben.

Störend sind schließlich falsche Vorstellungen über die Solidarität zugunsten der europäischen Sicherheit. Die Deutschen blicken zwar mit erschreckten Augen auf das Atom, das ihre militärische Unbeflecktheit auf keinen Fall gefährden soll, erwarten aber gleichzeitig von den Franzosen die schriftlich niedergelegte Garantie, durch deren Nuklearpotential geschützt und verteidigt zu werden.

Solidarität und Schicksalsgemeinschaft beinhalten nach französischer Ansicht alles, was für das gemeinsame Heil erforderlich ist. Sie verstehen nicht, was darüber hinaus noch gefordert werden könnte, besonders von einem Partner, der dem Atom mit äußerstem Mißtrauen gegenübersteht.

Schon manche Ehe ist gescheitert, weil er oder sie tagein tagaus ihr oder ihm die Frage stellte: Liebst Du mich noch? Die Grundlage des deutsch-französischen Verhältnisses vermag nur ein gegenseitiges Vertrauen zu bilden, das schriftliche Garantien vor allem in der hierfür organisch nicht geeigneten Nuklearzone überflüssig macht.

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