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Tamburizza ist zuwenig

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Burgenland: Die meisten denken dabei an Pußta- und Seewinkel-Romantik, Martinigänse und allenfalls noch Tamburizza- Folklore.

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Burgenland: Die meisten denken dabei an Pußta- und Seewinkel-Romantik, Martinigänse und allenfalls noch Tamburizza- Folklore.

Aber wer weiß schon, daß der Abstammung nach fast 60 Prozent der heutigen Burgenländer kroatisch sind, Karl der Große nicht nur Bayern, sondern auch Awaren hier ansiedelte, die Gegend am Neusiedler See die Heimat des späteren Ostgotenkönigs Theode- rich war und im 14. Jahrhundert Juden aus allen Teilen Europas als Siedler und Kulturbereicherer kamen?

Die NS-Herrschaft hat die Juden auch aus dem Burgenland vertrieben und vernichtet. Ähn-

lieh erging es den Zigeunern, die mindestens so lange im Burgenland lebten wie die Kroaten, aber ihr Schicksal ist schon viel weniger bekannt.

Immerhin: Rund zehn Prozent der Burgenländer sind heute noch Kroaten. Wie viele genau es sind, weiß man nicht: Die Volkszählung 1981 ist noch immer nicht nach Volksgruppen ausgewertet!

In den letzten Wochen gab es allerlei Feiern und Diskussionen rund um das Jubiläum „450 Jahre Kroaten im Burgenland”, die nach dem Abzug der Türken in den menschenleeren Gebieten angesiedelt wurden. Damals überzogen ihre Dörfer auch das südliche Niederösterreich bis zum Stadtrand von Wien.

Schon im 19. Jahrhundert verschwanden viele davon. Heute geht der Anteil der Kroaten auch im Burgenland zurück. Warum? „Weil ihnen die Erfüllung völkerrechtlicher Ansprüche verweigert wird”, sagen die einen. „Weil sie sich assimilieren wollen”, replizieren die anderen.

Wahr ist: Artike…es Staatsvertrages, der „österreichischen Staatsangehörigen der sloweni-

sehen und kroatischen Minderheiten in Kärnten, Burgenland und Steiermark” eine zweite Amtssprache neben Deutsch, doppelsprachige Aufschriften und vor allem „Elementarunterricht in slowenischer oder kroatischer Sprache und eine verhältnismäßige Anzahl eigener Mittelschulen” zubilligt, ist im Burgenland bis heute nicht erfüllt.

Darüber diskutierten in gepflegter Intellektuellensprache kürzlich in einem ORF-Nachtstudio die Völkerrechtler Theodor Vei- ter und Heinz Tichy mit Landesintendant Hellmut Andics und Universitätslektor Nikola Benc- sics.

Dabei war viel von „formalen” Rechtsmängeln die Rede und daß „gesellschaftlich” die Stellung der Kroaten keineswegs diskriminiert sei. Erfreulich deutlich widersprach Veiter dieser gönnerhaften „Wir werd’n keinen Richter brauchen”-Mentalität: Wir werden einen brauchen, wenn einmal jemand auf die Idee kommen sollte, uns völkerrechtlich zur Verantwortung zu ziehen! Eine stärkere Förderung der Kroaten wäre mit keinerlei außenpolitischem Risiko verbunden.

Deutlicher, der Alltagswirklichkeit näher hatten wenige Tage vor diesem Nachtgespräch Volksgruppenvertreter bei einer Bildungswerkveranstaltung im burgenländischen Oberschützen diskutiert. Die Schlußakte von Helsinki schreibe nicht nur eine Förderung, sondern sogar eine Revitalisierung aussterbender Volksgruppen vor, argumentierte dort Prof. Ludwig Szeberėnyi, der die magyarische Minderheit des Burgenlandes (rund zwei Prozent) vertritt.

Das „Recht auf Assimilierung” verfocht (wie im ORF Andics) in Oberschützen der bekannte SPÖ- Abgeordnete a. D. Friedrich Ro- bak. Natürlich hat auch dieser Standpunkt etwas für sich: Die Minderheiten schrumpfen, weil sie sich gerne der deutschsprechenden Mehrheit anpassen; Eltern lehren ihre Kinder gar nicht mehr Kroatisch oder Ungarisch, „weil sie mit diesen Sprachen nichts anfangen können und lieber Deutsch gut beherrschen solle…

Zwei ist mehr als eins

Freilich haben jene recht, die dagegen ein wenden, hier bedürfe es eben der Bewußtseinsbildung.

Warum wird einem Kindergartenkind der Gebrauch einer nichtdeutschen Sprache verboten? Warum verbietet ein Bürgermeister einem Kroatisch sprechenden Gemeinderat die Muttersprache? Warum wechselt ein Biertisch voll Kroaten sofort auf Deutsch, wenn ein deutschsprechender Burgenländer die Gaststube betritt?

Der r. k. Pfarrer von Stinatz, Branko Kornfeind, kann viele Beispiele dieser Art aufzählen. Er gestaltet zweisprachige Gottesdienste und wird oft angefeindet.

Müßten nicht Politiker, Erzieher, journalistische und andere Bewußtseinsbildner der Minderheit Mut machen, sich zu ihrem Volkstum zu bekennen? „Zwei ist mehr als eins”, reduziert Hans Müller, Obmann des Kroatischen Kulturvereins, den Vorteil der Doppelsprachigkeit auf eine Minimalformel. „Es gibt Initiativen zur Verhinderung des Aussterbens von Vogelarten im Burgenland”, sagt er. „Für uns Kroaten gibt es keine.”

„Der Prozentsatz der Minderheitsvolksgruppen am Staatsvolk ist genau so groß wie jener der Südtiroler in Italien”, stößt Szeberėnyi nach.

Bewußtseinsbildung bei uns allen wäre in der Tat das wichtigst…nd Kindergarten-Zweisprachigkeit der Angelpunkt neuer Selbstbewußtseinsförderung, zu der auch die täglichen kroati- -schen Sendungen in Radio Burgenland beitragen. Solche in Ungarisch und in der Zigeunersprache („Roma”) könnten folgen.

Damit die einzige Zweisprachigkeit von Straßenschildern nicht „Shopping City Süd” und der einzige dreisprachige Prospekt der burgenländischen Landesregierung nicht einer in Deutsch, Englisch und Französisch bleiben …

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