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Technik: Kleine Schritte statt Utopie

Die Verwirklichung des uralten Menschheitstraumes, des Mythos vom vogelgleichen Flug, die bereits von Johannes Kepler als wissenschaftlich fundierte Vision beschriebene Reise zum Mond, die Realisierung einiger der in der Literatur von Francis Bacon und anderen, weniger bedeutenden Utopisten vage beschriebenen technischen Phantasiegebilde, die genialen Entwürfe eines Leonardo führten zur weitverbreiteten Meinung, daß die technische Entwicklung mit der Verwirklichung von Utopien gleichbedeutend sei. Es ist eine Ursache der gegenwärtigen Technikkritik, daß die großen Utopien unwirklich geblieben und nicht einlösbar sind. Eine dieser „gro-

ßen" technischen Utopien, die weltbewegendste von allen, ist die christliche Utopie der Technik. Es ist die abendländische Utopie schlechthin, mit kräftigen Wurzeln in der griechischen Kultur.

Die Uberwindung der Natur wird in der christlichen Philosophie, die von Aristoteles insbesondere über die Scholastik stark beeinflußt wurde, zur Uberwindung der Erbsünde, zu einer Chance, die Folgen des Sündenfalles zu mildern und sich paradiesischen Zuständen wieder zu nähern.

Die Idee, durch die Technik die Macht über die Natur zu erlangen, kulminierte 1627 in Francis Bacons „Nova Atlantis": Die Religion stellt die verlorene Unschuld des Menschen wieder her, Kunst, Technik und Wissenschaft bringen die vollständige Herrschaft über die Natur.

Um dieselbe Zeit strebte in Italien das Drama des Galilei einem Höhepunkt zu. Als Produkt der Bildungsexplosion der Renaissance hat dieser Mann die Methoden moderner Naturwissenschaften angewandt, um dem koperni-kanischen Weltbild zum Durchbruch zu verhelfen. Die Methoden waren allerdings nicht neu. So schreibt bereits mehr als ein Jahrhundert früher der große Ingenieur Leonardo da Vinci in einem Buch, das heute unter dem Titel „Hydromechanik" erscheinen würde, über die Bedeutung des Experimentes, das er auch zur Lösung anderer Probleme einsetzte, z. B. um die Reibungsgesetze zu erforschen lind damit unter anderem Kugellager zu erfinden, die erst Jahrhunderte später wiederentdeckt und auf breiter Basis verwendet wurden. Aber nach Leonardo hatte noch keiner diese Methoden so zielstrebig, konsequent und mit so weitreichenden Ergebnissen verwendet wie Galilei. Nicht zu Unrecht markieren daher die Arbeiten Galileis den Aufbruch der modernen Naturwissenschaften.

Auch bei der Einführung der Arbeitsteilung hat man die Bibel bemüht und christliche Motive gefunden. Es ist also neben dem gemeinsamen Willen zum Werk auch eine Form der christlichen Nächstenliebe, mit der die Arbeitsteilung motiviert wird. Mit der Industrialisierung und Spezialisierung, mit der wachsenden Komplexität und Kapazität der Technik ändert sich die Situation.

Zwar weiß der Arbeiter an der Maschine oder am Band nach meiner Erfahrung immer noch, daß er seine Befreiung aus unwürdigen Lebensverhältnissen der Technik und der arbeitsteiligen Wirtschaft zu verdanken hat, aber gelitten hat die Leistungsfreude, die dem Handwerker noch selbstverständlich war.

In dieser Entfremdung zwischen Mensch und Arbeitswelt ist wohl eine der Ursachen für die Ernüchterung über die Auswirkungen der Technik zu sehen, die in vielfacher Form spürbar geworden ist.

Die Zerklüftung der Kultur, tiefgreifende Folge der Entfremdung von Mensch und Arbeitswelt, das furchtbare Elend der in den Anfängen der industriellen Revolution durch pseudo-christ-liche Kapitalisten schamlos ausgebeuteten Arbeitskräfte, insgesamt das Versagen der Technik, die Versprechung der christlichen Utopie einzulösen, waren im vorigen Jahrhundert Ursachen für das Auftauchen einer zweiten weltbewegenden Utopie, der marxistischen Utopie der Technik.

Die marxistische Utopie der Technik ist in bisherigen Experimenten gescheitert, weitere Versuche sind wegen Irreversibilität als allzu riskant abzulehnen.

Meine ganze Lebenserfahrung sagt mir, daß keine andere Mög-

lichkeit besteht, als den Argumenten und Erkenntnissen Karl Poppers zu folgen und eine Sozialtechnik der schrittweisen Verbesserungen (piecemeal engineering) anzuwenden. Wissenschaft und Technik möchte ich dabei als inbegriffen ansehen. Es besteht kein Zweifel, daß technische Projekte in erster Linie durch schrittweise Verbesserungen kleiner Fehler weitergetrieben werden können. Jedenfalls hat sich das Rezept, aus kleinen Fehlern zu lernen, auch in der Technik bestens bewährt. Große Fehler können wir uns nicht leisten, so daß schon aus diesem Grund utopische Entwürfe keinen Platz in diesen Überlegungen haben. Ich kenne auch keine große technische Entwicklung, die direkt mit dem Versuch, eine Utopie zu realisieren, in Verbindung gebracht

werden kann. Als etwa den Gebrüdern Wright der erste Flug mit einem motorgetriebenem Gerät . gelang, war aus der antiken Utopie des vogelgleichen Fluges längst ein zwar riskantes, aber rationalen Überlegungen zugängliches Konstruktionsproblem geworden, das mit einer Kombination von Phantasie und Logik gelöst werden konnte. Eine ursächliche Verbindung zur Ikarussage sehe ich ebensowenig wie zwischen den wirren mittelalterlichen Vorstellungen eines Homun-culus und der durch die Erforschung der Desoxyribonukleinsäure durch Avery, Watson und Crick möglich gewordenen Gentechnologie.

Ich halte auch Poppers piecemeal engineering, die schrittweise Verbesserung von Systemen, die bereits eine gewisse Basis haben.

für unendlich fruchtbarer und stimulierender als die Verfolgung und Propagierung utopischer Ideen. Vielleicht hat das mit dem „Messen an der Realität" zu tun, welches nach Rothenberg im schöpferischen Prozeß als Sieb wirkt. Daraus wäre auch zu erklären, daß selbst die kühnsten wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Erfindungen, nüchtern betrachtet, Produkte von piecemeal engineering sind, Stückwerk, meistens klein, selten groß, das in die vorhandene Basis eingepaßt ist.

In diesem Sinne erhoffe ich Beiträge von Wissenschaft und Technik zur Lösung der Probleme. Die bekannte und beunruhigende Ambivalenz der Technik wirft die Frage nach ihrer ethischen Bewertung auf. Die Macht und große zeitliche Reichweite von Folgen neuer Techniken haben das Ethikproblem aktualisiert.

Eine Technik mit apokalyptischem Potential ist in den Atomwaffen leider schon in unserer Hand, und auch hier sehe ich keine andere Wahl, als auch für peace piecemeal-engineering zu. betreiben. Warum auch nicht nach einer neuen Ethik suchen, selbst wenn uns bewußt sein muß, daß eine radikal neue, ideale oder schlagartig wirksame ebensowenig gefunden werden kann, wie endgültig wahre wissenschaftliche Erkenntnis?

Mein Wille, technisch zu handeln und meine Hoffnung, dadurch ein wenig zur Lösung der Probleme beizutragen, beruht auf einer rationalen Basis, in der eine Utopie wenig Platz findet. Meine Mitarbeiter und ich versuchen, die Mikroelektronik in den Dienst des Menschen zu stellen. Die erste Frage lautete: Wie überleben wir wirtschaftlich unter akzeptabler Anpassung von Mensch und Arbeitswelt? Wir versuchen nicht ohne Erfolg, eine neue, umweltfreundliche Technik, von der Forschung über die Entwicklung von Produkten bis zur Massenf abrika-tion, in Österreich zu etablieren und langfristig absterbende, umweltbelastende Industriezweige durch neue, wachsende und umweltfreundliche Zweige zu ersetzen. Darüber hinaus liefert die Mikroelektronik völlig neue, billige Methoden zur Kontrolle, Überwachung und Verhinderung schädlicher Emissionen in Syste-’ men verschiedenster Art.

Erfolge in der Lösung von schwierigen Problemen dürfen natürlich das Nachdenken über mögliche negative Folgen unseres Handelns nicht verhindern. Es zeichnet sich ab, daß die Mikroelektronik in der Lage ist, den Menschen von geistiger Routinetätigkeit zu befreien — so wie Dampfmaschine und Elektromotor Mensch und Tier von schwerer körperlicher Arbeit befreit haben — mit allen Konsequenzen, selbstverständlich auch im Verlust von Qualifikationen und Arbeitsplätzen und entsprechende Strukturveränderungen.

Ich habe die Hoffnung, daß die neuen Techniken langfristig und schrittweise deutliche Verbesserungen im sozialen System bringen werden. Ich habe die Befürchtung, daß der lange, dornenvolle Weg dorthin keine Markierungen trägt und nur ohne utopische Vorstellungen mit wachem Gewissen und hellem politischem Verstand begangen werden kann. Ich habe die Gewißheit, daß er ohne harte Arbeit, ohne die Unmuße des Aristoteles, in die Irre führt. Aber die Hoffnung ist das Bestimmende, ist der Motor unserer Anstrengungen in Unmuße und Muße.

Auszug aus einem Karl Popper gewidmeten Vortrag für den Katholischen Akademikerverband. Der Autor ist Ordinarius für Elektrotechnik an der TU Wien.

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