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Technologie ist nicht Heil der Menschen

Der 16. Weltkongreß für Philosophie in Düsseldorf hat gezeigt, daß es schwer ist, die Sache der Philosophie gegen die naive Faszination durch die moderne Technologie zu setzen. Daß es nicht gelingt, Technologie in unre-flektierter Weise für das Heil der Menschen zu halten. Er hat auch gezeigt, daß für die Solidarität der Philosophen heute kaum philosophische Gesichtspunkte maßgebend sind, sondern die Differenzen der politischen Systeme, die Unterschiede in der Stellung zur Technik - und daß die Konflikte zwischen den philosophischen Richtungen sich in psychologische Differenzierungen, Optimismus oder Pessimismus angesichts der Weltlage, aufgelöst haben. Es wäre Illusion zu meinen, daß die Philosophie von etwas anderem lebe als von ihrer Geschichte und dem hohen und hohlen Klang großer Worte der Vergangenheit.

So waren denn in Düsseldorf gewiß auch prominente Denker, vor allem aus dem englischen Sprachraum, auch aus Ländern der Dritten Welt. Uneingeschränkten Respekt forderten aber die Wissenschafter ab, die durch den Nobelpreis ausgezeichnet waren - Sir John Eccles, Manfred Eigen oder Logiker vom Range eines Quine oder Si-noviev (der kürzlich die Sowjetunion verlassen konnte, nachdem er dort wegen deutlicher Worte zur Situation seines Landes seiner akademischen Wirksamkeit beraubt wurde). Eindeutig sind Zahlen und die Wahrheitssicherung durch Zählbarmachen - wir sind von jeder anderen Verbindlichkeit verlassen.

Deutlich wird dies in Manfred Eigens Überlegungen: Bestimmte materielle Voraussetzungen und Randbedingungen ziehen die Entstehung von Lebendigem nach sich. Daraus ergibt sich, daß biologische Evolution in mathematischen Sätzen zum Ausdruck kommt. Wo bleibt der Zufall, von dem Monod sprach? Eigen spricht von der historischen Route der Evolution in einer gesetzmäßig vorgegebenen Entwicklung. Und dies weist ja schon auf eine grundsätzliche Unsicherheit. Denn von Historie, Geschichte sprechen wir, wenn wir die ihrer Taten selbst verantwortlichen Menschen meinen.

Dies führt auf die von John Eccles vorgenommene Neufassung des Leib-Seele-Problems: In der Aufdek-kung der Neuromaschinerie des Gehirns ist keineswegs die Einheit bewußter Erfahrung erklärt. Ein Maß unseres Unwissens über den Gehirn-Geist-Zusammenhang ist die Tatsache, daß keine strukturellen Unterschiede zwischen dem Gehirn des Menschen und eines anthropoiden Affen gefunden werden konnten. Offensichtlich wird erst eine neue Ära des Wissens uns weiter führen. Hier ist also das bescheidene Eingeständnis der Grenzen unseres Wissens, das denn auch nicht unwidersprochen blieb, aber in seiner Klarheit jeder versuchsweisen Extrapolation mathematisie-render Wissenschaften widersteht. Wo das Wissen am Ende ist und der Horizont sich der freien Verbindung von Phantasie und Denken eröffnet, ist wieder Philosophie am Werk - Philosophie, ein quasi erotisches Verhältnis zur Wahrheit.

Es war nicht zufällig, daß gerade orthodoxe Theoretiker besonders des Ostblocks einem solchen Horizont am zähesten widerstehen. Mit der Berufung auf Dialektik wird noch immer verschleiert, daß dort Ideologie, also vorgebliches Wissen, das sich von der Erfahrung der Wirklichkeit getrennt hat, die Tradition Europas und ihr Vokabular zum Mittel der Herrschaft über die Menschen, verstanden als Arbeitssklaven, degradiert. Das Ansehen der Dialektik verdankt sich einzig der Tatsache, daß dieser Mibrauch erfolgreich geschieht, daß er nicht entdeckt wird. So hat Frolov (Moskau) bezweifelt, daß die Entwicklung der Wissenschaften durch ethische Gesichtspunkte wirksam kontrolliert werden kann. Nur wenn die ethischen Gesichtspunkte mit den Sozialfaktoren in Verbindung gebracht werden, haben sie wissenschaftliche Bedeutung. Das heißt natürlich: Dann stehen sie in Funktion der wissenschaftlichen, selbstzweckhaften, unkontrollierbaren Entwicklung. Der Funktionär hat immer recht.

Nur selten wurden auf diesem Kongreß die Dimensionen der Philosophie als einer Denkart, die die Weltauffassungen der Wissenschaft provoziert, zur Sprache gebracht. Jeanne Hersch (Genf) jedoch sprach in einem engagierten Abendvortrag über den Sinn der Wissenschaft: Er liegt in der Endlichkeit des Menschen. Statt dessen sehen die Wissenschaften in der progressiven Endlosigkeit der wissenschaftlichen Entwicklung ihren Sinn. In dieser Einstellung, die nichts anderes als die zum Nihilismus führende Perspektivlosigkeit einer totalen Inhumanität ist, kommt der Verrat der Wissenschaften am Menschen zum Ausdruck.

So fehlte am Kongreß ganz entschieden der Blick auf die Technologie des Menschen, die Technologie des zwischenmenschlichen Verhaltens, der Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens und seiner Steuerung. Und in den Sitzungen über die Grenzen der Mathematisierbarkeit und ihre Grenzen war immer wieder von den Erfolgen der Mathematisierbarkeit die Rede. So sehr diese auf der Hand liegen, so sehr ist aber auch die technologisch-mathematische Umgestaltung des Menschen selbst ein entscheidendes Problem.

Eigentlich war dies indirekt Thema in den' Beiträgen der Philosophen aus außereuropäischen Kulturkreisen. Raymond Panikkar sprach davon, daß es keine Sprache gebe, um die außereuropäischen Erfahrungen im Westen zum Ausdruck zu bringen.

Tshiamalenga Ntumba (Kinshasa) berichtete, daß zunehmend eine afrikanische situationsbezogene Philosophie vorgetragen wird. Es gehe um ein neues Zivilisationsverständnis, in dem die erlahmenden Schwächen der schwarz-afrikanischen und afro-asiati-schen Irrationalität, aber auch der technologischen Entwicklung überwunden werden.

Die Kongreßorganisation und weitgehend die Mentalität vor allem auch vieler westlicher Teilnehmer ist erschreckend weit von der entscheidenden Fragestellung entfernt. Wir müssen am Ende dieses Kongresses die Frage stellen, wieso es keine Philosophie gibt. Wir müssen die Frage nach der Beherrschung des Denkens durch technologische Methodologie stellen. Dann werden wir auch zur Frage kommen, warum es keine Welteinheit in Frieden derzeit gibt.

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