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Terror und Gegenterror

Etwas Paradoxes ist passiert: Gerade jetzt, wo $iie Araber in Israel kompromißbereiter werden, ist in den jüdischen Kreisen eine Tendenz zum Extremismus zu verzeichnen.

Durch die Neuansiedlungen ist die arabische Bevölkerung gerade mit den nationalistischen und chauvinistischen Kreisen der Israelis in Berührung gekommen. Es sind dies meist religiöse Fanatiker, die in der Neuansiedlung ei-

ne heilige Aufgabe sehen, auch wenn diese mit der Enteignung arabischer Böden verbunden ist.

Diese Neuansiedler sehen in jedem Araber einen potentiellen Feind, in jedem arabischen Kind einen potentiellen Steinwerfer auf israelische Fahrzeuge und sogar in jedem israelischen Soldaten im besten Fall einen feindlich eingestellten Gegner, wenn er sich nicht ausschließlich für das Wohlergehen der Israelis, sondern auch für die Sicherheit der arabischen Bürger sorgt.

Doch gerade dieser jüdische Extremismus, der in Begins Cherut- Partei und ihren Vorgängern den. Ursprung hat, wird von den Behörden trotz allem geduldet, da diese Fanatiker im geheimen auch die von Begins Cherut-Partei geteilten Ansichten vertreten.

In den letzten Tagen wurde eine jüdische Untergrundbewegung „Terror gegen Terror“ gebildet. Sie verbrennt arabische Autos als Vergeltungsmaßnahme für Steinwürfe gegen israelische Fahrzeuge, demoliert arabische Läden oder legt Bomben in arabischen und christlichen Institutionen. In ihrer Aktionsweise imitieren die Terroristen die ehemalige Untergrundbewegung „Lechi“.

Bisher konnte jedoch noch kein Mitglied dieser Bande gefaßt werden, obwohl inzwischen auch ein arabisches Mädchen getötet und seine Schwester schwer verletzt wurde.

Gewiß, die Araber waren die ersten, die mit dem Terror begonnen haben. Aber die Juden, die es ihnen nachmachen wollen, spielen den radikalen arabischen Terrororganisationen in die Hände. Gerade deswegen ist. es interessant, die Distanzierung vieler Araber vom Terror zu betrachten.

„Eine Bombe hier, ein Mord dort wird keines unserer Probleme lösen. Die Zeit ist gekommen, in der wir neue Wege suchen müssen. Solche Anschläge wie vor zwei Wochen in Jerusalem vertiefen nur die Feindschaft zwischen uns Palästinensern und Israelis.

Hingegen kann eine politische Initiative und ein direkter Dialog den Frieden zwischen den beiden Völkern näher bringen.“ Dies sagte Mustafa Natsche, der von den Israelis abgesetzte Bürgermeister von Hebron, der als einer der Sprecher der PLO in den besetzten Gebieten bekannt ist.

Zehfi prominente Palästinenser in Westjordanien und im Gaza- Streifen, die als führende PLO- Mitglieder in den von Israel besetzten Gebieten angesehen werden, haben dieser Tage den Anschlag auf einen israelischen Autobus in Jerusalem, bei dem fünf Personen, darunter drei Kinder, getötet und 46 Personen zum Teil schwer verletzt wurden, auf das schärfste verurteilt.

Nach dem Anschlag übernahm Arafats PLO die Verantwortung für das Attentat. Sie wollte hiermit belegen, daß „die Geschäfte wie gewohnt weitergehen“ und die PLO ihren militärischen Kampf gegen Israel nicht aufgegeben hat. Diese Rechnung ging jedoch nicht auf. Denn anders als in der Vergangenheit sind heute die Einwohner der von Israel besetzten Gebiete nicht mehr bereit, diskussionslos dem Diktat der PLO zu folgen.

Ende November führte eine Ost-Jerusalemer Zeitung eine Meinungsumfrage durch. Aus ihr geht hervor, daß die Mehrheit der Einwohner der besetzten Gebiete Yasser Arafats Führung anerkennt, aber auch auf einen jordanisch-palästinensischen Dialog besteht:

Die Frage „Unterstützen sie Arafat als Führer der Palästinenser?“ beantworteten 94 Prozent mit Ja und nur 3,5 Prozent mit Nein.

Die Frage „Befürworten sie einen palästinensisch-jordanischen Dialog?" beantworteten 70 Prozent mit Ja und 30 Prozent mit Nein.

Die Frage „Sind sie für Kontakte mit dem israelischen .Friedens- lager’?“ beantworteten 58 Prozent mit Ja und 42 mit Nein.

Durch den israelischen Feldzug und den PLO-Aufstand wurde Yasser Arafat erheblich geschwächt. Der zaghafte König Hussein von Jordanien hofft immer noch, daß Arafat den abgebrochenen Dialog mit ihm wieder aufnimmt und eventuell sogar den Reagan-Plan akzeptiert. Sollte es soweit kommen, so kann Arafat sich auch auf die Unterstützung der Einwohner der Westbank und des Gaza-Streifens — immerhin 1,2 Millionen — verlassen. Sollte er aber versuchen, zum Terrorismus zurückzukehren, so wird der Anhang in den von Israel besetzten Gebieten sich gewiß schmälern.

Die PLO-Aufständischen hingegen gelten bei den Palästinensern der besetzten Gebiete als Syrien-hörig und werden hier deswegen nicht akzeptiert.

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