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Teuer, unnütz und umweltzerstörend

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Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) wollen die Semmering-Bahn durch einen sogenannten Basistunnel (SBT) ersetzen. Sie führen hierfür Argumente an, die jedoch bei näherer Betrachtung unhaltbar sind.

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Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) wollen die Semmering-Bahn durch einen sogenannten Basistunnel (SBT) ersetzen. Sie führen hierfür Argumente an, die jedoch bei näherer Betrachtung unhaltbar sind.

□ „Der Semmering ist der Flaschenhals Europas."

Im Vergleich zu den Vor- und Nachlaufstrecken Wien - Gloggnitz und Mürzzuschlag - Graz ist die Semmering-Bahn bei weitem nicht ausgelastet. Im Gegenteil - auf der Ghega-Strecke sind Kapazitätserhöhungen sehr wohl noch möglich. Außerdem gibt es auf der bestehenden Semmering-Bahn fünf mehrgleisige Überholbahnhöfe. Im Tunnel hingegen könnte ein Zug höchstens am Gegengleis überholen, sofern kein anderer entgegenkommt. Demzufolge würde sich gerade der „Basis"tunnel zum Engpaß der Südbahn entwickeln, müßten doch Züge verschiedener Geschwindigkeiten (Eilzüge, Viehtransporte...) durch dieses Nadelöhr geschleust werden.

□ „Der Semmering-Basistunnel trägt zum Energiesparen bei."

Schon allein das Wort„Basis"tunnel ist irreführend, da ein solcher eine Maximalsteigung von vier bis fünf Promille hat. Der 22 Kilometer lange SBT hingegen würde jedoch aufgrund der Höhendifferenz Gloggnitz (435)

- Mürzzuschlag (681) eine durchschnittliche Steigung von mehr als elf Promille aufweisen (vergleiche Semmering-Bahn: 16 bis 17 Promille). Infolgedessen und aufgrund des Luftwiderstandes im Tunnel - der Zug schiebt einen Luftpolster vor sich her

- müßten Loks selbst beim Bergab-

fahren bei Geschwindigkeiten ab etwa 100 Stundenkilometer Energie aufwenden! Dadurch kommt die seitens der ÖBB propagierte Energieeinsparung praktisch nicht zum Tragen.

□ „Der Basistunnel verkürzt die Fahrzeit um 20 bis 30 Minuten."

Im Güterverkehr fällt diese kleine Zeitersparnis angesichts der weitaus längeren Stehzeiten in Knoten- und Verschubbahnhöfen überhaupt nicht ins Gewicht. Im Personenverkehr ist nicht die Netto-, sondern die Bruttofahrzeit (reine Fahrzeit plus Umsteigen plus Warten auf den nächsten Anschluß) ausschlaggebend. Die Fahrzeitverkürzung bringt daher nur Direktreisenden bescheidene Fahrzeitverkürzungen. Weitaus mehr Zeitersparnis ließe sich durch Verkürzung der Umsteigezeiten und bessere Abstimmung der Fahrpläne (insbesondere mit den Post-Bussen) erzielen.

□ „Die Semmering-Bahn ist nicht für die .Rollende Landstraße' geeignet."

Dieses Argument ist zwar richtig, doch verliert selbst dieses Manko an Bedeutung, ist doch diese Art des Gütertransportes eine der unökonomischsten, von der man deshalb zukünftig auch Abstand nehmen wird. Denn bei der „Rollenden Landstraße" wird gemeinsam mit dem Sattelanhänger eine während der Zugfahrt vollkommen nutzlose Zugmaschine umhergekarrt, die einerseits schwer ist und das Zuggewicht unnötig erhöht und andererseits Platz einnimmt, der für andere zu transportierende Güter genutzt werden könnte. Möchte man dennoch die „Rollende Landstraße" über den Semmering führen, müßten mit verhältnismäßig geringem Aufwand einige Tunnels erweitert werden - ähnlich wie es am Brenner und am Arlberg bereits geschehen ist. Die Kosten hierfür werden mit rund einem Zehntel jener des „Basis"tunnels beziffert.

□ „Die Ghega-Bahn wird für den Regionalverkehr und den sanften Tourismus erhalten bleiben."

Diese Behauptung darf schon aus finanzieller Sicht angezweifelt werden. Die ÖBB werden kaum eine parallel führende, für sie uninteressante Strecke weiterbetreiben, legen sie doch jetzt bereits Nebenbahnen still, die zwar im öffentlichen Interesse stehen, aber keinen Profit abwerfen. Darüber hinaus existiert nur zwischen dem Bund und dem Land Niederösterreich ein Übereinkommen zur Erhaltung der Ghega-Bahn - nicht jedoch zwischen dem Bund und dem Land Steiermark, dessen Landeshauptmann sich vehement für den Tunnel in die Bresche wirft. Die Sem-mering-Bahn erstreckt sich aber auch auf steirisches Gebiet.

□ „Tunnel ist Umweltschutz"

Den SBT aus Umweltschutz-Gründen errichten zu wollen, entbehrt jeder Grundlage und zeigt einmal mehr, wie Großbauprojekte unter dem grünen Deckmäntelchen der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden sollen. Das Argument, mit dem SBT die Bevölkerung vom Bahnlärm entlasten zu wollen, kann wohl nicht ganz ernst gemeint sein. Andernfalls müßten sämtliche Bahnstrecken in Österreich in Tunnels geführt werden.

Die so oft ins Spiel gebrachte Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene zur Verringerung der Abgasemissionen wird nicht umgesetzt werden können, solange dem Straßenverkehr nicht die wahren

Kosten (Bau und Erhaltung, Umweltschäden...) angerechnet werden und ein Parallel-Ausbau der Straße erfolgt. Prägnantestes Beispiel hierfür ist ohnedies der Semmering, durch den nun auch drei Schnellstraßentunnels für eine durchgehende S6 gebohrt werden sollen. (Auch hier ist das Wort „Schnellstraße" irreführend; die Bezeichnung „Autobahn" wäre treffender).

□ „Die Region braucht den Basistunnel."

Die Luftkurorte Semmering, Pay-erbach und Reichenau erlebten um die Jahrhundertwende aufgrund des angenehmen Heilklimas und der Erschließung der Bergwelt um Rax, Schneeberg und Semmering durch die Ghega-Bahn eine Hochblüte. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ging der Fremdenverkehr drastisch zurück, der erst jetzt wiederum einen allmählichen Aufschwung in Form des „Sanften Tourismus" erfährt. Sollte der SBT tatsächlich errichtet werden, wäre die Region über Jahre hindurch eine einzige Großbaustelle und der Fremdenverkehr würde erneut zusammenbrechen.

Darüber hinaus würde der Bau des SBTs die Quellen der Schwarzatal-Semmering-Region gefährden. Nach Plänen der Betreibergesellschaft soll im Falle einer Beeinträchtigung des natürlichen Wasserhaushaltes die Bevölkerung gerade jener Region mit Ersatzwasser (!) versorgt werden, aus der auch das Wasser der Ersten Wiener Hochquellenleitung stammt.

Verkehrsminister Klima läßt nun die Wirtschaftlichkeit des SBT-Pro-jektes nochmals prüfen. Zusätzlich hat er die ÖBB beauftragt festzustellen, ob nicht doch die Semmering-Bahn für die „Rollende Landstraße" adaptiert werden kann.

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