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Teurer, aber nicht wirkungsvoller

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Wohin wird sich die Medizin entwickeln? Mehr und aufwendigere Technik wird voraussichtlich den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung kaum verbessern.

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Wohin wird sich die Medizin entwickeln? Mehr und aufwendigere Technik wird voraussichtlich den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung kaum verbessern.

Grob betrachtet, ist folgendes zu erwarten: Die letzten Jahrzehnte haben eine ungeheure Verbesserung des Lebensstandards in den westlichen Ländern gebracht. Diese Entwicklung hat wesentlichen Anteil an der hohen Lebenserwartung in unserem Bereich. Es ist zu erwarten, daß auch in Zukunft keine wesentliche Änderung dieser Tatsache eintreten wird.

Die Zahl der Ärzte wird in unseren Gegenden weiter zunehmen und entsprechend der gesamten Bevölkerungsentwicklung irgendwann in den nächsten Jahrzehnten stagnieren. Interessanterweise haben diese Zahlenveränderungen keinen Einfluß auf

die Gesundheit der Bevölkerung und werden es wohl auch in Zukunft nicht bekommen.

Die Entwicklung der modernen Medizin hat hinsichtlich der Beeinflußbarkeit der Gesamtgesundheit der Bevölkerung in der westlichen Welt eine Sättigung erreicht. Alle neueren diagnostischen und therapeutischen Entwicklungen werden nur in geringem Maße bzw. in Einzelfällen Nutzen bringen und sich in der großen Statistik wenig auswirken — vorausgesetzt, daß der Lebensstandard erhalten bleibt.

Die weitere Miniaturisierung von elektronischen Gerätesteuerungen und Datenspeichern wird zweifellos auf die medizinische Diagnostik und auch auf die therapeutischen Anwendungen Einfluß haben. Die positiven Effekte dieser Entwicklungen werden folgende Gebiete betreffen: Langzeitdiagnostik, Risikobestimmung, therapeutische Einheiten, wie etwa Herz- und Muskelschrittmacher, die selbsttätig ihre Energie etwa durch Ausnutzung von Muskelbewegungen erneuern können.

In die gleiche Reihe gehören Nervstimulatoren, die auch als Teilersatz für defekte Sinnesorgane eingesetzt werden können. Ferner sind hier einpflanzbare und steuerbare Pumpen zur Verabreichung von Hormonen und Medikamenten zu erwähnen, sowie verschiedene künstliche Organe. Eine wichtige Rolle werden zweifellos auch neue biochemische und mikrobiologische Methoden spielen.

Bei all diesen Entwicklungen stehen als eine gewisse und manchmal große Gefahr die Interessen der biomedizinischen Industrie im Vordergrund. Jedes Gerät und jede Methode, die verspricht, durch Verkauf Profit zu bringen, wird mit ebenso großer Reklame vertrieben werden, wie dies schon bei neuen Pharmaka üblich ist.

Ich bin hinsichtlich der Redlichkeit und Offenheit von Firmen bei der Entwicklung und Testung so mancher Pharmaka und Geräte sehr skeptisch. Mit zunehmender Konkurrenz muß es hier mehr und mehr zu Schwierigkeiten kommen, weil im Zuge der Verteidigung von Profit und Einflußsphäre Maßnahmen getroffen werden, die mit medizinischer Ethik nicht mehr im Einklang stehen.

Eine Schwierigkeit anderer Natur rührt von der zunehmenden Zentralisierung der Spezialme-thoden her. Österreich ist vermutlich eines der wenigen Länder vergleichbarer Einwohnerzahl, das sich in mehreren Zentren Herztransplantationen leisten kann. Im allgemeinen ist zu erwarten, daß derartige hochspezia-

lisierte Eingriffe nur in Zentren stattfinden können, die einerseits durch große Erfahrung höchste Qualität garantieren, andererseits wegen ihrer Zentralisierung keine äußere Kontrolle mehr zulassen können.

In manchen Fällen wird es überhaupt nicht mehr möglich sein, über Sinn oder Unsinn eines Eingriffes (nicht nur am Einzelpatienten, sondern generell) zu urteilen. Die am höchsten spezialisierten Fachleute werden ihre eigenen Kontrollore und Richter sein. Beispiele, die in diese Richtung weisen, sind aus den Diskussionen über die Bypass-Operati-on (sie sollen die Umgehung verstopfter Gefäße ermöglichen) zu ersehen. Uber ihre Indikation besteht noch immer keine allgemeine Ubereinstimmung. Immerhin ist man nach langjährigen Diskussionen zu dem Schluß gekommen, daß im Durchschnitt die konservative Therapie mindestens ebenso gut wie der chirurgische Eingriff ist.

Ein anderes Beispiel betrifft den noch immer diskutierten Nutzeffekt der sehr breiten Anwendung der Computertomographie.

Hier schließen sich nunmehr noch aufwendigere Methoden an, die zweifellos alle zu jenen modernen Wunderwerken gehören, über deren technische Faszination überhaupt keine Frage besteht. Fraglich ist allerdings der Effekt auf die Gesundheit der Bevölkerung und das Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Ebenso gefährlich wie die grundsätzliche Schwierigkeit der Bewertung kann der Einfluß des persönlichen Ehrgeizes von Ärzten und Wissenschaftlern sein. Viele neue Methoden werden hauptsächlich aus diesem Grund eingeführt und werden dann erst nach längerer Laufzeit als wenig oder gar nicht effektiv erkannt. Dies ist ja schon bisher in einigen Fällen geschehen.

Für die Gesundheit der großen

Bevölkerungsmasse werden alle diese Möglichkeiten wenig Rolle spielen.

Die Zukunft wird mehr und mehr durch Paradoxa gekennzeichnet sein. Die Menschen beginnen die von der Medizin gebotene Möglichkeit, ein hohes Alter zu erreichen, zu fürchten, weil der gewonnene, Lebensabschnitt Sinnlosigkeit bedeutet.

Die durch Befruchtung außerhalb des Körpers ermöglichten Eingriffe stehen im paradoxen Gegensatz zu den gleichzeitig durchgeführten Tötungen. Die anscheinenden Segnungen einer optimistischen Chemie werden durch Langzeit-Verschmutzungseffekte der Umwelt zum Fluch.

Die Fähigkeit der Technik, von der Gen-Manipulation angefangen bis zur Entwicklung künstlicher Organe, sind noch so sehr in den Anfangsstadien, daß auch die angerichtete Verwirrung in den kommenden Jahrzehnten kaum geringer, sondern nur noch größer werden kann.

Demnach wird sich die Medizin der nahen Zukunft von der heutigen in folgendem nicht unterscheiden: Es hat immer gute und schlechte Ärzte gegeben — solche, die dem Patienten Helfer und Partner sind, und solche, die an die unbeschränkte Machbarkeit glauben.

Der Autor ist Professor für Physiologie an der Universität Graz.

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