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„Theater im offenen Kreis”

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Die Nachwelt flicht dem Mimen angeblich keine Kränze (dafür schaut sie sich seine Filme an). Für den Amateurmimen aber hat nicht einmal die Gegenwart Blumen übrig. Die Medienberichterstattung geht achtlos über ihn hinweg. Dabei ist die Leistung eines Liebhaberensembles, gemessen an den finanziellen und personellen Möglichkeiten, oft höher zu bewerten als die einer Berufsbühne. Die in Wien in der Volkshochschule Hietzing gerade beginnende Veranstaltung „Brennpunkt Theater” stellt einige der wichtigsten Wiener Spielgruppen vor.

Diesen Samstag steht Jean Paul Sartres Drama „Bei geschlossenen Türen” auf dem Programm. Keine leichte Aufgabe für Schauspieler und Publikum, aber dem „Theater im offenen Kreis” durchaus zuzutrauen. Konrad Perdula, Ingenieur in Postdiensten, Hauptdarsteller und Leiter des Ensembles, erinnert sich an schöne Erfolge dieser Inszenierung und hofft, daß die Zuschauer nicht ausbleiben werden, denn das „Stammpublikum” kennt die Produktion ja schon.

„Der offene Kreis” ist eine Kulturgemeinschaft, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg junge Leute zwanglos zur Beschäftigung mit Literatur, Musik, bildender und darstellender Kunst zusammenfanden. Bald wurde auch Theater gespielt, etwa „Armut” von Anton Wildgans in Anwesenheit der mit der Inszenierung sehr zufriedenen Witwe des Dichters. Eine kontinuierliche Spieltätigkeit als „Theater im offenen Kreis” begann erst vor etwa fünf Jahren mit den „Gerechten” von Albert Camus. Wenig später übernahm Konrad Perdula die Leitung des Ensembles, das zwei bis drei Inszenierungen pro Jahr herausbringt.

Wie der Name andeutet, steht die Gruppe jedem offen, unabhängig von Alter, Konfession und Parteizugehörigkeit Unter den Mitgliedern sind viele Beamte und Haus frauen. Man sucht ständig neue Kräfte, die sich an den Gruppenleiter wenden können (1160 Wien, Baumeisterg. 12/2/1). Der Spielplan umfaßt wertvolle neuere Literatur, aber auch Boulevardstücke. Perdula erwähnt Wildes „Bunbury”, Wilders „Unsere kleine Stadt”, Priestleys „Ein Inspektor kommt” sowie „Und das am Montagmorgen” (letzteres in eigener Übersetzung). Und eine Multimedia-Doku- mentation über Franz Werfel. Für den Herbst ist „Das Boot ohne Fischer” von dem Spanier Alejandro Casona geplant.

Hauptspielort ist seit zwei Jahren die Volkshochschule Hietzing, gelegentlich wird auch an anderen Orten gespielt, meist Volkshochschulen. Die Proben, im Anfangsstadium einer Produktion zwei, später drei vis vier pro Woche, finden im ersten Bezirk in einem Raum des Volksbüdungswerkes statt, die Kulissen lagern in Simmering. Meist kommt es nur zu zwei bis drei Aufführungen vor insgesamt bis zu fünfhundert Zuschauern.

Das Spielen ist für alle Hobby. Es schaut keine „Gage” heraus, es wird nur Zeit und auch Geld investiert. Die Einnahmen reichen aus, „um die Gruppe über Wasser zu halten”, wie es Perdula formuliert, nämlich um die nächste Inszenie- rüng vorzufinanzieren. Gelegentlich wird ein publikumswirksames Kriminalstück in den Spielplan aufgenommen, um die Finanzen aufzubessern. Die grundsätzliche Erwägung ist, billig zu arbeiten, daher werden Stücke, die nur eine Dekoration und wenige Personen verlangen, bevorzugt. Die Wahl neuerer Stücke ist zwar mit der Zahlung von Tantiemen verbunden, dafür erspart man sich historische Kostüme oder Requisiten. In Zukunft sollen aber auch Werke älterer Autoren im Spielplan der Gruppe aufscheinen.

Was motiviert zu einer derartigen Tätigkeit? Vor allem wohl das Erarbeiten einer Rolle, das Auseinan- dersetzen mit wertvoller Literatur, so der Leiter der Truppe. Natürlich genießt der Amateurschauspieler auch den Applaus des Publikums. Wer aber nur diesen Applaus hört und deshalb selbst spielen will, merkt spätestens bei der dritten Probe, daß auch Amateurtheater harte Arbeit ist.

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