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Todesmäische ‘45

Ein dünnes Büchlein erinnert an Ereignisse, die im Schatten so unfaßbarer Verbrechen wie der in Auschwitz begangenen verschwunden schienen und von der Forschung nie adäquat aufgearbeitet wurden. Die Todesmärsche in Österreich bei

Kriegsende stellen das tragischeste Ünterkapitel im Buch der Endphasenverbrechen dar.

In den letzten Kriegswochen wurden Zehntausende, meist Juden, durch Österreich getrieben, oft mit dem ausgesprochenen Befehl an die Wachmannschaften, mit möglichst wenigen anzukommen. In dieser Phase der Nazizeit lebte sich die Bestialität in aller Öffentlichkeit aus. Österreicher aller Schichten sahen, was geschah. Es ist erstaunlich, wie das so leicht aus dem Gedächtnis gestrichen werden konnte.

Das erwähnte Büchlein stammt vom Zeugen eines Marsches, der nach dem Krieg von einem briti schen Militärgericht mit mehreren Todesurteilen gesühnt wurde. Der „Prebichl-Prozeß“ war öffentlich, wurde fair geführt, die Urteile waren gerecht Benedikt Friedman, Haifa, lebte 1044/45 in der Nähe von Graz, ein als polnischer Zwangsarbeiter getarnter Jude. Er war nach dem Krieg an den Ermittlungen beteiligt. Er schreibt

„Aufgewühlt und gespannt hatte sich eine Menschenmenge längs der Straße, durch die die Juden getrieben werden sollten, versammelt Auch wir, die Zwangsarbeiter standen da und warteten. Ein alter Mann, dessen Hals ein mächtiger Kropf zierte, wiegte bedächtig den Kopf und meinte, es sei ihm schleierhaft, wieso es überhaupt noch Juden gebe. Jemand vermutete, es würden wohl gar keine Juden sein, sondern vielleichtjugoslawische Partisanen oder andere Banditen.

Dann kamen sie. Todmüde, verschmutzt, in zerrissene Lumpen gehüllt, die AugenzuBodengesenkt, wankten sie vorbei. Sie konnten die zerschundenen und blutenden Füße kaum mehr vom Asphalt heben. Bei ihrem Anblick gerann einem unwillkürlich das Blut in den Adern. Der grausige Zug hatte nichts Menschliches mehr an sich, es war ein Zug von Gespenstern, Nachtmahren am hellichten Tag, ein Zug lebender Leichen, der da an unseren entsetzten Augen vorüberzog. Wie einem Massengrab entstiegen, mit Gewehrkolbenhieben in ein anderes Massengrab getrieben. Die Menge schwieg. Eine unheimliche Stille überzog die Landschaft, nur unterbrochen von den schlurfenden Schritten und dem vereinzelten ‘Weiterl -, Vorwärts 1 ‘-Brüllen der Wachmannschaft… “

Er möge einen der Juden hauen, ruft der Mann mit Kropf einem Zwangsarbeiter im Spalier zu. Der „Iwan“ zögert. Ein kleiner Steirerbub handelt für ihn;

„Der muntere, rotbäckige Kleine, dem ein Steirerhütchen keck auf dem Kopf saß, hob einen Stein vom Straßenrand auf und warf ihn, mit dem kleinen Arm weit ausholend, auf den armseligen Gespensterzug. ‘Bravo, Franzi!’, kreischte der Alte begeistert Die Umstehenden bra-

eben, erleichtert, wieder in Gelächter aus.“ („Iwan hau die Juden“ von Benedikt Friedman. „Augenzeugen berichten“, Heft 1, Institut für Geschichte der Juden in Österreich,St Pölten, und österreichisches Literaturforum .Wien. Redaktion: Günther Burczik. 68 Seiten.)

Der Marsch war einer von vielen.

1944 wurde der Bau des „Südostwalls“ mit Zehntausenden Zwangs- arbeitem in Angriff genommen, meist ungarischen Juden. Als sich die Rote Armee näherte, wurden sie nach Westen getrieben. Ende März

1945 wurde das Zwangsarbeiterlager Engerau aufgelöst. 460 „nicht Marschfähige“ wurden gleich erschossen, erstochen oder erschla gen, 1.600 Überlebende marschierten nach Deutsch-Altenburg, begleitet von 30 SA-Männern und 70 „Politischen Leitern“. Die Juden seien gepurzelt wie die-Hasen, sagte ein SA-Mann später. 102 Leichen lagen am nächsten Tag an den Straßen und mitten in Ortschaften. Wieviele Juden den Schiffstransport nach Mauthausen überlebten, weiß man nicht, ein Teil wurde von SS- Männern gleich in die Donau gestoßen.

Bei Güns wurden vor Kriegsende 80 Juden, die sich kaum aufrecht halten konnten, in Deutsch-S chüt- zen 60 erschossen, hier leisteten Hitlerjungen Abspendienste und verscharrten die Leichen.

Auch beim Transport rumänischer Kriegsgefangeneraus der Ottakringer Lorenz-Mandl-Schule nach Braunau in den ersten Apriltagen wurden 36 Kranke vor dem Aufbruch ermordet. In Stockerau fehlten bereits 150, nach Braunau kam nur jeder zweite.

Das der Wiener Gestapo unterstehende „Arbeitserziehungslager“ Oberlanzendorf war eine Hölle besonderer Art. Am Ostersonntag wurden 400 Überlebende nach Mauthausen „in Marsch gesetzt“. Halbverhungerte zogen Wagen mit dem Gepäck der SS, der Kommandant folgte mit Freundin per Kutsche, 50 Häftlinge wurden „umgelegt“. Die Leichen blieben in Heuschobern und auf den Straßen liegen. In Mauthausen empfing der Kommandant die Kollegen mit der Frage, warum sie nicht alle umgelegt hätten. Als ein Gefangener später einen Posten fragte, wo Beine Kameraden seien, sagte der lachend: „Die rauchen schon beim Kami" heraus!“

In der Strafanstalt Stein ließ ein Fanatiker 200 Gefangene, deren Entlassung angeordnet war, niedermähen und den Direktor hinrichten. Freigelassene wurden von Hitlerjungen und SA-Leuten eingefangen, in Hadersdorf am Kamp 61 von SS auf den Friedhof eskortiert, wo sie ihre Gräber schaufeln mußten.

In der Engelmühle bei Felixdorf wurden im Februar 2.000 Juden bei Minusgraden ohne Decken auf dem nackten Boden „einquartiert“, 70 gleich bei der Ankunft erschlagen, den Rest ließ man an Typhus und Ruhr verrecken.

Bei Lunz wurden am 13. April 76 Juden, zwei Tage später in Randegg 100, meist Frauen und Kinder, ermordet. In Lunz wurden sie in ‘ eine Baracke getrieben, SS legte Feuer an den hölzernen Bau und warf Sprengladungen in den Scheiterhaufen. In Randegg lagerten die Menschen auf dem Marktp latz. Man trieb sie aus dem Ort, ließ sie für ihre eigene Verbrennung Reisig sammeln und eng nebeneinander niedersetzen. Dann knatterten Maschinengewehre.

Nachher fuhr das Kommando zum Essen nach Wieselburg. „Hat es Ihnen nicht den Appetit verschlagen?" fragte der Vorsitzende einen angeklagten Mittäter. „Nein“, antwortete er, „ichhabe das Ganze nicht an mich herankommen lassen.“

Abertausende hielten es so. Sie ließen es nicht an sich herankommen.

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