6893746-1980_03_09.jpg
Digital In Arbeit

Toleranz, Ratlosigkeit oder Schlamperei?

Das „österreichische Wörterbuch", 1951 vorwiegend für den Schulgebrauch geschaffen, seither in zweieinhalb Millionen Exemplaren verbreitet, erlebte mit seiner 35. Auflage eine völlig neue Bearbeitung und wesentliche Erweiterung. Der österreichische Bundesverlag verband die Präsentation mit einer Diskussion, zu der auch ausländische Fachleute für deutßche Sprache eingeladen worden waren. Außer dem Wiener Ordinarius Wolfgang Dressler waren die Professoren Günter Feudel (Ost-Berlin), Johann Knobloch (Bonn) und Louis Wiesmann (Basel) dabei. Ferner die Mitherausgeber Erich Benedikt, Maria Hornung und Ernst Pacolt. Sektionschef Leo .Leitner vom Ministerium für Unterricht und Kunst leitete die Diskussion mit einer bemerkenswerten Kombination von Straffheit und Toleranz und mit einer Objektivität, die eigene Gedanken nicht ausschloß. Eigene Gedanken machte sich allerdings auch der Zuhörer, nachdem er die Experten vom Podium und etliche fast durchwegs kompetente Diskutanten aus dem Publikum gehört hatte.

Die ausländischen Teilnehmer beschränkten sich, wie man es von Gästen erwartet, in der Hauptsache auf Lob. Vielleicht wollten sie auch auf Grund erster Eindrücke noch nicht endgültig urteilen. Gelobt wurde mit Recht der Mut, den Wortschatz auf österreichische Art zu ergänzen. Eine Sprache soll und muß sich bereichern aus Mundart und Umgangssprache, österreichische Eigenart, und stamme sie auch noch aus der barockenjyjkanischen Amtssprache,

soll bewahrt werden. Die Schleuse soll man auch mitjß schreiben dürfen. Das ist der Herkunft des Wortes von schleußen, schließen sogar näher. Niemand will aus Küche und Speisekarte die Paradeiser, Fisolen und den Karfiol verbannen. Beiried, Quargel und Powidl sollen auch weiter schmecken. Die „deutsche" Form steht dann mit Sternchen daneben. Aber nicht konsequent: die Tomate (wenngleich weithin eingebürgert) trägt den Stern, die Heidelbeere nicht.

Ins Lob des DDR-Professors Feudel mischte sich schon ein Tadel, der zwar milde vorgetragen, aber im Grund vernichtend war: Warum, fragte er, sind Ausdrücke wie „flöten gehen" oder „blechen" als „mundartlich" bezeichnet, wo sie doch im ganzen deutschen Sprachraum geläufig sind? Es stellt sich heraus, daß der Begriff „Umgangssprache", den frühere Auflagen des österreichischen Wörterbuches kannten, nun ausgemerzt ist. Die psychologisch-ideologischen Motive, die dazu führten, mögen andere analysieren. Froh wurden die Bearbeiter damit nicht. Daß das Lehnwort „Chuzpe" als „landschaftlich" qualifiziert wird, ist eine böse Vereinfachung, für die sich die Herausgeber aber im Vorwort quasi entschuldigen. Der eigentliche Einwand muß sich aber gegen die allzu große Toleranz richten.

Die Bearbeiter haben hier einerseits einen wissenschaftlichen Ehrgeiz entwickelt, der durch die Zweckbestimmung des Buches nicht gerechtfertigt ist. Sie sind offenbar einer totalen Bestandsaufnahme des österreichischen Wortschatzes nachgelaufen. Dabei haben sie aber einen ausgesprochen zentralistischen Standpunkt eingenommen. Während sie in Wien bis in die Gossensprache hinabgestiegen sind, fehlen zahlreiche regionale Eigenarten aus den Bundesländern. Vollständigkeitsstreben geht einher mit dem falsch verstandenen Bemühen, es den Schülern leichter zu machen.

Schon der Duden läßt den Ratsuchenden allzu oft mit einem „sowohl - als auch" im Stich. Hier wird das zum Prinzip erhoben. Wenn man schon Ausdrücke aus den tieferen

Schichten der Volkssprache holt und sanktioniert, muß man sie auch orthographisch eindeutig fixieren. Wenn der Binkel sich auch Pinkel schreiben kann, die Budel auch Pudel (wobei ja schon die Bedeutung nicht mehr eindeutig ist), wenn man also phonetische Unscharfen der Umgangssprache gleich auch orthographisch sanktioniert, dann könnte man mit dem selben Recht auch Mühe/Miehe oder berühmt/beriehmt zulassen.

Es besteht ja in der österreichischen, speziell der Wiener Umgangssprache die Neigung, verschiedene Bedeutungen desselben Wortes möglichst zu verwischen. Das noch ziemlich neue Lehnwort „Service" für Kundendienst wurde im Bundesdeutschen mit dem männlichen Artikel versehen, um es von dem ebenso geschriebenen französischen Wort „Service" (Tafelgeschirr) zu unterscheiden. In Österreich entschied man sich für „das". Das heißt, man entschied sich nicht, sondern man blieb beim „eh" gebräuchlichen „das". So wie man auch vom Wort „die Kunde" (Nachricht) ungern auf „der Kunde" (ständiger Käufer eines Kaufmanns) umschaltet und lieber in beiden Fällen „die Kunde" sagt. Das war allerdings bisher in Wien unter Gebildeten nicht üblich. Seit der 35. ÖW-Auflage darf man „die Kunde" sagen und schreiben.

Damit sind wir beim springenden pädagogischen Punkt. „Wann erfährt denn das Kind, daß es nicht ,das Monat', sondern ,der Monat' heißt?" fragte Prof. Dressler in der Diskus-19s*5>ns<AW*' 4<m Wöstrbwch'>fean es bei genauem Hinsehen eine Reihung •lofskennem Djie,yerantwQnÜicheüvhät-ten lieber, wenn man „der Monat" sagte. Aber verboten ist „das Monat" so wenig wie „der Radio" (merkwürdigerweise heißt es aber - noch - eindeutig „die Zwiebel"). Vielleicht faßt sich der Lehrer in einer höheren Klasse ein Herz und klärt die Kinder auf. Sonst werden sie nach Absolvierung der Schulpflicht als ungebildet eingestuft, falls sie nicht aus dem Elternhaus das Richtige mitbringen. So sind wieder einmal die Schwächeren benachteiligt: die pädagogisch-kulturpolitisch sonst so umworbenen „Grundschichten-Kinder".

Sprachliche Unsicherheit hat der Österreicher zwischen Einflüssen aus den anderssprachigen Ländern der alten Monarchie, „reichsdeut-schen" Einwirkungen, mundartlicher Uberlieferung und Schulwissen ohnehin reichlich entwickelt. Sie "wird verstärkt durch die politischen Veränderungen in diesem Jahrzehnt und eine angeborene Bequemlichkeit. Hier helfen nur klare Regeln, durch deren Übertretung ja niemand kriminalisiert wird. Eine lebendige Sprache darf sich über Regeln hinwegsetzen, aber dazu muß es sie erst einmal geben.

Es ist erfreulich, daß Fragen der Sprache in Österreich noch so viel Aufregung verursachen können, wie man es anläßlich der Wörterbuch-Diskussion wieder einmal feststellen konnte. Zwar war jene Bundesländer-Zeitung, die dem Thema immerhin zweieinhalb Druckseiten widmete, nicht typisch für die Medien. Aber man konnte zufrieden sein. So ganz egal ist es ja nicht, wie man spricht. In der sprachlichen Unscharfe drückt sich meist auch Mangel an gedanklicher Klarheit aus, jener Meinung, daß es ja „eh wurscht" sei. Schon Gustav Mahler wußte, daß in Österreich eine Neigung besteht, Schlampereien, wenn sie schon eine Zeitlang mitgeschleppt worden sind, zur Tradition zu veredeln. Nichts gegen österreichische Eigenart in der Sprache, aber alles gegen die geistige Trägheit, durch die eine Sprache nicht bereichert, sondern verwischt und verschmuddelt, letzten Endes versimpelt wird.

Es ist auch nicht einzusehen, warum man in der Silbentrennung der Unbildung Vorschub leisten muß, warum also Inter/esse jetzt auch Inte/resse getrennt werden darf. Wer mit Fremdwörtern nicht umgehen kann, soll einen passenden deutschen Ausdruck wählen. Und nicht etwa, wie manche Redner heutzutage, für das Wort „optimal" einen Superlativ zu bilden versuchen.

So wie der Grundschichten-Schüler nicht weiß, welche der vielen Möglichkeiten, die das Toleranz-Wörterbuch läßt, die „gebildete" oder die nur in Österreich mögliche ist (die trotzige Rechtfertigung eines Mit-

herausgebers, die Kinder lernten das schon durchs Fernsehen, ist doch etwas zu ärmlich) - so bleibt auch der fremdsprachige Ausländer, der vielleicht in Österreich deutsch lernen möchte, mit seinen Zweifeln allein.

Es war bemerkenswert, daß den Herausgebern mit überwiegend pädagogischer Herkunft und ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz die Univer-sitäts-Sprachwissenschafter mit dem pädagogischen Ruf nach mehr Regeln für die Schüler entgegentraten. Verkehrte Fronten? Vielleicht wissen die Universitätslehrer, was bei allzu viel Toleranz in der Schule herauskommt. Wenn man die Entwicklung, die sich hier abzeichnet, zu Ende denkt, fällt einem jenes „Erzherzog-Spiel" ein, das Alfred Polgar erfunden und Friedrich Torberg in der „Tante Jolesch" überliefert hat: Der junge Erzherzog muß jede Prüfung in der Schule bestehen. Die Kunst des Lehrers ist es, nicht nur leichte Fragen zu formulieren, sondern die falschen Antworten auch so zu interpretieren, daß sie noch als richtig durchgehen können. Aber wir wollen doch keine Erzherzöge mehr heranbilden, oder?

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau