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Traum oder Trauma?

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Wien ist Brücke zwischen Ost und West, aber auch Anlegestelle. Österreichs Hauptstadt muß sich auf Zuwanderer einrichten: Die Grenzen im Osten werden durchlässiger.

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Wien ist Brücke zwischen Ost und West, aber auch Anlegestelle. Österreichs Hauptstadt muß sich auf Zuwanderer einrichten: Die Grenzen im Osten werden durchlässiger.

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Gemeinsam mit Budapest will Wien 1995 anläßlich einer Weltausstellung „Brücken in die Zukunft“ schlagen.

Grund genug, sich heute schon Gedanken zu machen über die Zukunft unserer Stadt, die sich in verstärktem Maße wieder als mitteleuropäische Metropole fühlt.

Als Brückenkopf auch am heutigen Rande der sogenannten „westlichen Welt“. Odertrifft diese Brük-kenmetapher gar nicht so recht zu?

Der Budapester Historiker Peter Hanak meint etwa in seinem Beitrag zu einem Buch mit dem eingangs auf Wien adaptierten Titel „Mitteleuropa - Traum oder Trauma?“ zu diesenBrückenfunktionen: „Mitteleuropa ist... keine Steinbrücke, sondern eine Fähre zwisehen zwei relativ stabilen Ufern Europas.“

Die aktuelle Entwicklung freilich läßt die Stabilität wenigstens eines Ufers in einem neuen Licht erscheinen: Die Beseitigung des Eisernen Vorhanges nicht nur im handgreiflichen Sinn schließt die Möglichkeit von Wanderungsbewegungen wie am Ende des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr aus. Die Fähre könnte zum hochfrequentierten Shuttle werden.

Wien als „Anlegestelle“ muß sich daher auf regen Verkehr gefaßt machen. Die Öffnung unserer Grenzen zum Osten könnte nun massiven Druck auf eine bessere Zusammenarbeit in der Region ausüben. Große Projekte und Ideen erfordern freilich auch eine handfeste infrastrukturelle Vorbereitung.

Es wird darum gehen, stärker als bisher etwa Grünräume zu sichern (siehe Wienerwalddeklaration) und eine geordnete Siedlungsentwicklung entlang der Achsen des öffentlichen Verkehrs zu steuern.

Es wird darum gehen, die Verkehrssysteme besser abzustimmen.

Es wird darum gehen, park & ride-Einrichtungen entlang dieser (möglichst zu verlängernden) Linien entlang der gesamten Linien zu schaffen (und nicht erst am Stadtrand!)

Wien selbst wird wohl nicht nur durch die Öffnung der Grenzen zum Osten, sondern auch im Zuge einer möglichen EG-Annäherung als Investitionsbrennpunkt attraktiver werden.

Haben andere europäische Metropolen ihre Wachstumsgrenzen oft schon erreicht, ist Wien noch Entwicklungsland im positiven Sinne.

Vom Flughafen angefangen, der den täglichen Luftverkehrsstau noch nicht kennt, bis zu einer insgesamt weitestgehend intakten Umwelt kann diese Stadt Attraktion für den Zuzug internationaler Unternehmen werden.

Bevor - wie in anderen Metropolen - die Wege von einem Ende der Stadt zum anderen zum stundenlangen Horrortrip werden, bevorder tägliche Verkehrs infarkt Selbstverständlichkeit wird, muß Wien auf den Ausbau des öff entlichen Verkehrs setzen - und damit auch innerhalb der Stadtgrenzen für eine geordnete Siedlungsentwicklung Vorsorgen.

Wien verfügt bereits über ein leistungsstarkes öffentliches Verkehrsnetz, und es war in der ersten Phase durchaus richtig, dieses nur bis in die peripheren Zentren zu führen -in einer zweiten Phase gilt es aber, diese Linien zu verlängern, da diese Zentren schon heute nicht mehr das Ende der Siedlungsentwicklung darstellen.

Die Öffnung der Grenzen birgt neben den vielen Chancen für Wien die große Gefahr, „Transitland“ der Ostregion zu werden. Eine Gefahr, die es bereits jetzt durch Verbindung der Autobahnverbindtingen außerhalb des Stadtgebietes, insbesondere aber eben durch die Verstärkung des öffentlichen Verkehrs abzufangen gilt.

Wien will also - wieder - Mitteleuropa-Metropole werden. Von diesem Mitteleuropa zu träumen, war bis vor kurzem geradezu verpönt. Jetzt - angesichts der fließenden (gesellschaftlichen) Grenzen - darf wieder laut nachgedacht werden.

Ein Vertreter der jüngeren Generation, die sicherlich nicht von monarchistischen Restaurationsplänen angehaucht ist - der 1949 geborene deutsche Publizist Hans Peter Burmeister schreibt denn auch in dem eingangs zitierten Mitteleuropa-Buch: „Mitteleuropa ist ein Traum, der auch in New York, in Montreal und Sidney, der auch in Paris und London geträumt wird, nicht nur in Wien, Budapest und Prag. Mitteleuropa, das ist ein geistiger Standort, belebt und genährt allerdings auch durch die alltägliche sinnhafte Kultur in diesen Gebieten, in denen vor gar nicht langer Zeit viele kleine Völker zusammenlebten, was hieß: sich haßten (aber auch hebten), sich schlugen (aber auch bewunderten), sich ignorierten (aber auch respektierten).“

Und der ungarische Publizist Mihaly Vajda im gleichen Buch: „Mitteleuropas geistige Einheit lag nicht in seiner Hochkultur... wases darstellte, ist seine Zwischenstellung zwischen dem Osten und dem Westen... eben diese Alltagskultur ist es, worauf sich die Leute gegenseitig erkennen. Daran liegt es, ob man sich irgendwo zu Hause fühlt oder fremd fühlt.“

Was ich damit anschneiden will: Wenn Wien sich einerseits Gäste ruft, wenn es andererseits wieder einen Zustrom an Tagespendlern aus dem Raum Preßburg, (E inkaufs)touristen aus Budapest, vielleicht aber auch Zuwanderen! aus diesen Gebieten erlebt, dann müssen wir uns zweierlei bewußt sein:

Erstens, daß wir eine Vergangenheit als Zuwandererstadt haben, die so viel unserer Attraktivität als Stadt ausmacht, daß wir aber zweitens keineswegs über die heute vorhandene Fremdenfeindlichkeit hinwegsehen dürfen.

Die intensive Beschäftigung mit den heutigen Gastarbeitern und Flüchtlingen muß für uns Vorbereitung sein auf künftige Zuwanderer. Etwa, indem wir auch Arbeitsplätze schaffen, um keine Konkurrenz für die ansässigen Arbeitnehmer zuzulassen. Gesellschaftspolitisch wird es auch notwendig sein, die Zuwanderer nicht zur „Reservearmee“ werden zu lassen, die als Lohodrükker am Arbeitsmarkt eingesetzt wird.

Es gilt nicht nur die Infrastruktur der Stadt darauf einzurichten, sondern Bewußtsein zu schaffen für das, was wir eigentlich in uns tragen sollten aufgrund unseres Erbes, das Verständnis für andere Kulturen. Dieses Erbe - und das ist eine absolut neue Chance - könnten wir heute, mehr als 70 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges -unbelastet von (ehemaligen) inter-nationalen Konflikten, mit Zulmnfts-Optimismus antreten.

Wien, die ..multikulturelle“ Stadt, wie das entsprechende Fremdwort so schön heißt, hat Tradition.

Daraus zu lernen, ist Aufgabe einer Stadt, die sich ihre Internationalitat wieder erringen mußte.

In jeder Hinsicht müssen wir uns aber auf das Szenario 2010 einstellen. Es darf nicht das Jahr sein, „in dem wir Kontakt aufnehmen“ mit etwas Fremdem (wie es eir utopischer Roman so furchterregend schildert).

Wenn wir uns heute vorbereiten in dem Sinn, daß wir nicht nur Umweltmusterstadt, sondern die menschengerechte Musterstadt sein sollen (gerecht auch zu „anderen“ Menschen), dann kann 2010 zum Traum werden und nicht zum Trauma für Wien.

Dr. Hannes Swoboda ist Stadtrat in Wien für Stadtentwicklung und -planung.

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