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Tuberkulose der grünen Lungen

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Sechs Prozent des heimischen Waldbestandes sind im Absterben. Die Schäden gehen in die Milliarden. ÖVP-Politiker verlangen Sofortmaßnahmen zur Rettung der Forste.

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Sechs Prozent des heimischen Waldbestandes sind im Absterben. Die Schäden gehen in die Milliarden. ÖVP-Politiker verlangen Sofortmaßnahmen zur Rettung der Forste.

Städter wie Landbewohner brauchen ihn gleichermaßen: den Aufenthalt in den grünen Lungen der Natur zur Regeneration nach arbeitsreichen Tagen und Wochen.

Doch nicht nur diese Erholungsfunktion des heimischen Waldes ist in großer Gefahr; ebenso sind seine Nutz- und Schutzfunktion äußerst bedroht. Der Wald erkrankt zusehends mehr.

Knapp sechs Prozent - oder 200.000 Hektar - des heimischen Waldbestandes wachsen nur mehr vermindert oder gar nicht mehr. Die Ursache sind extreme Luftverunreinigungen. 40 Milliarden machen die bis heute entstandenen Schäden aus. Verursacher des schleichenden Waldtodes ist neben dem sauren Regen auch eine Direkteinwirkung der trok-kenen Luft und vor allem der Nebel, der eine ungleich höhere Konzentration an Schadstoffen auf die Bäume abgibt als der mittlerweile legendäre saure Regen.

Gerade im Frühjahr 1983 haben die erkennbaren Schäden im fast vier Millionen Hektar großen Waldbestand rapid zugenommen. Um diese Entwicklung raschest zu stoppen, sieht der ÖVP-Agrarsprecher Josef Riegler zwei Möglichkeiten: die Information der Bevölkerung und radikale politische Konsequenzen, „die sofort nötig sind“. Sein Vorwurf gilt hier in erster Linie der Regierung, die keine rettenden Taten setzt.

Wie ist es aber nun tatsächlich um das drittgrößte europäische Waldland bestellt, dessen Fläche zu 44 Prozent mit dem grünen Lebenselixier bedeckt ist?

Oberforstmeister Hermann Mattanovich vom Habsburg-Lothringischen Forstbesitz in Ybbs-Persenbeug stellt bei einem Lokalaugenschein mit Journalisten dazu fest: „In unserem Revier sind rund zehn Prozent der Gesamtfläche stark geschädigt. Rein materiell gesehen bedeutet das einen Holzverlust von mehreren J ahreseinschlägen."

Zur besseren Veranschaulichung: In einigen Regionen Österreichs ist der Niederschlag so sauer, daß Fische in einem mit Regenwasser gefüllten Aquarium nicht mehr überlegen könnten. Dort ist die Konzentration der Wasserstoffionen (pH-Wert) des Niederschlages geringer als vier, gegenüber 5,6 bei reinem Wasser. Je geringer der pH-Wert ist, umso größer ist die Säurekonzentration einer Flüssigkeit. Der Säuregrad verzehnfacht sich mit jeder sinkenden pH-Stufe. Das heißt von sechs auf vier ist der Regen hundertmal so sauer.

Randbäume und einzelne herausragende Bäume werden als erstes von den Schadstoffen befallen. Der Wald stirbt von außen nach innen. Charakteristisches Krankheitsbild: Die Nadeln verfärben sich zuerst in ein ausgedörrtes Rotbraun, bevor sie abfallen.

Woher die Schadstoffe kommen) und woraus die einzelnen „Wald-töter" zusammengesetzt sind, ist noch nicht restlos geklärt. Erst im kommenden September werden Nadelbaumproben aus insgesamt 700 bundesweiten Meßpunkten näheren Aufschluß darüber geben. Das ist gut so: Denn bis dato bestreiten viele Großbetriebe, Mitverursacher des sauren Regens zu sein.

Die hauptverursachenden Emissionsstoffe sind aber bekannt: Schwefeldioxid, Fluorwasserstoff und Stickoxide (Au arden machen die bis heute entstandenen Schäden aus. Verursacher des schleichenden Waldtodes ist neben dem sauren Regen auch eine Direkteinwirkung der trok-kenen Luft und vor allem der Nebel, der eine ungleich höhere Konzentration an Schadstoffen auf die Bäume abgibt als der mittlerweile legendäre saure Regen.

Gerade im Frühjahr 1983 haben die erkennbaren Schäden im fast vier Millionen Hektar großen Waldbestand rapid zugenommen. Um diese Entwicklung raschest zu stoppen, sieht der ÖVP-Agrar-sprecher Josef Riegler zwei Möglichkeiten: die Information der Bevölkerung und radikale politische Konsequenzen, „die sofort nötig sind". Sein Vorwurf gilt hier in erster Linie der Regierung, die keine rettenden Taten setzt.

Wie ist es aber nun tatsächlich um das drittgrößte europäische toabgase). Diese kommen zu über 50 Prozent aus staatlichen Industrieanlagen, zu etwa 20 Prozent aus privaten Betrieben und den Rest machen die „Abgase" aus den 2,6 Millionen österreichischen Haushalten aus.

Gottfried Halbwachs, Vorstand des Zentrums für Umwelt- und Naturschutz der Universität für Bodenkultur, sieht für das heimische Waldproblem nur eine wirksame Lösung: „Jede Maßnahme zur Einschränkung der Emissionen von selten eines Werkes ist hundertmal mehr wert als der Versuch der Reparatur an der Natur." Daher muß primär eine Ausstoßminderung des berüchtigten Schwefeldioxides, das den sauren Regen verursacht, erfolgen. Nur 0,2 Milligramm pro Kubikmeter -der höchstzulässige Grenzwert -können bereits bei kurzer Einwirkung Schäden an den Nadeln bewirken.

„Schwerkranker Patient" Doch dieser Soll-Wert wird in fast allen Bundesländern extrem überschritten. Gefährdet werden dadurch besonders Ortschaften in Gebirgsregionen, da das Absterben des Waldes seine Schutzfunktion vor Lawinen und Muren stark vermindert. Betroffen ist davon beispielsweise das untere Inntal in Tirol oder das Mur-Mürztal in der Steiermark.

Zuständige ÖVP-Politiker verlangen „für den schwerkranken Patienten, dessen Krankheitsbild immer schlimmer wird" (Nationalratsabgeordneter Walter Heinzinger) folgende Sofortmaßnahmen:

Verstärkte Heizölentschwefelung, Verwendung von schwefelarmer Kohle und Entbleiung des Benzins. Überdies soll ein Luftreinhaltungsfonds geschaffen werden, um Abgasentgiftungsmaßnahmen (z. B. Filteranlagen) finanzieren zu können. Und jeder Immissionsgrenzwert, der den Schutz des Waldes nicht gewährleistet, soll entschieden abgelehnt werden.

Denn wer will bei einem Waldspaziergang im Jahr 1990 schon feststellen: „Die Wälder rauschen nicht mehr. Sie haben nämlich keine Nadeln mehr".

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